„Nicht geduldig“ heißt nicht „ungeduldig“?

20. März 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

War ich eigentlich der einzige, der nach dem „neu formulierten“ Statement der US-Notenbank am Mittwochabend dachte, die Welt dreht sich auf einmal falschrum? Es gibt ja nun einmal bestimmte Dinge, die einigermaßen im Lot bleiben müssen, damit es einen nicht aus den Schlappen haut.

Dass Senkrechtes senkrecht bleibt, die Schwerkraft halbwegs funktioniert, der Wechsel von Tag und Nacht, das sind essentielle Faktoren. Dass die Notenbanken seltsame Dinge tun, sich aber wenigstens nicht zum Affen machen, auch. Aber letzteres war gestern der Fall…

Ist es jetzt endgültig soweit, dass Notenbanken ihre Aussagen und Aktionen nicht nur im Ansatz, sondern ganz gezielt dem anpassen, was die großen Spieler an den Börsen haben wollen und damit den Pfad des faktenbezogenen Handelns verlassen? Es scheint so. Die US-Notenbank hat mich überzeugt, nachdem ich nach der EZB noch ein wenig wankend war. Bravo. Willkommen in der Katastrophe.

Schon die Staatsanleihe-Käufe der EZB haben völlig zu Recht scharfe Kritik hervorgerufen. Denn das nötige Grundwissen bei den Entscheidern vorausgesetzt, müsste man dort sich darüber im Klaren sein, dass durch diese Maßnahme kein Cent mehr in die Taschen der Eurozone-Bürger fließt. Wie auch? Da das nicht der Fall ist, ist der Vorwand, den Banken durch das „Abnehmen“ der Staatsanleihen mehr liquide Mittel zu generieren, mit denen die dann mehr Kredite an Unternehmen und Bürger geben können, hanebüchen. Zum einen gab es in dieser Hinsicht keine Liquiditätsnot, zum anderen wird die Kreditnachfrage, an der es mangels Bedarf im Rahmen des nahezu stagnierenden Konsums ja klemmt, dadurch nicht angekurbelt. Dafür jedoch haben Banken so die Möglichkeit, angesichts der monatlich 60 Milliarden auf Knopfdruck erschaffenen Euro, die die EZB generös ins Rennen wirft, jeden Mist zu Höchstkursen an die EZB abzuliefern, die hinsichtlich möglicher Ausfallrisiken ja bequem über den Dingen steht. Wieder profitiert die Finanzindustrie. Was unsereiner davon haben soll, bleibt offen.

Denn man versucht ja so nur, den Sparer zu nötigen, ausgerechnet jetzt doch noch in Aktien einzusteigen. Weil die nun als alternativlos angepriesen werden und die doch jetzt (kennen wir das nicht?), nachdem wir schon fast die Distanz der Oktober-März-Rallye des Jahres 2000 geschafft hatten, auf einmal angeblich „billig“ sind. Kommt einem da nicht der gewagte Gedanke, dass auf diesem Weg die Milchmädchen-Hausse, die ja unverschämterweise bislang ausgeblieben war, als „zufälliger Nebeneffekt“ entstehen soll? Denn niemand wollte den großen Spielern deren Bestände zu den bisherigen Höchstkursen abkaufen, wie sonst immer, bevor man dann dort draufgehauen hatte, pardon, es zur Wende kam. Ist es da nicht ein tadelloser Zufall, dass nun durch diese Staatsanleihe-Käufe und die damit verbundene Perspektive negativer Zinsen die Angst so geschürt wird, dass womöglich doch noch – zu den erwünschten Rekordkursen – die Flucht des normalen Sparers in die Aktie erfolgt?

Was hieße: Die EZB, gegen Risiken ja gefeit, übernimmt von den Banken deren Anleihebestände zu Höchstkursen, die Sparer sollen der Finanzindustrie zugleich nun die Aktien abkaufen. Auch zu Höchstkursen. Wer profitiert? Wir? Sicher. Wenn Sie schon immer den Wunsch hatten, ein kleines Vermögen zu machen, müssten Sie nur jetzt ihr großes Vermögen in den Aktienmarkt pumpen. Das sind wirklich bemerkenswerte Perspektiven, die die EZB da offeriert.

