Noch EU-ischer

5. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Egon Wolfgang Kreutzer (Homepage)

Während und vermutlich auch weil die Menschen in der EU immer stärkere Zweifel daran hegen, dass diese überstaatliche Organisation nicht gerade ihrem Nutzen dient, wird nun die weitere Konzentration ehemals staatlicher Macht in Brüssel gefordert, wo sie der Kontrolle der nationalen Parlamente und damit dem Gestaltungswillen des Souveräns entzogen ist.

Aus Frankreich wird nun die Forderung nach einer „Neugründung Europas“ laut. Der französiche Wirtschaftsminister Macron sagt – und das durchaus mit Recht – die Fortsetzung der bisherigen EU- und Euro-Politik führt zur Selbstzerstörung.

Doch so, wie ein starrsinniger Arzt nicht daran denkt, eine unwirksame, ja schädliche Therapie grundsätzlich zu verändern und stattdessen die Medizin in immer höherer Dosierung verordnet, bis der bereits geschwächte Patient unter den Nebenwirkungen vollends zusammenbricht, so denkt man weder in Paris (noch in Berlin) daran, den eingeschlagenen Irrweg zu verlassen, ein gutes Stück zurückzugehen und den Nationalstaaten hoheitliche Aufgaben und die Kontrolle über das eigene Geld / die eigene Währung zurückzugeben, stattdessen sollen die Fesseln noch einmal fester angezogen werden.

Ein Euro-Kommissar soll die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik der Euro-Länder koordinieren! Eine Horrorvorstellung!

Und auch schon wieder raffiniert getimet. Nach den Wahlen in Frankreich und Deutschland, ab Herbst 2017, könnten die Veränderungen umgesetzt und damit endgültig die europäische Transferunion geschaffen werden. Mit einer großen und vollkommen unkontrollierbaren Umverteilungsmaschine in Brüssel. Einem Moloch, der stets nach mehr Geld gieren und es stets an den wahren Bedürfnissen vorbei verteilen wird.

Und weil die einzigen, deren Wirtschaft noch halbwegs funktioniert, deren Sozialsysteme, trotz der Hartz-Katastrophe immer noch zu den großzügigsten unter den armseligen zählen, nämlich wir Deutschen, am Ende für alles aufkommen müssen, wird auch diese nächste Stufe der „Europäischen Einigung in der Zwangsjacke“ mit einer Enthaltung von allen anderen einstimmig angenommen werden.

Es gibt eine kleine, auf Vorrat geschriebene Satire, die ich heute veröffentliche:

Toi, toi, Toitschland!

Als sich vor langer Zeit Schauspieler vor der Premiere gegenseitig noch dreimal über die Schulter spuckten, um sich gutes Gelingen zu wünschen, war die Spucke noch echt – und das Geräusch dabei klang eher wie „tphff, tphff, tphff …“

Später erschien die ursprüngliche Variante dieser abergläubischen Glücksbeschwörung vielen als unhygienisch und ekelhaft und die Feingeister verwandelten sie in jenes falsch-lautmalerische toi, toi, toi, das immer noch zu hören ist, und längst nicht mehr nur bei Schauspielern.

Ein Prozess, der ebenso verlaufen ist, wie die Umwandlung jenes „Ich wünsche Ihnen einen guten Tag“, zum sinnleeren „Tach!“ oder „Tach-chen!“, bzw. die Verwandlung des alpenländisch-katholischen „Behüte dich Gott“ zum „Pfüadi!“

Der Beispiele gäbe es noch mehr, doch meine ich, diese beiden genügen vollauf, um den Geistesblitz zu erklären, der meines Erachtens nach die Lösung aller deutschen Probleme, einschließlich der German Angst, mit sich bringen könnte.

Wir lassen einfach den hässlichen Deutschen verschwinden.
Wir lassen auch dieses gefährliche Deutschland verschwinden.
Wir lassen jede geschichtliche Erinnerung hinter uns.
Wir werden einfach „Toitsche“.

Das jedenfalls war der erste gedankliche Schritt, die Initialzündung, oder, wie es auf Neutoitsch heißt, die „Ignition“.

