Noch mehr Kredit für meine Zinsen

12. September 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die neuesten Zahlen vom Anleihemarkt sind erschreckend. Die Cash Burn Rate im Energiesektor ist enorm, die Verschuldung selbst der großen Konzerne wächst mit Riesenschritten. Wer sich den Markt weiter schönredet, wird Erfahrungen machen, von denen er noch lange erzählen kann.

An vielen Stellen kursieren Gerüchte, ein Ölpreis von 40 Dollar pro Barrel würde ausreichen um Firmen profitabel arbeiten zu lassen. Vergessen Sie es. Was am Energiemarkt zu beobachten ist dürfte zu einer der größten Welle an Kreditausfällen führen, die es insgesamt je gegeben hat. Schon jetzt liegen die Ausfallraten im Sektor in den USA bei mehr als 20%, Tendenz steigend. Auch 50 Dollar pro Fass ändern nur wenig an dieser Situation. Während bei jeder Kurserholung am Ölmarkt wieder auf die Rückkehr zur 100-Dollar Marke gehofft wird, darf man die Frage stellen, worauf diese Hoffnung fußt. Auf Informationen vermutlich nicht. Die folgende Grafik zeigt die US-Ölreserven.

oilreserves

Wie hoch auch immer die Nachfrage ist, das Angebot scheint sie seit geraumer Zeit nicht zu  übertreffen. Der einzige Grund, warum es noch nicht zu einem technisch induzierten Crash auf Grund der prall gefüllten Tanklager gekommen ist, findet sich im raschen Ausbau der Lagerkapazitäten und der Ausweitung der Möglichkeiten Öl weg von den Tankparks in Cushing hin zu den Lagern zu transportieren, die noch ein bisschen Luft im Tank haben.

An der Gefahr eines plötzlichen Einbruchs bei den kurz vor der Fälligkeit stehenden Kontrakten hat sich nichts geändert. Falls jemand ein Ereignis mit sehr unschönen Auswirkungen sucht, an das nur wenige denken und das gar nicht mal so unwahrscheinlich ist, dann kommt ein solcher Kollaps der Preise am kurzen Ende durchaus in Frage.

Ein solches Ereignis würde sicherlich vielen marginalen Produzenten den Garaus machen, so dass dann eine nachhaltige Erholung der Preise auf Grund einer dann deutlich sinkenden Förderung einsetzten könnte. Freiwillig wird keine Firma und wohl auch kein Staat die Förderung senken. Zu abhängig ist man allerseits von den Cash-Flows. Man schaue sich nur die Situation in Saudi Arabien an.

Diese Schieflage ist überaus bemerkenswert. Das gilt umso mehr, als gerade Saudi Arabien als ein Produzent dargestellt wird, der schon bei 20 Dollar pro Fass profitabel ist. Wie viel auch immer bei der Förderung in der Wüste hängenbleibt, es reicht bei weitem nicht aus. Das Defizit der Saudis ist riesig, die Anlagen des Staatsfonds bröseln dahin und man ist schon soweit, notwendige Investitionen drastisch einzuschränken. Das spricht nicht für eine rosige Zukunft und wer nach einem möglichen Zeitpunkt für einen militärischen Konflikt in der Region sucht, kann sich einfach ausrechnen, wann die Reserven erschöpft sein werden, wenn die Lage so angespannt bleibt wie sie ist.

Ein Kollaps der Ölpreise, selbst wenn er nur technisch induziert und damit kurzfristig ist, wird die Wahrnehmung der Lage in den Ölförderstaaten deutlich negativer gestalten. Die Auswirkungen auf die Risikoprämien und Währungen sollte entsprechend sein.

 

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3 Kommentare auf "Noch mehr Kredit für meine Zinsen"

  1. Lickneeson sagt:

    Der Chart oben spricht Bände. Er impliziert einen drastischen Nachfrageeinbruch, der so gar nicht mit der „heilen Wirtschaftswelt/ -news“ von FED & Co zusammenpassen will. Die Lager sind voll, die Nachfrage schwach, die Förderquoten an der Kapazitätsgrenze. Hää? Hauptsache Cash Flows – bis zur Pleite? Muss man das verstehen? Auf jeden Fall scheint der Ölmarkt von einer „Normalisierung“ Lichtjahre entfernt, der Nahe Osten befindet sich seit ich lesen kann in einer militärischen Dauerkrise, die Kommentare der letzten Tage seitens Saudi Arbiens in Richtung Iran
    können vielseitig interpretiert werden. Viel Spielraum für eine militärische Entzündung mit verheerendem Potenzial. Das in diesem Falle der Ölpreis stark steigen dürfte ist wohl eher kein Trost.

    Langsam aber sicher braut sich eine üble Datenmischung zusammen.

    MfG

  2. Skyjumper sagt:

    “ Die Auswirkungen auf die Risikoprämien und Währungen sollte entsprechend sein.“

    Sollte, ja. Aber wann ist in den letzten Jahren schon einmal etwas so gewesen wie es sollte? Es macht eher den Eindruck als wenn auf der globalen Titanic getanzt werden sollte bis der Dampfer auf dem Grund liegt. Und wer weiß – vielleicht tanzen wir selbst dann noch weiter. Ausschließen würde ich selbst das mittlerweile nicht mehr. Auch wenn es jedem rationalen Gedanken Hohn spricht.

  3. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo skyjumper,

    ein paar Dinge funktionieren schon noch, eine Ausfallrate von rund 20% im Oil & Gas Sektor in den Staaten ist so real wie die Verluste. Auch die Kursverluste einiger Emerging Market Währungen sind nicht verschwunden. Wie sagte jemand so treffend, nur weil die Auswirkungen manches Problems später als erwartet kommen, heißt es nicht, dass sie ausbleiben.

    Man darf sich aber durchaus wundern, wie lange manche Dinge über Wasser laufen. Dafür sollte man aber weniger etwaige nachhaltig positive Effekte der Zentralbankexperimente verantwortlich machen als vielmehr die offenbar ziemlich hartnäckigen Hoffnungen zahlreicher Anleger, dass diese irgendwann einmal eintreten.

    Ein Tanz auf der untergegangen Titanic – das hat Potenzial 🙂

    Ihnen einen schönen Abend
    Bankhaus Rott

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