Nicht einschlafen beim Sparen

12. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Regulierung ist ein Unwort. In der Finanzbranche ist es verhasst, oft zurecht aber oft auch nur zur Überdeckung eigener Unzulänglichkeiten. Kapitalanforderungen? Zu hoch! Informationszwang? Zu umfangreich! Kostentransparenz? Unfair! Die Liste ist lang, aber was ist dran am Katzenjammer?

Wenn man in der Finanzbranche zwei besondere Begabungen hat, dann sind es das schnelle Vergessen und das laute Wehklagen. Beides ist auch simultan möglich. Für ein Branche, die gerade die ersten Stufen der eigenen Abschaffung durchlebt und die beim Thema Digitalisierung irgendwo zwischen Excel, VBA und pdfs hängen geblieben ist, wäre der Fokus auf einen lebenserhaltenden Rückschnitt angemessener.

Nun, wer ist schon ein Freund von zu vielen oft wirren Regulierungsvorhaben. Wir halten viele der aktuell veröffentlichen und vermutlich oft von Absolventen verfassten Pamphlete für halbherzig, von einer an Unkenntnis grenzenden Realitätsferne geprägt und bestenfall gut gemeint. Unser Kritikpunkt ist jedoch nicht in jedem Fall der Zweifel an einer bestimmten Restriktion sondern die oft dilettantische und unnötig komplexe Umetzung. Man fühlt sich unweigerlich an das Thema Steuern erinnert. Wer noch ein bisschen Irrenhaus benötigt, dem sei die Besteuerung auf Fondsebene nach der Novelle des Investmentsteuergesetztes ans Herz gelegt (LINK). Viel Spaß.

Viele Regulierungsziele ließen sich auf wenigen Seiten Papier niederschreiben. Auch dann wäre das Gejammer zwar groß, weil der Raum für Ausnahmen und Löcher in den Gesetzen schrumpfen würde, aber genau diese beiden Punkte sollten ja vermieden werden.

Wie lange und wie oft wurde über Kapitalanforderungen geschrieben und lamentiert. Der grundegende Fehler ist die Knüpfung neuer Regeln an die Aufrechterhaltung des bestehenden Systems. Gesunde und effiziente Institute könnten mit harten und transparenten Eigenkapitalanforderungen sehr wohl leben. Für Zombies, die einen Rucksack bunter Altlasten mit sich herumschleppen, gilt das freilich nicht. Warum aber sollte man bilanztechnisch tote Institute am Leben erhalten, gleichzeitig aber den Eintritt neuer Banken mit gesunden Bilanzen verhindern? Wäre nicht eine geordnete Abwicklung vieler Institute und eine gleichzeitige Unterstützung neuer Banken einen Gedanken wert? Da man große Teile des Bankgeschäfts ohnehin digitalisieren kann und die viel zitierte Beratung zwar hoch gepreist aber oft wenig wert ist, käme dabei ein wesentlich schlankerer Sektor heraus. Zugleich würde man nicht wie einst im Bergbau Jahr für Jahr neue Leute in die wenig zukunftsträchtige Ausbildung zum Bankkaufmann locken. So wird das Commerzamt zur Prosper Haniel am Main.

Bei den Informationspflichten kann man ebenfalls nur den Kopf schütteln. Fondsanleger werden mit hunderte Seiten umfassenden Unterlagen beglückt, in denen in mehr oder weniger verständlichem Amtsdeutsch jegliche möglicherweise relevante Information erstickt wird. Dabei ist eine greifbare und nachvollziehbare Darstellung von Risiken auf einer Din A4 Seite möglich.

Man beginnnt mit grundlegenden Fakten:

  • Eine Aktie kann wertlos werden.
  • Eine Anleihe kann wertlos werden.
  • Langfristig wurden über lange Zeiträume an den globalen Aktien- und Rentenmärkten folgende Renditen erwirtschaftet.
    • Schlechtester 10 Jahreszeitraum
    • Schlechtester 20 Jahreszeitraum
    • Schlechtester 30 Jahreszeitraum

Erläutert das Ganze mit sprechenden Beispielen:

  • Der größte Rückgang in einem großem Aktienmarkt (USA) führte innerhalb von drei Jahren zu einem Verlust von 90%. Diese Verluste wurden inklusive Dividenden und vor Kosten erst nach 24 Jahren wieder aufgeholt.
  • Der größte Rückgang am deutschen Aktienmarkt in den letzten 30 Jahren lag bei 75%.