Aber nun zur US-Notenbank, der Federal Reserve oder kurz „Fed“. Die US-Notenbank hat gestern verkündet, „nichts“ zu sein. Oder vielleicht „gleichmütig“? In jedem Fall strich man das Wort „geduldig“ in Hinsicht auf die seit Juni 2013 zu Tode diskutierte Leitzinserhöhung aus dem Statement. Aber, das betonte Fed-Chefin Yellen in ihrer Pressekonferenz: Dass wir das Wort „geduldig“ gestrichen haben, bedeutet definitiv nicht, dass wir nun „ungeduldig“ wären. Ist das irre oder ist das irre? Aber damit nicht genug.

Streicht man „geduldig“, sollte man doch wenigstens annehmen, dass damit diese elende, symbolische Zinsanhebung zumindest nicht nach hinten verschoben wird. Sonst könnte man „geduldig“ ja stehen lassen. Aber nein. Die Wirtschaft wächst weiterhin solide, hieß es, aber zugleich habe sich die Konjunktur zuletzt „somewhat“ (ein Wort, das zwischen „irgendwie“ und „etwas“ liegt) abgeschwächt. Man nahm daher die Wachstumsprognose und die Zinsprognose für 2015 zurück. Dem Schreiber dieser Zeilen wurde schwindlig.

Man fokussierte sich zwar weiterhin auf den Arbeitsmarkt und die Inflation als Taktgeber für eine Zinserhöhung, blieb also damit bei einer Indikation, die völlig unzuverlässig ermittelt wird (durch hochgerechnete Umfragen und Meldungen kleiner Teile der Unternehmen), die undifferenziert ist (weil niemand misst, wie viele der neu geschaffenen Stellen ihre Inhaber auch nur ansatzweise ernähren können) und auch noch der aktuellen Entwicklung drei bis sechs Monate hinterherhinkt. Auch hier muss man konstatieren: Entweder da fehlt das volkswirtschaftliche Grundwissen bei den Entscheidern der mächtigsten Notenbank der Welt – oder das ist Vorsatz. Aber:



Dadurch, dass man das Einbrechen der Einzelhandelsumsätze, der Auftragseingänge und das erste Wackeln am Immobilienmarkt immerhin mit „has moderated somewhat“ abfrühstückte, sparte man sich die Notwendigkeit, direkt etwas zum den die Wirtschaft erdrosselnden, mörderisch gestiegenen US-Dollar zu unternehmen. Denn so hinterließ man den Anschein, als wäre der erste denkbare Termin, zu dem man zur Tat schreiten könnte, der September. Das senkte die Zinserwartung und drückte damit den Dollar. Kräftig sogar. Schien es.

Die Anleger fanden das alles grandios. Dow Jones & Co. sprangen wie Kai aus der Kiste nach oben und der Dollar fiel zum Euro wie ein Stein (sprich Euro/US-Dollar zog an). Aber dummerweise nur kurz. Nach in er in der Spitze von 1,06 auf über 1,10 gesaust war, soff der Euro im Verlauf des heutigen Donnerstags schon wieder deutlich unter 1,07 ab.

Und zurück bleibt die Frage: Was tun diese Komiker da eigentlich? Man hat mit diesem Statement genau das blumig formuliert, was den bullishen Spielern an der Wall Street gefällt. Ist es ein Zufall, dass ein derart wirres, in sich unschlüssiges, aber zugleich eben kurstreibendes Statement genau so formuliert wird, nachdem es vorher so aussah, als würden die US-Börsen entgegen der Erwartung der großen Terminbörsen-Akteure zum am morgigen Freitag anstehenden Verfalltermin unangenehm deutlich in die Knie gehen? Zumal dann kein Quartalsgewinn zu Buche gestanden hätte, damit das Window Dressing zum Quartalsultimo ausgefallen wäre und weiterhin das Geld in die haussierenden Eurozone-Märkte abgewandert wäre? Wenn es ein Zufall war, dann häufen die sich. Denn dieses Phänomen erleben wir, seitdem Ben Bernanke im Juni 2013 den Aspekt des Verfalltermins wohl übersah und die Börsen zum Schaden der großen Spieler nach den Aussagen zum Einschmelzen des Quatitative Easing direkt vor der Abrechnung der Futures und Optionen kräftig unter Druck gerieten, dauernd. Aber …

