No way out – im Schweinsgalopp in die Depression?

6. September 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Ich glaube ja nicht, dass über das Wochenende, ohne wirklich neue Nachrichten, eine Welle kollektiver Furcht aufkam, die bewirkte, dass der Dax am Montag neue Tiefs im Abwärtstrend markierte. Insbesondere die Tatsache, dass das ausgerechnet geschah, als die US-Anleger nicht dazwischen funken konnten, machte diesen Abwärtsschub des cleveren Kalküls einer oder mehrerer großer Adressen verdächtig…

Dass man in den Medien argumentierte, es sei explizit die Angst vor Rezession, EU-Zerfall und Bankenzusammenbruch gewesen, dürfte daran gelegen haben, dass momentan, wie meist in derart volatilen Phasen, die Kurse die Nachrichten formen, nicht umgekehrt. Aber!

Es ist keineswegs so, dass diese Argumente für fallende Kurse nur Phantome wären. Ich bezweifle, dass sie unmittelbarer Auslöser dafür waren, dass man den Dax am Montag unter seine bisherigen Tiefs drückte. Aber ich bezweifle nicht, dass diese Probleme den Dax nicht noch ein gutes Stück tiefer bringen – und womöglich ein sehr gutes Stück, wenn der Zerfallsprozess sich im aktuellen Tempo fortsetzt. Und das Hauptproblem ist, dass es keine Handhabe gibt, um diesen Prozess zu bremsen oder gar effektiv zu stoppen. Das Pulver ist schon im Zuge der Krise ersten Teiles, anno 2008/09, verschossen worden … und meist gingen die Schüsse ins Leere.

Die USA hat weiter steigende Arbeitslosenzahlen (real berechnet, die der Regierung stagnieren auf hohem Niveau), der Immobilienmarkt bleibt am Boden, der Konsum stockt, wenn man ihn inflationsbereinigt berechnet, das Verbrauchervertrauen ist dahin. In die Wirtschaft ebenso in die Politik. Was übrigens dazu führt, dass ich auch hier vor mich hin zweifle. Ich bezweifle nämlich stark, dass es schlau ist zu glauben, dass es den USA besser geht als Europa und deswegen Aktienbestände einfach Richtung USA umzuschichten. Das ist momentan, noch in dezentem Umfang, zu erkennen. Aber ich meine, wer das tut, hüpft direkt aus dem Kochtopf in die Friteuse.

Die beiden Zonen geben sich nichts, sie stehen beide mit dem Rücken an der Wand. Und die Perspektive lautet: No way out. Die Notausgänge wurden nämlich alle schon benutzt – bis auf einen? Dazu gleich. Das Problem ist neu, aber leicht zu verstehen:

Was Greenspan einst säte …

Wenn die Wirtschaft schrumpft oder längere Zeit stagniert – beispielweise, weil man, so wie momentan, keine neuen Technologien hat, die die gesamte Wirtschaft stimulieren (wie früher das Radio, das Automobil, Fernsehen, Raumfahrt, Wettrüsten, Biotechnologie etc … heute haben wir nur „Facebook“) oder man irgendwelche Tiefschläge wie Kriege zu verdauen hat und keine neuen in Sicht sind, die den Umsatz ankurbeln, mussten Konjunkturprogramme her, um wieder Geld in die Taschen der Leute und damit Geld in die Kassen der Unternehmen zu bringen…

Die Abwärtsspirale aus weniger Konsum = weniger Umsatz = weniger Arbeit = weniger Konsum usw. wurde also gestoppt und umgekehrt, indem man dem Kreislauf einfach genügend Geld in die Speichen warf. Erstmal macht man also mehr Schulden, um die Sache wieder ins Laufen zu bekommen. Zurückzahlen kann man es dann, wenn es wieder läuft. Klappte in den vergangenen Jahrzehnten tadellos.

Diese Methode wurde aber in den vergangenen knapp zwanzig Jahren präventiv ausgehebelt, ohne dass man etwas dagegen unternahm, weil man – wie so oft – grundlos hoffte, es werde schon gut gehen oder, wenn nicht, dass man selbst dann nicht mehr in der Verantwortung stehen werde. Was den Kopf angeht, den man heute dafür verantwortlich macht (obgleich damals alle brav zugestimmt hatten), stimmt das: Alan Greenspan ist da aus dem Schneider. Er hatte seit den Neunziger Jahren jeden Ansatz einer Rezession, die eigentlich ja nur ein notwendiger und damit heilsamer Prozess im Zuge des Wirtschaftskreislaufs ist, dadurch im Keim erstickt, dass er das Niveau der Leitzinsen – und damit der Kapitalmarktzinsen – immer wieder senkte, ohne es danach vergleichbar wieder anzuheben.

