Noch 168 Stunden bis zur Wende?

21. Februar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Wir Anleger sind schon ein schwieriges Völkchen. Der ganz überwiegende Teil der Marktteilnehmer kann entweder nur stur mit der Masse mitlaufen oder fühlt sich permanent dazu gezwungen, dagegen zuhalten. Erstere fahren so lange hervorragend, bis es zu einer Trendwende kommt. Anstatt diese zu realisieren wird dann immer und immer wieder in fallende Kurse hinein zugekauft und der vorher erzielte Gewinn auf diese Weise vernichtet…

Die zweite Gruppe fährt ihr Kapital in einem permanenten Widerstandskampfes sukzessive auf, so dass davon in dem Moment, indem sie recht bekommt, nur noch so wenig Geld übrig ist, dass der dann erzielte Gewinn meist im besten Fall dazu reicht, wieder auf den vorherigen Stand zu gelangen. Auf einen grünen Zweig kommt man letzten Endes nur, wenn man imstande ist, die eigene, in jedem Fall unbedingt erforderlich eigene Meinung von seinen unmittelbaren Aktivitäten zu trennen, sprich emotionslos wie möglich die Lage zu betrachten.

Im Augenblick ist ein erstaunlich große Anzahl an Privatanlegern aufgrund der weitaus kritischer als allgemein beschriebenen Gemengelage eisern bearish, weil dieser immerhin seit Mitte Dezember fast 24 % umfassende Anstieg des DAX der Entwicklung in der EU extrem zuwiderläuft und der Euro als weniger beeinflussbares Barometer für die tatsächliche Situation im selben Zeitraum gerade mal ein einziges Prozent gestiegen ist. Aber an der Börse muss man nicht nur Recht haben, sondern auch Recht bekommen. Der Grund für die permanent gestiegenen Kurse liegt ja nicht in einer nüchternen Betrachtung der Gesamtlage, sondern an zwei Aspekten, die nur indirekt damit zu tun haben:

Zum einen hat sich die (auch jetzt noch nicht wirklich sichere) Freigabe der nächsten 130 Milliarden für Griechenland über Wochen hingezogen, wurde aber täglich von optimistischen Aussagen begleitet, dass eben diese Einigung ganz unmittelbar bevorstehe. Seit ungefähr drei oder vier Wochen stand diese Einigung permanent nur wenige Stunden bevor. Und immer und immer wieder ließen sich die Marktteilnehmer aus der ersten, obengenannten Gruppe der „Mitschwimmer“ dazu hinreißen, ihre Positionen Stück um Stück zu vergrößern. Aber jetzt ist diese permanente „Zugkraft“ des Themas Griechenland erst einmal vom Tisch.

Und die Begeisterung der Marktteilnehmer hielt sich nicht nur deswegen in Grenzen, weil schon wieder gemeckert wurde indem man sofort einschränkte, dass diese Summe erst dann in vollem Umfang fließen werde, wenn Griechenland die Sparzusagen auch wirklich einhalte, was man Anfang März überprüfen wolle (als ob man sich dazu zu diesem Zeitpunkt schon ein klares Bild verschaffen könnte). Nein, wir sehen hier einfach einen völlig normalen Effekt von „buy the rumor, sell the fact“, sprich von wochenlangen Vorkäufen auf ein Ereignis, dessen Eintreten sich so lange hinzieht, dass dann, wenn es soweit ist, kaum noch jemand da ist, der auf dieses Ereignis hin neu einsteigen will … während all die anderen, die bereits im Vorfeld gekauft hatten, jetzt alle auf einmal ihre Gewinne mitnehmen wollen.

Dadurch wurde dieser von manch einem im Vorfeld als Tag der Jubelrallye erwartete Handelstag zu einem Rohrkrepierer. War es das nun also mit der Aufwärtsbewegung? Ist der Aufwärtstrend nach nunmehr zwei Monaten vorüber? Vorsicht, noch sind in keinem wichtigen Bereich entscheidende charttechnische Unterstützungslinien gebrochen worden. Und es gibt ja noch einen zweiten Aspekt, der seit den letzten Handelstagen vor Weihnachten für immer weiter steigende Kurse gesorgt hatte: Geld!