Bei länglicher Betrachtung des hingeschriebenen Wortes erkannte ich jedoch, dass es einerseits eine gewisse Ähnlichkeit hat, mit dem, was Matthias Koeppel schon vor Jahrzehnten als Starkdeutsch bezeichnete und verwendete, um parodistische Gedichte zu verfassen, wie jenes, nachstehend wiedergegebene, über die Architekten:

Arr, di Arr; di Arrckitucktn –
jarr, di sünd tautul pfarrucktn.
Pauhn onz euburoll Quaduren,
vo se gurrnücht henngehuren.
Vn demm Hurz büsz ze denn Ullpn
snd di Häusur steitz di sullpn.
Duch di Arrckitucktn tschumpfn:
Onzre Pauhörrn snd di Tumpfn!
Olle zullte mon kastruren,
düßße auff ze pauhin huren;
odur stott ünn rachtn Winkuln
se dönn pauhin, wi se pinkuln.

kurze Sinnwiedergabe:

Die Architekten
sind total verrückt.
Bauen uns überall kubische Gebilde,
wo die gar nicht hingehören.
Vom Harz bis zu den Alpen
sind die Häuser stets dieselben.
Doch die Architekten schimpfen,
uns’re Bauherrn sind die Dummen!
Alle sollte man kastrieren,
damit sie auf die Bauherrin hören,
oder statt in rechten Winkeln,
sie dann bauen, wie sie pinkeln.

„Toitsche“, das geht also nicht, denn vermutlich hat irgendwer die Rechte daran – und die zu erwerben, würde die Schwarze Null im Finanzministerium vermutlich als alternativlos unbezahlbar ablehnen.

Da mir diese Form allerdings ebenfalls nicht gefällt, führte einiges weitere Kopfzerbrechen dann doch noch zu einer Lösung, von der ich meine, sie ist so gelungen wie ein guter österreichischer Apfelstrudel, mit viel Rosinen, Vanillesoße und Schlagobers, wie er auf den tourismuskonformen, per Automobil erreichbaren, kunstvoll nachgebauten Almhütten, tief drunten in den Tälern angeboten und von Massen von Touristen massenweise goutiert wird.

Es war die spielerische Beschäftigung mit dem „Toi, toi, toi“, die früher oder später zwangsläufig zum „Toy, toy, toytschland“ führen musste.

Toy – ein Spielzeug.

Was träfe auf dieses Land in seinem gegenwärtigen Zustand besser zu?

Toy. Ein geduldiges Spielzeug, ein Plüschteddy, dem man weinend seinen Kummer anvertraut, nur, um ihn in der nächsten Sekunde wütend in die Ecke zu feuern. Wenn man sich langweilt, kann man auch schon mal versuchen, herauszufinden, wie die Glasaugen am Kopf befestigt sind, oder dem guten Tier den Bauch aufschlitzen, nur, um zu sehen, was da so alles zum Vorschein kommt.

Toy. Ein geduldiges Spielzeug, eine Modell-Eisenbahn, schön auf einem Holzbrett montiert, mit Häuschen drauf, und Bäumchen, und kleinen Menschlein, und dann dreht man am Trafo – und schon gibt es die schönste Entgleisung oder einen Frontalzusammenstoß. An so einem Spielzeug kann man schöne Erkenntnisse sammeln, die sich auch leicht auf das richtige Leben übertragen lassen.

Toy. Ein geduldiges Spielzeug. Ein Lego-Systembaukasten. 1.500 Teile zum beliebigen Zusammenstecken und wieder Auseinanderreißen. Ergänzungsbaukästen dazu schaffen erst die wahre Vielfalt, und wenn sich das Gebilde aus der Vorstellung um’s Verrecken nicht in Lego-Architektur übersetzen lässt, dann reißt man die Teile einfach wieder auseinander und verstreut sie auf dem Teppichboden. Die Mutter und der Staubsauger werden schon für Ordnung sorgen.

Man könnte also, meinte ich im nächsten Schritt, durchaus auch „Toytschland“ sagen und die Menschen dort als die „Toytschen“ bezeichnen.
Allerdings klingt auch dies, trotz des Anklangs an das „Nichts ist unmöglich, Toy-ota!“, immer noch zu provinziell.

Dieser Zischlaut in der Mitte, dieses „tsch!“. Das klingt ja, als wollte man Nachbars Katze aus dem Blumenbeet verjagen, obwohl sie gerade dabei ist, ihren Haufen zu setzen, was schließlich eine besonders schützenswerte Beschäftigung ist, bei der sich niemand gerne stören lässt.

Eine Weile war ich in der Einbildung gefangen, es sei gerade dieses „tsch“, was unsere wahre nationale Identität ausmacht – und von daher unverzichtbar, bis ich mir eingestehen musste, dass, wenn die hässlichen Deutschen verschwinden sollen, eben auch und gerade (!) dieses „tsch“ verschwinden muss, und zwar vollständig und unwiederbringlich.

Es hat ja auch etwas mit der deutschen Neigung zur Schadenfreude zu tun, wie sie im schönen deutschen Wort „ätsch“ zum Ausdruck kommt. Es hat etwas mit dem deutschen Militarismus zu tun, wie er sich im Tschinderassabumm der Musikkorps lautstark Luft macht.