Mit Billigung der Politik und Wirtschaft, die es heute natürlich nicht gewesen sein will. Das führte zu einer Phase langen Wachstums … aber nur aufgrund des permanent fließenden billigen Geldes. Die Konsequenz war zum einen, dass die im Rezessionsfall stimulierende Waffe der Zinssenkung stumpf und stumpfer wurde und heute mangels Masse komplett dahin ist. Und es führte zum anderen dazu, dass die Banken und die Anleger ob des billigen Geldes und des dadurch scheinbar geringen Risikos immer gieriger und kurzsichtiger wurden. Konsequenz:… (Seite 2)

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12 Kommentare auf "No way out – im Schweinsgalopp in die Depression?"

  1. retracement sagt:

    >>Ich sehe momentan keinen Ausweg, einer wirklich weltumspannenden Krise zu entgehen. Und wohin der Anleger auch flieht, er wechselt nur das Risiko.

    Warum nicht einfach das Geld aufs Konto packen und abwarten, wie es weitergeht? <<

    Glaube die Lösung zu haben:
    http://www.youtube.com/watch?v=prbi2dj9F0s
    oder
    http://www.youtube.com/watch?v=isv0jJozfzA

    Viel Spass damit. Muss nun auch nicht mehr immer zur Tanke wg. der Ziggis, da mittlerweile Stangenkäufer.

  2. conan sagt:

    Hallo Herr Gehrt,

    Ihre Texte gehören meiner Ansicht nach mit zu dem besten was es im Netz zu lesen gibt. Ihre Kommentare lese ich mit am liebsten!

    So — nachdem ich Ihnen jetzt genügend Honig ums Maul geschmiert habe, können Sie mir ja vielleicht ein bisschen was erklären 😉

    Warum genau sehen Sie die sicheren Häfen so kritisch (speziell den sicheren Hafen EM)? IRGENDWO muss das ganze Papiervermögen doch hin!?!?

    Wissen Sie, ich bin schon in Form von Put-Optionen an der aktuellen Abwärtsbewegung im Dax beteiligt — aber ich bin mir immer im klaren darüber, dass solche Derivate immer ein Fremdemittenten-Risiko beinhalten.

    Also letztendlich sind doch auch diese Derivate alles andere als sicher. Wenn mir der Emittent den Lehman macht habe ich mit Zitronen gehandelt. Und unser Freund Ponzi macht immer wieder mit seinen Artikeln auf die desolate Situation in den Bankbilanzen aufmerksam. Sooo unwahrscheinlich ist das also nicht.

    Ich persönlich bevorzuge folgende Strategie:

    1. Physisches EM
    2. EM Minen und Explorer-Aktien
    3. Put-Optionen auf den DAX

    NICHTS von alledem ist sicher. Aber es besteht doch eine realistische Chance, dass das exorbitante vorhande Papiervermögen aus Anleihen, „normalen“ Aktien und Derivaten sich was neues suchen muss -> Davon könnten durchaus EM und EM-Aktien profitieren.

    Bargeld ist doch auch nicht wirklich sicher und als allerunsicherstes überhaupt würde ich die Sichteinlagen bei der Bank einstufen. Warum genau sehen Sie das anders?

    • samy sagt:

      „…dass solche Derivate immer ein Fremdemittenten-Risiko beinhalten.
      Also letztendlich sind doch auch diese Derivate alles andere als sicher. Wenn mir der Emittent den Lehman macht habe ich mit Zitronen gehandelt.“
      Eben, eben! Papier, wie der Düsseldorfer so sagt. Da gab es doch mal Kläger in Deutschland, so wegen wertloser Lehman-Zertifikate.
      Und auch wenn man geschickt sein Zeug tradet, Optionsscheine und Zertifikate sind für Anfänger kein Spielzeug. Das musste ich selbst lernen. Die aberwitzigen möglichen Hebel verführen zum Zock, Angst uns Gier müssen gekühlt werden. Und so lustige Sachen wie „Knock-Outs“ gibt es da auch noch.
      Also wenn ich einen Rat aus eigener Erfahrung geben darf, falls hier Absicherungen besprochen werden sollten, zuerst die Risiken deutlich machen, dann erst die Chancen.

