Niemand hat die Kontrolle: Der Winter der Entscheider

18. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Ich hatte gestern wieder einmal eine dieser schlaflosen Nächte, in denen ich über die Lage nachgedacht habe, in der sich die Gesellschaft, die Finanzindustrie und die Weltwirtschaft befinden. Wie schon oft hatte ich dabei das ungute Gefühl, für zahllose andere mit nachdenken zu müssen, die über nichts und niemanden nachdenken außer, manchmal, vielleicht, über sich selbst. Es passte, was dazu des Nachts auf zdf.doku im Fernsehen lief:

„Master oft the Universe – Innansichten eines Bankers“. Die Dokumentation über einen führenden, ehemaligen Banker, der einiges zu erzählen hat, oft auch kurz „der Banker“ genannt. Die Doku stammt aus dem Jahr 2013 und hat vor allem Bezug auf die Subprime-Krise und die Eurokrise. Aber sie ist eigentlich universell.

Auch in hundert Jahren würde man hinsichtlich vieler, sehr vieler Aussagen einfach nur mit dem Kopf nicken und bestätigen, was der Protagonist feststellte: Keiner lernt was. Die Anleger nicht. Die Regierungen nicht. Und die Banker mal ganz besonders nicht. Sicher ist der Film in einigen Mediatheken zu finden, unter Youtube könnten Sie sich das hier ansehen:

Was mich oder meinen Börsendienst new opportunities angeht, mache ich mir eigentlich keine nennenswerten Sorgen. Was der Banker in diesem Film hervorhob, schreibe ich seit Jahren immer und immer wieder in meinen Kolumnen. Und weil ich weiß, dass ich ebenso wie irgendjemand anderes die kommende Entwicklung nicht tauglich genug vorhersagen kann, nutze ich ein Handelssystem, dem es herzlich egal ist, ob es nun grüne oder rote Pfeile ausspuckt. Das ist nicht perfekt, denn auch ein Handelssystem kann nicht vorhersehen, ob in zehn Minuten plötzlich die Kurse wie vom Affen gebissen in die Gegenrichtung sausen. Aber man sammelt langsam kleine Nüsschen ein, um heil und einigermaßen erfolgreich durch den Winter zu kommen, der vor uns liegt. Und ich meine nicht den meteorologischen Winter.

Ich meine den Winter der Entscheider. Die Phase, in der Behörden, Banker, Notenbanker, Regierungen, Unternehmenslenker etc. erkennen müssen, dass eine elementare Gewissheit eine Illusion war: Sie haben nicht die Kontrolle. Sie sind eben nicht imstande, Veränderungen schnell und klug genug zu begegnen, um Schaden abzuwenden. Und sie sind es vor allem deswegen nicht, weil sie diese Veränderungen lange hätten sehen müssen, aber nicht haben sehen wollen. Weil sie doch alles unter Kontrolle haben. Eingebildete Allmacht macht blind.

Und genau deswegen mache ich mir so meine Gedanken. Wie wappne ich mich dagegen? Ich für meinen Teil sorge dafür, schuldenfrei zu sein, Geld auf mehrere Banken zu verteilen und durchaus ein wenig Vorräte im Keller zu haben. Denn ich weiß, was die Entscheider verdrängen: Fluppt auch nur eine Karte komplett aus diesem Kartenhaus der Illusionen heraus, aus denen so ziemlich alles besteht, was man als „Fundament“ unseres Lebens bezeichnet, entwickelt der momentan kontrolliert wirkende Abstieg eine Eigendynamik, die sich nicht einfangen lässt. Nicht von Entscheidern, die imstande sind, eine ganz normale Wende hin zu einem negativen Szenario zu meistern, obwohl die Geschichte eigentlich jeden Dummbatz lehren sollte, dass es nicht immer nur bergauf gehen kann.

Wenn man sich ansieht, wie bereitwillig und schnell sich die zur geistigen und körperlichen Trägheit konditionierte Masse der Bevölkerung polarisieren lässt, wie schnell aus dem Nichts die Bereitschaft zu Ausgrenzung, Vorurteilen und in einigen Fällen auch zu Gewalt entsteht (und das nicht nur in Bezug auf die Flüchtlingsproblematik, das gilt universell, thematisch, geographisch ebenso wie auf der Zeitachse), beginnt man zu ahnen, dass viele dieser Menschen außerstande sind, mit einer echten Krise umzugehen. Momentan ist es die Flüchtlingsproblematik, die die Schlagzeilen beherrscht. Aber was werden die Leute tun, wenn die Eurokrise sich daran wieder entzündet und eine rezessive Phase mit wieder steigenden Arbeitslosenzahlen noch obendrauf kommt?

Und wie werden die Granden der Eurozone darauf reagieren? Wenn ich zurückdenke, wie unglaublich langwierig und schwierig es war, hinsichtlich Griechenland dieselben völlig falschen Maßnahmen erneut zu beschließen und ihnen einfach nach dem Motto „mehr hilft bestimmt mehr, falls viel nichts geholfen hat“ eins draufzusetzen … wenn ich mich erinnere, dass die Eurozone wochen- und monatelang durch die Krise eines einzigen ihrer Mitglieder völlig blockiert war … wie will dieses Konstrukt denn bitte einer solchen Kombination aus kippenden Mitgliedern, Rezession und sozialem Unfrieden begegnen? Die Eurozone würde es zerreißen. Und dann hätte ich gerne mal „Plan B“ gesehen.