Dieses „tsch“ bezeichnet den adipositären Mittfünfziger, der sich in Turnhose und Badelatschen vor dem Fernseher mit Bier und Kartoffeltschips abfüllt.
Es weist hin, auf die verhätschelten Einzelkinder, die von Mama im SUV zum Kindergarten kutschiert werden, auf die kleine Klitsche, die Pleite gemacht hat, auf den Matsch in so mancher Birne, es erinnert daran, dass nach zwei Währungsreformen jeweils alles futsch war, usw., usw.
Diese erschreckenden Assoziationen befreiten endlich mein Denken. Nein. Weg mit diesem „tsch“. Niemand braucht es. Es ist von Übel. Vielleicht ist es sogar ebenso das Übel in Deutschland, so wie General Electric das GE in Germany ist.

Fazit

Die alsbaldige Umbenennung in Toyland, Staatsangehörigkeit toy, die Staatsbürger Toys, ist dringend angezeigt.

Nicht nur,

weil mit dieser Bezeichnung endlich Sein und Schein in Übereinstimmung kommen, Toyland und Toys einfach viel authentischer wirken und die immer angemahnte Bescheidenheit und Demut darin so gut zum Ausdruck kommt,

nicht nur,

weil damit ein vollkommen neues Kapitel in einem vollständig unbeschriebenen Geschichtsbuch geschrieben werden kann, frei von jeglicher Altlast und Erbschuld ein Neubeginn möglich wird,

nicht nur,

weil Toys in der Regel keine Ansprüche stellen, sich nächtens heimlich von Nichts ernähren, auch kein Geld brauchen und folglich auch nie mehr Staatsschulden aufhäufen können,

nicht nur,

weil Toys – als die Figuren der Spielenden – selbst weder ein Gewissen noch einen eigenen Willen haben, sondern immer nur tun, wozu sie ge- oder missbraucht werden,

nicht nur,

weil die Bewohner des europäischen Hauses damit endlich den letzten Zweifel verlieren, ihre Pläne und Ziele richteten sich gegen Deutsche, sondern endlich, so wie auch die NATO-Partner, gewiss sein können, dass es sich ja nur um Toys handelt,

sondern vor allem auch,

um endlich ein schreckliches Ärgernis der politisch korrekten Sprache ein für allemal aus der Welt zu schaffen.

Toys sind gendermäßig unproblematisch.

Es gibt weder den Toyerich, noch die Toyin, sondern alle sind gleichermaßen einfach nur Toys, ganz und gar unabhängig von ihrer sexuellen Identität.

Das hat nicht nur unschätzbare sprachliche Vorteile, es erspart auch die Errichtung getrennter Toyletten für Männlein und Weiblein, es befreit von den LehrerInnen, den IngenieurInnen, den KultusministerInnen, den SoldatInnen, und überhaupt von allen -Innen.

Stattdessen gibt es Lehrtoys, Ingenieurtoys, Kultusministoys, Soldatoys, usw.

Außerdem werden sich die Toys keinesfalls gegen TTIP oder Bargeldverbot auf die Barrikaden bringen lassen, sie werden auch bei allen künftigen Wahlen nur noch so wählen, wie es das von den Spielern erwünschte Ergebnis erfordert.

Toys haben schließlich nicht nur keine Ahnung, sie haben auch kein Selbstbewusstsein, keine eigenen Ziele und Wünsche – ja sie wollen noch nicht einmal glücklich sein, weil sie gar nicht wissen, was das ist.

Und, last but not least, Toys brauchen im Grunde auch gar kein eigenes Land. Was sollen so viele Toys auf einem Haufen? Es ist doch besser, man verteilt sie gerecht auf die Kinderzimmer und Spielkisten.

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Ein Kommentar auf "Noch EU-ischer"

  1. toter_esel sagt:

    Es ist die alte Leier mit neuem Sound: Man muss sich unabhängig machen. Sich Optionen suchen. Und zweifelhafte wertberichtigen oder abschreiben (Gesetzl. Rente, LV, Forderungen gegen Banken usw.). Zeit ist noch genug! Den meisten fehlt es an der Erkenntnis und dem Mut, zunächst sich selbst in Frage zu stellen.
    Ich befürchte, dass wir eine fette Rechnung für die Scheinblüte „unserer“ Wirtschaft bekommen werden. Es ist auch nicht verkehrt, zumindest seine Englischkenntnisse auf dem Laufenden zu halten. Denn damit kommt man überall weiter. Und auch wieder zurück.

    Kurz gesagt: einen Fluchtplan entwickeln. Und der sieht bei jedem einzelnen anders aus.

    Schon die Römer wussten, dass die Gefahr im Zögern steckt (schöne Grüsse nach Berlin…). Was hatten die, was wir nicht haben?

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