      VG

  3. samy sagt:

    Auch wenn ich die abschließenden Empfehlungen nicht ganz nachvollziehen kann, so zählt dieser Artikel doch zu dem Ehrlichsten und Klügsten , was in in letzter Zeit im Netz so zu finden war.

    Man dankt.

    VG

  4. holger sagt:

    Ja Ronald Gehrt

    wunderbar diese Zusammenfassung. Ich finde es toll, dass ich nicht alleine auf dieser Welt bin. 😀 Weißt Du Ronald… wenn wir irgendwann mal um die 70-80 sind. Welch ein biblisches Alter, dann können wir doch alle mal ein Grill-Fest machen oder nicht? Und jeder bringt den „Sicheren Hafen“ mit. Und wenn es Essen auf Rädern ist. So am knisternden Lagerfeuer unter Sternen klaren Himmel. Der große Wagen zieht vorbei (Incl. Chip) Regnen sollte es dann nicht, und wir schauen einfach mal nach oben, und fragen uns: Was soll der ganze Krams eigentlich. Vielleicht gibts ja dann ne Antwort. Möglich ist Alles.

  5. Johannes sagt:

    Toller Artikel nur sei mir verziehen, wenn ich folgendes nicht verstehe:

    „Sie kaufen bei 80 eine Aktie, die zwei Wochen vorher bei 100 notierte … kaufen bei 70 hinzu … bei 60 erneut … um dann irgendwann verzweifelt bei 40 bestens alles auf den Markt zu werfen. Und dieses Geld, das da verloren wird, hat nicht irgend jemand anders. Nein … es ist weg.“

    Warum ist das Geld weg?

    Das Geld hat doch jener schlauere Kerl, der mir die Aktien um 80, 70, 60.. verkauft hat.

    Aus meiner bescheidenen Sicht hat es jemand anderer, ein Schlauerer, oder zumindest ein mit mehr Glück gesegneter. 😉

  6. Silberdax sagt:

    Juhuuuuu !!!!!!! wir haben endlich eine neue Einheitswährung:
    SCHEURO = S(CH)EURO 1,20 zu 1 FOREVER !!!!!!!
    Willkommen, ihr Hühner aus dem Wunderfrankenland im wirren EU-Hühnerstall.
    Der Fuchs wartet schon auf euch…die goldenen Zähne fletschend nach allem, was nach Papier und MausClick-Manipulation riecht,,,,,

  7. Stuelpner sagt:

    „Schließlich haben wir mit einem in nächster Zeit nicht zu rechnen: Inflation.“
    Nun ja, hier in dem Teil Deutschlands wo ich lebe haben wir sie schon länger, dass sie nun auch plötzlich verschwindet und in nächster Zeit nicht wieder kommt, bezweifle ich ganz stark.

    Ein Bargeld Dingsda bleibt ein Dingsda.
    Das mag vielleicht für die 20Mark-Goldmünzen gelten, aber was ist ist eine Papier- oder Giralmark heute noch wert, ein Brot bekommt man jedenfalls hier nicht mehr dafür.

    Das Geld hat doch jener schlauere Kerl, der mir die Aktien um 80, 70, 60.. verkauft hat.

    „Aus meiner bescheidenen Sicht hat es jemand anderer, ein Schlauerer, oder zumindest ein mit mehr Glück gesegneter.“
    Da stimme ich Johannes zu, wenn es weg wäre müßte dann nicht auch die „Geldmenge“ sinken. Aber so wurde es nur umverteilt, z.B. über Steuergelder (Subventionen) von Unten nach Oben, vom Inland ins Ausland, vom Wirtschaftskreislauf auf irgendwelche Schwarzgeldkonten und von dort zum Teil in Insidergeschäfte wo es wirklich nicht verschwindet, sondern noch mehr Schaden anrichtet. – mit mehr Glück gesegnet – hat das nicht zutun, die Börse ist keine Sekte oder Glaubensgemeinschaft, sondern eher –> man denke an den Bullen, sowas mit Hörnern und Kuhfuß — und drei goldenen Haaren 😉

    Sonst ein prima auswegloser Artikel.