Und zwar billiges Geld der Europäischen Zentralbank für die europäischen Geschäftsbanken, zu Konditionen (ein Prozent Zins, drei Jahre Laufzeit), die jedem Amtsträger, so er sie erhielte, den Job kosten würden. Eine satte halbe Billion wurde am 22. Dezember auf den Tisch der Häuser gelegt. Und es kann mir niemand erzählen, dass, zumal die europäische Zentralbank ausdrücklich betont hatte, dass diese Kredite nicht zweckgebunden seien, nicht ein Teil des Kapitals in die Aktienmärkte geflossen ist, statt zur Schuldentilgung, zur Stützung der Anleihemärkte schwacher EU-Staaten oder als Liquiditätsreserve zu dienen. Und in genau einer Woche, am 28. Februar oder, bezogen auf den Zeitpunkt, zu dem ich diesen Artikel schreibe, in 168 Stunden, gibt es Nachschub…

Dann wird die zweite Tranche, der nächste Drei-Jahres-Tender der EZB, an die europäischen Banken verteilt. Über dessen Höhe wurde viel spekuliert, aber das können wir (wenngleich es permanent irgendwelche Leute tun) nicht effektiv vorhersagen. Es könnte deutlich mehr sein als beim ersten Mal, vielleicht aber auch nicht. Das kann sich, sollte es weniger sein, negativ auf die Börsen auswirken, denn nur mit der Hoffnung auf weiteren und stetigen Liquiditätsnachschub können die Kurse nach diesem kräftigen Anstieg der vergangenen zwei Monate noch eine Etage höher klettern. Nur … es könnte dann auch trotz eine überraschend hohen Kreditsumme eng werden!

Ich kann genauso wenig in die Zukunft sehen wie all die Auguren in den Medien, die dies aber dennoch permanent tun und damit in fröhlicher Regelmäßigkeit Schiffbruch erleiden. Dennoch wage ich zumindest einmal die Behauptung, dass die wahrscheinlichste Entwicklung für diese kommenden Tage ist, dass Rücksetzer sich bis zu diesem 28.02. in einem engen Rahmen halten werden und die Aktienmärkte zu Beginn der kommenden Woche und damit unmittelbar vor der Ausgabe neuen Taschengelds für die europäischen Banken noch einmal einen Gang höher schalten könnten. Dann erst kommt es zum Schwur. Sollte die neue Kreditsumme unter den Erwartungen ausfallen, kann es gleich abwärts gehen. Fällt sie höher aus, geht man unmittelbar davon aus, dass die Banken einen Teil des Kapitals sofort in die Aktienmärkte und Rohstoffe stopfen werden und wird selbst dann massiv kaufen, wenn es diese entsprechenden Banken selbst gar nicht tun. Aber!

Ich denke, alleine aufgrund des Schwindel erregenden Niveaus der Aktienmärkte in Relation zur wirtschaftlichen Perspektive, die sich, was die EU angeht, weder durch die Einigung in Griechenland noch durch das billige Geld für europäische Banken nachhaltig aufhellt, wird es dann erst einmal vorbei sein. Vielleicht kommt es noch einen oder zwei Tage nach der Ausgabe der neuen Kredite zu einer Rallye, aber dann ist dieses Thema ebenfalls vom Tisch. Und was bleibt dann?

Man wird sich an Portugal, Spanien oder Italien erinnern. Man wird sich daran erinnern, dass man auch in den USA seine Probleme hat, der dortige, zuletzt angedeutete Aufschwung auf Pump finanziert wird und die US-Politik so nahe an der Präsidentenwahl im November sukzessive handlungsunfähig werden wird. Man wird sich erinnern, dass das Wachstum in China nicht mehr groß genug ist, als dass Europa und die USA einen vergleichbaren Anteil von den Fleischtöpfen bekommen wie in den Jahren zuvor. Man wird einfach feststellen, dass nichts mehr da ist, dem man freudig entgegen fiebern kann.

