Nie mehr schwach – nie mehr fest

18. Mai 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Claus Vogt

Im Moment sieht es so aus, als wären die Aktienmärkte unverwundbar. Nie mehr schwach heißt die Devise. Rezession in Europa? Kein Problem für die Börse… Schwache US-Frühindikatoren? Kein Grund zur Sorge… Stagnierende Unternehmensgewinne? Belanglos… Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen? Unbedeutend… Europäische Staatsschuldenkrise? Gelöst….

Deutliche Überbewertung mit einem Shiller-KGV von 24? Ende der 90er und 1929 war es höher….Gewinnmarge auf Rekordniveau und 70% über dem langjährigen Durchschnitt? Ab sofort normal… Unseriöse Geldpolitik? Bullish…. Sentimentindikatoren auf Topniveau? Gelogen, keiner ist dabei… Wertpapierkredite auf Allzeithoch? Spekulieren ist alternativlos….

Shiller-KGV des S&P 500, 1880 bis 2013

Gerade für längerfristig orientierte Anleger war es in der Vergangenheit keine gute Idee, am Aktienmarkt einzusteigen, wenn hohe fundamentale Bewertungen das Bild bestimmten. Quelle: www.econ.yale.edu

Diese Liste ließe sich noch beliebig erweitern. Sie demonstriert vor allem eins: Die Diskrepanz zwischen dem Geschehen an den Finanzmärkten und der Realwirtschaft ist groß wie nie zuvor. Und damit natürlich auch das Risiko und das Potenzial der nächsten Baisse.

Ben Bernanke und Konsorten haben es mit ihrer ultra-expansiven Geldpolitik tatsächlich geschafft, eine weitere Spekulationsblase zu erzeugen – die dritte innerhalb von 15 Jahren. Wohin die ersten beiden führten, ist bekannt. Nur dieses Mal soll alles anders sein? Vielleicht erinnern Sie sich: Das hieß es damals auch.

Wieder einmal Sorglosigkeit und Euphorie

Sorglosigkeit und Euphorie bestimmen derzeit das Geschehen bei S&P 500, DAX und Co. Eigentlich erstaunlich, denn beide Indizes stehen im Moment nur wenig höher als an ihren historischen Hochs der Jahre 2000 und 2007. Der Vergleich maßgeblicher Indikatoren aus den Bereichen Fundamentalanalyse, Makroökonomie, Unternehmensgewinne, Momentum, Zinsen und Sentiment ergibt eine sehr hohe Übereinstimmung mit den Befunden aus diesen bemerkenswerten Jahren. Dennoch herrscht zurzeit die Meinung vor, dass es an den Aktienmärkten nur noch eine Richtung gibt, und zwar nach oben.

Ich bin sehr gespannt, wie es von hier aus weitergehen wird. Unsere Modelle und Indikatoren signalisieren allerhöchste Gefahr. Sie sprechen ohne Wenn und Aber gegen eine Fortsetzung der Hausse. In der Vergangenheit leisteten sie gute Dienste und bewahrten uns vor den verheerenden Kursrückgängen der Jahre 2000/03 und 2007/09 und vor dem Einbruch des Jahres 2011. Allerdings verhinderten sie auch unsere Teilnahme an der sich ab 2012 entwickelnden Spekulationsblase.

DAX Monatschart, 1999 bis 2013

Bullen sehen hier einen Ausbruch nach oben, dem weitere spektakuläre Kursgewinne folgen sollen. Quelle: www.decisionpoint.com

Müssen Sie tanzen?