  8. […] Ronald Gehrt: No way out – im Schweinsgalopp in die Depression? […]

  9. Ronald Gehrt sagt:

    Hallo liebe Leser,

    da die Aussage „das Geld ist weg“ bei einigen auf Unglauben stößt, obwohl das ja 2008/09 ebenso wie 2000-2002 gerade das entscheidende Problem war, will ich das kurz an einem Beispiel erklären.

    Stellt euch vor, die Firma X gibt 10 Aktien aus, alle zum selben Preis von 100 Euro. Ihr habt je eine davon. Der Börsenwert insgesamt beträgt somit 1000 Euro, jeder von euch hat eine Aktie zum Wert von 100 Euro. Die ihr ja auch jeweils bezahlt habt. Das Unternehmen hat bei der Emission 1000 Euro eingenommen, ihr jeweils 100 bezahlt.

    Nun will einer von euch seine Aktie verkaufen, gibt die Order an die Börse … aber niemand dort will die 100 Euro zahlen, nur ein Gebot zu 80 ist vorhanden. Da der Verkäufer Geld braucht, nimmt er die 80 an und verkauft. Was bedeutet das?

    Das bedeutet, dass nicht nur der Verkäufer 20 Euro Verlust gemacht hat, sondern auch bei den anderen neun Aktienbesitzern ein Buchverlust von je 20 Euro aufgetreten ist. Der Börsenwert der Aktien betägt nun nicht mehr 1000, sondern nur noch 800 Euro …. und wer hat diese Differenz von 200 Euro? Durch diesen einen Verkauf erleiden neun andere einen Verlust, dem bei niemand anderem ein Gewinn entgegensteht.

    Geld kann an der Börse wirklich vernichtet werden, das wird nicht einfach nur so in den Medien geschrieben. Nur bei Futures profitiert vom Verlust des einen immer ein anderer, bei Aktien nicht.

    Viele Grüße
    Ronald Gehrt

    • wolfswurt sagt:

      Das Geld, die 1000€, hat die Firma.
      Die Aktienbesitzer haben kein Geld sondern Aktien die mit 100€ bewertet werden.
      Kauft nun die ausgebende Firma eine Aktie für 80€ zurück, so sinkt der Wert der anderen 9 Aktien aber das Geld ist nach wie vor bei der Firma!

      Den Verlust des Geldes haben die 10 Aktienkäufer schon mit dem Kauf gehabt, nämlich in dem Glauben das Aktien etwas wert sein würden!

      Hier hat ein Schlauer(die Firma) zehn Dummköpfe(Aktienkäufer) gefunden…

      Kauft nun die Firma die übrigen 9 Aktien a 80€ zurück, so befinden sich bei der Firma 200€ und bei den ehemaligen Käufern 800€.

      In Summe 1000€.

      Die Firma hat 200€ Gewinn und die 10 Käufer in Summe 200€ Verlust.

  10. Takuto sagt:

    Vor vielen Jahren hab ich mal einen guten Artikel gelesen namens „Liquidität fließt nicht“ (Autor vergessen), da ist mir einiges klar geworden. Liquidität fließt tatsächlich nie von einer Anlageklasse in eine andere, da immer nur die einzelnen Käufer/Verkäufer ihre Waren gegen Geld tauschen, so simpel ist das!

    Ich finde es immer lächerlich, wenn geschrieben wird, dass durch einen Crash soundsoviel Mrd. Euro vernichtet wurden. Das sind ja nur Bewertungen, noch dazu mit einer Währung, die an sich völlig wertlos ist! Aussagen wie „immer mehr Geld fließt jetzt in Gold“ oder „immer mehr Vermögen wird in Aktien getauscht“ sind also absoluter Nonsens. Das bezieht sich nicht auf den Artikel, sondern nur auf die Aussage mit den verlorenen Euros.

    Die Geldmenge ändert sich nur durch die bekannten Mechanismen bei der Kreditschöpfung. Und da im fiat-System immer gilt: Geldvermögen=Schulden, ist das Ganze nur ein Problem der Vermögensverteilung, also ganz klassisch: Die Reichen übertreiben es so lange, bis eine Revolution stattfindet.

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