Ein Kursanstieg, dem seit einigen Wochen schon die Sprossen auf der Leiter abgehen und ein plötzlicher, erzwungener Blick über den Tellerrand auf alles andere als Vorfreude erweckende Rahmenbedingungen – diese Kombination legt nahe, dass man versuchen sollte, in dieser und der kommenden Woche in steigende Kurse hinein seine eigenen Long-Positionen sukzessive zu verringern. Denn insbesondere die großen Adressen, die einen Löwenanteil dieser Aufwärtsbewegung (gegen die bearishen Privaten) „erschaffen“ haben, wissen sehr wohl um die wahrscheinliche Trübsal der kommenden Monate. Ich rate sehr davon ab, jetzt als privater Anleger zu den „zittrigen Händen“ zu gehören, denen die institutionellen Investoren jetzt natürlich nur zu gerne ihre Positionen andienen würden, bevor den Börsen dann die Luft ausgeht.

Ich wäre ein Narr, würde ich das als gesicherte Zukunft propagieren. Immer wieder haben wir lernen dürfen, dass unvorhersehbare Ereignisse vorgefasste Szenarien über den Haufen werfen. Nicht zuletzt deswegen arbeite ich ja seit Jahren nicht mehr mit meinem „Bauchgefühl“, sondern mit Handelssystemen. Aber es ist im Moment nun einmal die wahrscheinlichere Variante für die kommenden Wochen, so dass man sich zwar nicht vor der Zeit gegen den momentan noch intakten Aufwärtstrend stellen sollte, denn das macht erst Sinn, wenn tatsächlich entsprechende charttechnische Signale aufgetreten sind. Aber in die kommende Woche mit einem vollen Depot a la Hausse zu gehen, entspannt die Füße hochzulegen und sich wie ein Lemming darauf zu versteifen, das alles so bleiben wird, wie es ist … das wäre eines Narren würdig. Und für die ist schließlich am Aschermittwoch alles vorbei!

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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9 Kommentare auf "Noch 168 Stunden bis zur Wende?"

  1. purity sagt:

    Mich hat es auch gewundert, dass sich der Aktienmarkt nach dem heftigen Einbruch im August 2011 so gut erholt hat. Andererseits waren die Bewertungen deutscher Aktien günstig. Wenn in der nahen Zukunft die deutsche Wirtschaft nicht einbricht, sind die Bewertungen noch moderat. Denn was ist die Alternative? Am Geldmarkt kann man keine Rendite erwirtschaften und Edelmetalle sind interessant aber sehr volatil. Silber wird in einer Rezession auch leiden. Und was kann man mit Gold schon anfangen? Nur rund 10% gehen in „Realwirtschaft“, also kann es auch nicht ewig steigen und wird irgendwann wieder fallen. Gold lebt von den Narren, die jetzt meinen, dass alles mit dem Drucken von mehr Geld behoben werden kann.

    • Frank Meyer sagt:

      Kleiner Einwurf… wieso sind deutsche Aktien günstig bewertet? Wenn man den Gewinn/Aktie anschaut und dann die Schulden/Aktie anschaut, dann sieht es schon anders aus.
      Übrigens ist die Volatilität bei Gold geringer als beim DAX

      Gold lebt von den Narren, die jetzt meinen, dass alles mit dem Drucken von mehr Geld behoben werden kann.

      Und der DAX?

      • crunchy sagt:

        Ein tolles Beispiel zu einer günstigen Volksaktie konnte ich am Wochenende in der WiWo lesen, jetzt auch online:

        http://www.wiwo.de/finanzen/boerse/deutsche-telekom-was-telekom-aktionaeren-blueht/6215824.html

        Nicht nur das Goodwillproblem, das den Buchwert einer Aktie mindert, auch andere Bewertungsansätze, bei Banken z.B. alles, was nicht mark to market bewertet wird, Bestellungen als Umsatzbuchungen etc. und Ausserbilanzielles vernebeln dem Analysten die Sicht. Hat er dennoch, als Cleverle, den Durchblick, kommt noch der Chef des Chefs daher und warnt vor der Verschlechterung der Kundenbeziehung.
        Persönlich hatte ich meinerzeit nur Kleinunternehmen, deren Vorstand ich kannte, im Blick. Die Grossen waren für mich nur wie eine Commodity zu handeln: International vernetzt, waren nur konjunkturelle Entwicklungen für die Ergebnisprognose wichtig.
        Als Rentner bin ich stockkonservativ: Raus aus Aktien, rein in EM.
        Meine Rente steckt voller Bewertungsschrott.