Erstaunlicherweise scheinen die meisten Anleger unter entgangenen Gewinnen noch mehr zu leiden als unter realen Verlusten, die bei einer nicht auf Risiken achtenden Anlagestrategie in der Abwärtsphase eines jeden Zyklus‘ unweigerlich entstehen. In diesem Wissen hat Charles Prince, damals Vorstandsvorsitzender der größten Bank der Welt, der Citigroup, am Beginn der Finanzkrise die unsterblichen Worte gesprochen: „Solange die Musik spielt, müssen wir tanzen.“ Sie sind heute wieder das Credo fast der gesamten Finanzindustrie… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Nie mehr schwach – nie mehr fest"

  1. samy sagt:

    N’Abend,

    es wird immer viel über den KGV der Aktienmärkte geredet, aber wo ist eigentlich der der Anleihemärkte? Bei unter 2%, somit wohl ein KGV von weit über 50.

    Wenn hier die gleichen spielregeln gelten, dann müssten die Anleihen bald gegen Süden drehen. Tatsächlich sind die 10-Y-Bonds der Amis derzeit knapp unter 2%.

    VG

  2. Damokles sagt:

    Die japanischen oder deutschen Bonds liegen sogar bei KGV 80 – 120. Da schüttele ich mit dem Kopf. Kein Anleger mit Verstand dürfte sowas als Investment betrachten.

    Aber es gibt einen Falschspieler im „Markt“: die Notenbank. Die reicht das Geld für fast nichts raus und dann lohnen sich sogar 0,8% Rendite.

    Daher: Der Anleihemarkt ist kein Markt mehr. Er ist ein Umschlagplatz für neue Schuldpapiere, die der Staat an sich selbst verkauft und zur Verschleierung bei den Banken unterstellt. Dafür bekommen die ihr „Bonbon“.

  3. Shindo-Trade sagt:

    Das sind auch keine Anleger.

    Hier agieren ausnahmslos nur noch Geldverwalter und Geldschöpfer, welche hier und heute nur noch ihre eigene Schöpfung verteidigen (müssen), da ansonsten die fortwährende Spielverlängerung in einem Desaster Namens GO endet;-).

    Selbstverständlich nutzt auch dies alles nichts. Tat es nie in den letzten 3.000 Jahren Papiergeldzyklus.

    Es verwundert mich seit mindestens 2 Jahren, wie lange das Vertrauen bei Sparern, Versicherten und Bürgern schon anhält. Wie lange hier weiter auf Papieren gesessen wird und man wartete bis die Schäfer ihre Schafe auf die Schlachtbank führen.

    Die weitere Agenda der nächsten Spielverlängerung – sollten die Konten nicht via Bank Run geräumt werden – werden Teilenteignungen sein. Auch dies wird nichts nützen ausser das Spiel kurz weiter zu verlängern, bis zum vorgezeichneten 3.000 Jahre gültigem Ende. Auch hier wundere ich mich seit 2 Jahren, dass die Anleger, Sparer, Bürger – wie auch immer – noch so ruhig schlafen können, obwohl sie schon über der Klippe schweben.

  4. wolfswurt sagt:

    Stellt man die Geldmengenerhöhung von Q1, Q2 und Q3 dem Anstieg vom DOW/DAX gegenüber, ergibt sich ein erbärmliches Bild.
    Eigentlich müßte der DOW bei 30.000 Punkten stehen nach dem Stand Geldmenge/Dow vom Jahr 2000.
    Faktum: die Geldmenge ins Exorbitante zu steigern nützt nichts mehr. Die Luft ist raus. Das System erschöpft und am oberen Umkehrpunkt.

    Die Fahrt nach unten beginnt mit einem Auslöser, der vordergründig nicht mit dem Finanzsystem in Zusammenhang gebracht werden wird.

    Da das Wachstum BIP nicht expotentziell wie der Zinseszins wachsen kann, kommt nach naturgesetzlicher Logik das Wachstum der sich selbstvermehrenden Geldmenge an ein Ende und fällt auf den Boden(BIP) der Tatsachen zurück.

    Dieser Fall steht nun bevor.

    PS:
    Einen Index zu benutzen wie den Shiller ist wenig hilfreich, da dieser wie alle Indizes manipuliert ist.

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