… dummerweise ist das eben nur für die Aktienmärkte gut, nicht für die US-Wirtschaft. Klar, da tut man, als wäre das alles gaaanz normal. Aber schon heute, nur einen halben Tag später, ist der Dollar wieder oben. Und über Zinserhöhungen zu faseln, ganze zwei Jahre lang (das kann man ja eigentlich gar nicht glauben), statt sich wieder am Wettlauf um die schwächste Währung zu beteiligen und so eine Rezession zu verhindern, in welche die USA im laufenden ersten Quartal langsam abrutschen, wäre dringend geboten. Dazu müsste man aber das Thema Zinserhöhung streichen, die aktuelle konjunkturelle Lage zur Kenntnis nehmen und somit nicht mehr auf das Wohl der großen Börsenjongleure achten sondern auf die US-Wirtschaft, also das ganze Land und seine Bürger. Man müsste damit die Zocker verärgern und zugeben, dass man jahrelang völligen Unfug verzapft und getan hat. Ist das wahrscheinlich? Eher dürfte die Hölle zufrieren.

Ob es nun die Staatsanleihekäufe der EZB oder die entschlossene Passivität der Fed sind, angesichts dieser medial meist als weise Ratschlüsse gepriesenen Machenschaften wird mir Angst und Bange. Klar, die Schere zwischen der Wall Street und den Eurozone-Indizes ist beängstigend. Aber die Schere zwischen dem, was die Notenbanken tun und dem, was zu tun dringend geboten wäre (Ende der Zinsdiskussion in den USA) bzw. was man besser gelassen hätte (Staatsanleihe-Käufe), ist ebenso groß – und von deutlich größerer Tragweite.

So kriegt man die wacklige Lage rechtzeitig zum Verfalltermin noch hingebogen, die Feinsteuerung über Euro/Dollar erledigen die großen Spieler selbst. Und es wird zumindest in Europa nun die Chance bestehen, den bislang mickrigen Quartalsgewinn von nur (im Hoch) 24 Prozent noch feiiiin im Zuge des Window Dressing zum Quartalsende ein wenig hoch zu pflegen, damit die verzweifelten Anleger gefälligst kapieren, dass die Aktienmärkte diesmal doch eine Einbahnstraße sind.

Aber dann, was dann? Dann haben die großen ihre Kohle eingefahren, dann sind womöglich schön viele Milchmädchen eingestiegen, dann wird die US-Wirtschaft weiter absaufen und die Quartalsbilanzen der Unternehmen zum ersten Quartal ein Bild der Realität zeigen, von dem die Notenbanken nicht gesprochen haben. Sicher, man wird erneut die vorher sauber angepassten Prognosen mit den Gewinnen vergleichen und es vermeiden, auf die Umsätze oder die Gewinne des Vorjahresquartals zu schauen, um den schönen Schein zu wahren. Aber die „Großen“ wissen, dass das nun DIE Chance ist, um das zu tun, was sie seit eh und je nahe einer großen Wende getan haben: Optimismus versprühen, Anleger locken, eigene Positionen abbauen … und dann zackig draufhauen. In meinen Augen wird der April zum Schlüsselmonat für den Rest des Jahres. Watch out!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de



 

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Ein Kommentar auf "„Nicht geduldig“ heißt nicht „ungeduldig“?"

  1. mohrfan sagt:

    Hallo Herr Gehrt,
    wenn die großen Adressen, wie Sie oben schreiben, ihre Anleihen der EZB verkaufen können und sie gleichzeitig noch ihre Aktienbestände an das gemeine Volk zu Höchstpreisen verkaufen (wollen), bleibt die Frage, was sie dann mit dem ganzen Geld machen sollen.

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