  2. purity sagt:

    Hallo Herr Meyer!
    Ich traue dem DAX eben eher zu, dass er sich nach einem Einbruch durch eine mögliche Rezession wieder erholt – man muss dann eben warten können 😉
    Mit der Aussage, dass deutsche Aktien moderat bewertet sind, habe ich natürlich auch unzulässig pauschalisiert. Also will ich mal drei konkrete Beispiele nennen, die für meinen Geschmack günstig sind:
    VW Stammaktie: KGV 7 Dividendenrendite 2,3% Nettovermögen je Aktie 143,00 Euro Kurs 129,00 Euro (die Zahlen habe ich von der comdirect).
    Rheinmetall: KGV 8,3 Dividendenrendite 4% Nettovermögen je Aktie 40,00 Euro, Kurs 44,50 Euro
    Münchener Rück. KGV 8 Dividendenrendite 5,8% Nettovermögen je Aktie 133,00 Euro, Kurs 109,00 Euro
    Wenn man dagegen das KGV deutscher Staatsanleihen errechnet, erscheinen mir die Aktien doch sehr günstig. Ich frage mich allerdings auch, ob man mit dem langfristigen KGV-Durchschnitt eine sinnvolle Größe hat. Früher haben unsere AGs nach HGB bilanziert, heute wird wohl nach US-GAAP bilanziert. Dadurch stehen die Unternehmen wohl bilanziell hübscher da als früher.
    Die Goldbewertung ist für mich einfach sehr spekulativ. Nehmen Sie mal an, Sie würden den Preis des Goldes nicht kennen. Sie wüssten aber wie es gewonnen und verwendet wird. Barren, Münzen, Schmuck und etwas für die Industrie. Wären Sie dann bereit 1.340 Euro für 31 Gramm zu bezahlen? Diesen Vergleich gewinnt für mich Silber deutlich.

    Ein Link zum Handelsblatt:
    http://www.handelsblatt.com/finanzen/boerse-maerkte/anlagestrategie/boersenbewertung-der-dax-hat-noch-viel-potenzial/6195816.html

    Welche Größen nehmen Sie denn zur Betrachtung der Verschuldung von Unternehmen?
    Die Nettoverschuldung oder die Eigenkapitalquote? Da bin ich nicht so bewandert, wie das betrachtet wird. VW hat angeblich keine Nettoverschuldung sondern einen Nettogeldbestand von 23 Milliarden Euro aber andererseits eine Eigenkapitalquote von (nur) 24,4%.
    Einen schönen Urlaub noch und viele Grüße aus dem kalten Deutschland.

    • Frank Meyer sagt:

      Hallo purity genau nach dem Beispiel, Einzelwerte anschauen. prima Beispiele, finde ich. Der DAX ist zwar einfach zu handeln, aber in diesem Index stecken auch die vielen Unternehmen drin, die bis Oberkante verschuldet sind. DAX -ex Commerzbank, ex-DelleKomm, ex-E.ON, ex-RWE, wäre meiner Meinung nach besser. Vielleicht ist der DivDAX eine bessere Variante. Einige Unternehmen schütten auch zuviel aus der Substanz aus. Bilanzierung macht`s möglich. Da bin ich eher ein Anhänger von HGB.

      @Gold/Silber Ich auch eher der Silberfan im Vergleich zum Gold. War aber schon immer so. Viele Grüße! P.S. Urlaub ist leider vorbei…

  3. mfabian sagt:

    Eine Interessante Grafik hierzu findet sich in der gestrigen NZZ:
    http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/equity/die_grosse_manipulation_1.15220129.html
    Dow Jones Chart ab 2009 und darin die diversen QE eingetragen.

  4. Deutsche AktienTechnische Analyse der Finanzmärkte sagt:

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