Niemand hat die Absicht …

10. Februar 2018 | Kategorie: RottMeyer

Von Ralph Malisch

Für unsere Heftkategorie „Löcher in der Matrix“ sammeln wir laufend Erstaunliches und Schräges aus der Welt der Medien. Unser wöchentliches Update.

Wenn es ums Bargeld geht, ist eine wachsende Zahl von Bürgern inzwischen hellhörig geworden. Das zeigt unter anderem die sechsstellige Anzahl der Mitzeichner für die Initiative „Stop Bargeldverbot“. Zu Recht.

Denn mit vielen „guten“ Argumenten versucht man den Menschen das bewährte, und nach wie vor einzige gesetzliche Zahlungsmittel, madig zu machen: Zu teuer, zu unbequem, zu unhygienisch, etc. Stetes Wasser höhlt den Stein. Das Hauptargument für Bargeld, nämlich die Freiheit, wird ins Gegenteil verkehrt. So als ob nur düstere Gesellen wie Steuerhinterzieher, Wirtschaftskriminelle oder Terroristen die Freiheit als solche zu schätzen wüssten. Und obwohl bei der Zurückdrängung des Bargeldes – zumindest bis in den Bagatellbereich – mächtige Interessen zusammenwirken, mit offenem Visier mag man bislang nicht kämpfen. Auch das macht misstrauisch.

Wenn nun der Chef von Giesecke & Devrient (G&D) spricht, das Unternehmen ist immerhin Weltmarktführer im Banknotendruck, dann könnt man vielleicht Erhellendes zum Stand der Dinge erwarten. Immerhin ist er „einer, der es wissen muss“ – aber es vielleicht nicht sagen mag. Was wir im Handelsblatt-Artikel erfahren: Die Ängste „bei manchen Bürgern … vor dem Verschwinden des Bargelds“, sie sind „offensichtlich unbegründet“, denn das Gegenteil sei der Fall. Noch immer wachse die Produktion von Bargeld, vor allem in Osteuropa und Afrika, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt. Nicht einmal in China sehe man einen Rückgang, obwohl sich dort das „Bezahlen mit den Handy-Apps Wechat und Alipay durchgesetzt hat.“

Möglicherweise sind Produktion und tägliche Verwendung gar nicht mehr so eng korreliert? In Zeiten, wo das Misstrauen gegenüber Banken hoch bleibt und Einlagen schon lange keine Zinsen mehr erbringen, wird das Horten von Cash zur rationalen Alternative. Und genau gegen dieses „Schlupfloch“ der (Geld-)Politik soll ja vorgegangen werden. Entsprechend geht es auch nicht um das „Aussterben von Bargeld“, wie die Artikel-Überschrift suggeriert. Vielleicht soll das sogar ein wenig an das traurige Schicksal der Dinos erinnern, die ebenfalls nicht mehr recht in die Zeit passen wollten. Nein, es geht um die kaltblütige Ermordung des Bargelds – aus Habgier und anderen niederen Beweggründen! Dass man die Geschäftsentwicklung bei G&D als Zeuge dafür bemüht, dass in der Welt des Bargelds alles in Ordnung sei, ist fast schon ein wenig hinterfotzig. Denn obwohl man beim „Münchner Traditionsunternehmen“ über die aktuellen Entwicklungen rund um das Bargeld bestens Bescheid wissen dürfte, wird man genau dort den staatlichen Auftraggebern und Geschäftspartnern kaum in die Suppe spucken. Abgesehen davon hat sich G&D längst für die schöne neue Welt ohne Bargeld gerüstet, mit neuen Geschäftsfeldern wie der „Herstellung von Bezahlkarten sowie Sicherheits- und Verschlüsselungstechnologie für Maschinen und elektronische Bezahlsysteme.“

In einem weiteren, direkt verlinkten Handelsblatt-Beitrag wurde „Die deutsche Liebe zum Cash“ thematisiert. Sie wissen schon, Liebe, dieses irrationale, antiquierte Gefühl … Stattdessen wird dort apodiktisch festgestellt: „Deutschland braucht das Bargeld nicht“. Diese Geisteshaltung erlaubt dann auch die vollkommen unkritische Wiedergabe von „Prognosen“ wie der des in der Sache keineswegs neutralen Deutsche Bank-Chefs, wonach Bargeld binnen zehn Jahren verschwinden werde. Oder einer BCG-Studie, wonach das digitale Zahlen in Indien bis 2022 Scheine und Münzen abgelöst haben werde. Kein Wort über die Brutalität, mit der im Jahr 2016 die 1000- und 500-Rupien-Scheine praktisch über Nacht entwertet wurden. Ganz so unkritisch sind die Leser des Handelsblattes allerdings nicht, denn sie kommentieren unisono negativ:

„Dieser “Artikel” ist nur eine oberflächliche, tendenziöse Beschreibung ohne Erkenntnisgewinn.“

„Was ist, wenn wir wieder eine Diktatur bekommen? Ich will einen gläsernen Staat, nicht einen gläsernen Bürger. Der Staat muss die Bürger fürchten, nicht umgekehrt.“

„Kaum hat das neue Jahr begonnen und schon geht die Gehirnwäsche weiter. Cash zahlen ist nicht rückständig, sondern freiheitsbewahrend.“

Beim Handelsblatt kann man zwar nicht unbedingt stolz auf solche Artikel sein, auf seine kritische Leserschaft darf man sich aber durchaus etwas einbilden.

© Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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