Der Banker hatte es in dem Film sehr gut beschrieben: Für solche Situationen haben die Banken keinen Plan B. Für jeden anderen Unsinn schon. Warum? Weil sie glauben, die Sache unter Kontrolle zu haben. Wie sie es schon 2007/08 glaubten. Aber sie lernen nichts daraus, sie verändern nichts, weil niemand den Anfang macht. Nicht anders in der Politik. Nicht anders bei vielen Menschen der Bevölkerung. Und nicht anders als bei den Notenbanken.

Welche Risiken die extrem-expansive Geldpolitik der Bank of Japan und der EZB bergen, wer weiß? Da es solche Situationen noch nie gab, sind alle Fallstudien Makulatur. Denn es ist unmöglich, alle eventuellen Einflüsse so zu gestalten, dass man eine Guidance entwickeln könnte, was wer wann wo und wie zu tun hätte. Man trifft hier Entscheidungen in einer Art kontrollierter Unsicherheit. Glaubt man. D.h. man hofft, dass das mit dem „kontrolliert“ bei der Unsicherheit zutrifft.

Aber wer Augen hat zu sehen, erkennt: Irgendwie „funzt“ das nicht. Weder Bank of Japan noch EZB erreichen ihre Ziele. Da könnte man zwar argumentieren, dass es ohne diese Maßnahmen noch schlimmer wäre. Aber das kann man immer behaupten.
Und die US-Notenbank … meine Güte! Der müsste man ein eigenes Buch widmen. Es wirkt, als wolle man die komplett kontraproduktive Vorgehensweise der Jahre 1929-1932 toppen. Hier beschleicht einen der Eindruck, da sitzt ein Gremiuim in einer Parallelwelt, in der sie zum einen etwas bewirken kann und zum anderen die Welt so ist, wie sie es gefälligst nach dessen Sicht zu sein hat. Ist sie aber nicht.

Und dann wäre da noch … China. Dort, wo man überall noch Stellschrauben hat, die bei uns oder in den USA entweder entfernt wurden oder nur verdeckt existieren. Dort, wo man somit fast alles steuern könnte, steuert man nun auch fast alles. Und stellt fest: hilft nix.

Was übrigens in einem Stellschrauben-Land erst einmal wurst ist, weil man da auch an der Außendarstellung der Realität herumschrauben kann. Nur klappt das … und letztlich alles andere … nur, solange die Schafherde, zu der man die Bevölkerung und letzten Endes auch viele Anleger gemacht hat, ihnen das abkauft.

Und genau da fluppt die Karte nun aus dem Kartenhaus.

Die Menschen merken, dass die Politik mit komplexen Herausforderungen nicht fertig wird, seien sie nun sozialpolitisch, konjunkturell oder geopolitisch. Die Menschen merken, dass Regierungen und Notenbanken die Konjunktur nicht einfach mit billigem Geld oder schönen Worten stabilisieren können. Die Menschen merken, dass das, was unter Kontrolle schien, nicht unter Kontrolle ist … und geraten dadurch selber außer Kontrolle, indem sie Dinge tun, die so nicht vorgesehen waren. Was die Börse betrifft: Sie beginnen zu misstrauen und zu verkaufen.

Was das auslöst und warum diese Situation dann eine Eigendynamik entwickelt, die man nicht mehr mit den bestehenden Mitteln einfangen kann, ist klar: Die Register, die man ziehen konnte, hat man schon gezogen … weil die vorherigen Krisen (Subprime-Krise, Eurokrise) nie behoben wurden. All das fault noch unter dem Teppich. Und jetzt kommt ein wirtschaftlicher Abschwung, der so im großen Plan der Entscheider nicht vorgesehen war.

Dort glaubte man, die Kontrolle zu haben. Man beginnt zu spüren, dass das nicht so ist. Das löst Angst aus, wie man sich denken kann. Und das erhöht die Anzahl falscher oder gar keiner Entscheidungen von „oben“.

Niemand hat die Kontrolle. Dafür ist die Welt zu kompliziert. Und vielleicht wäre eine solche allumfassende Kontrolle auch nicht nötig gewesen, hätte man nicht jahrelang geglaubt, eben wegen dieser vermeintlichen Allmacht an Dingen herumschrauben zu können, auf denen in dicken roten Lettern steht: „don’t touch“!

Ich befürchte einen Winter der Entscheider, der ein Weilchen dauern kann. Das ist nun einmal eine Phase, die, da die Menschen ja letzten Endes nie aus der Geschichte lernen, immer wieder kommt. Das ist normal, das gehört wohl so. Und man kann damit umgehen, solange man sich die Mühe macht, über sich selbst und die eigenen Situation nachzudenken, sich auch mal zu hinterfragen und sich darauf einzustellen, dass nach „auf“ auch mal „ab“ kommt.

Wobei man im Hinterkopf haben sollte – so denke zumindest ich – das das brisanteste Element einer solchen Entwicklung ist, dass das Gros der anderen Menschen sich solche Gedanken nicht macht und unkontrolliert reagiert, wenn das Kind im Brunnen liegt.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de

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