Und verfeinert alles mit spezifischen Hinweisen in Abhängigkeit vom angepriesenen Produkt (Multi Asset, Aktien long only, Mischfonds,…). Stumpfsinnige Etiketten wie „wachstumsorientiert“ oder ähnliches sollten mangels Inhalt ersatzlos gestrichen werden. Als einfache und nicht sonderlich pessimistische Regel könnte man folgendes anbieten:

Um das mögliche Abwärtsrisiko eines Portfolios abzuschätzen nimmt man folgende Faktoren: Aktien, Rohstoffe, Devisen: -30%, Anleihen: -10%. Diese Faktoren multiplziert man mit den Quoten und nimmt so ein simultanes Eintreten der Verluste über diese Anlageklassen an.

Bei einem Portfolio mit 50% Aktien, 40% Bonds und 10% Gold käme man so auf ein geschätztes Abwärtsrisiko von 50%*30%+40%*10%+10%*30% = 22%.

Bei einem 30/70 Portfolio aus Anleihen und Aktien läge man bei 30%*10%+70%+50% = 38%.

Diese Daumenregel ersetzt natürlich keine worst case Betrachtung. Da eine solche allerdings ein Ergebnis von Null liefert, hilft sie ohnehin nur begrenzt. Natürlich können Bonds auch stärker fallen und Aktien weniger, aber der Punkt ist nicht die Vermittlung von Scheingenauigkeit durch vermeintlich perfekte Modelle. Eine einfache Abschätzung vermittelt ein ordentliches Gefühl für die Risiken verschiedener Allokationen. Es mag Pilze mit roter Kappe und weißen Punkten geben, die essbar sind. Findet man aber ein solches Gewächs, sollte man es aber besser stehen lassen.

Der angenommene Gleichlauf und das Ignorieren möglicherweise negativer Korrelationen darf als Sicherheitspuffer verstanden werden. Markowitz-Jünger werden aufheulen, allerdings ist es durchaus möglich, dass alle Anlageklassen gleichzeitig leiden. Man denke an eine rezessive Wirtschaftsentwicklung in Kombination mit einer zu hohen Schuldenlast. Ein solches Szenario mag nicht der Standardfalls ein, es ist jedoch auch kein abwegiges Szenario.

Die größten Probleme vieler Anleger sind erstaunlicherweise jedoch nicht die Märkte. Es ist ein großer Mangel an Disziplin, die vielen Sparern zum Verhängnis wird. Steigt der Markt lange genug, wird man hibbelig, redet sich die Risiken schön und verwechselt Dividenden mit Zinskupons. Der eine oder andere mutiert vollends zum „passiven Anleger“. Halbiert sich der Markt, wird diese eben noch strategische und auf 30 Jahre ausgerichtete Strategie über Bord geworfen und man überlegt sich etwas neues. Tagesgeld bei einer isländischen Bank zum Beispiel oder ähnlicher Unfug.

Morningstar: Wegweiser durch den Gebührendschungel

Einen Mangel an Disziplin kann man sich wie beim Sport und beim Essverhalten abtrainieren. Ein ebenso bedeutendes Hindernis lässt sich aber viel leichter aus dem Weg räumen. Man benötigt dafür lediglich ein paar Stunden Zeit. An einem Wochenende lässt sich mehr erreichen als mit der Bearbeitung mancher Steuererklärung. Listen Sie alle Kosten auf, die Sie für Ihre Finanzprodukte bezahlen. Sollten Sie einen „Berater“ haben dann lassen Sie sich von diesem alle Kosten in Euro auflisten und zusichern, dass es sich wirklich um alle Kosten handelt. Machen Sie sich eine Notiz, die Sie bei jedem Telefonat mit Ihrer Bank vor sich liegen haben und auf der Sie vermerken, dass Sie ab sofort keine Ausgabeaufschläge mehr zahlen und dass sie für verwaltetes Vermögen eine deutliche Reduktion der Gebühren erwarten. Schauen Sie sich die Gebühren der Fonds an, die sie besitzen und vergleichen Sie die Gebühren mit Indexfonds. Lässt sich Ihre Strategie nicht wesentlich günstiger abbilden? Sollten Sie einen Broker nutzen, vergleichen Sie die Gebühren mit denen anderer Broker. Es gibt immer noch Broker, die für Orders im Umfang von ein paar Tausend Euro Gebühren von 30 Euro oder mehr verlangen. Das ist ein Anachronismus, der im Laufe der Jahre zu enormen Kosten führt.

Durch die MifID Regulierung, die ab 2018 greift, werden Banken und Asset Manager dazu verpflichtet, den Kunden die Kosten offenzulegen. Eine begrüßenswerte Initiative, aber kein Anlass so lange zu warten. Legen Sie heute los. Viel Erfolg.

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3 Kommentare auf "Nicht einschlafen beim Sparen"

  1. tito sagt:

    Hallo Bankhaus Rott,
    mir ist nicht ganz klar was Sie meinen mit:

    „Langfristig wurden über lange Zeiträume an den globalen Aktien- und Rentenmärkten folgende Renditen erwirtschaftet.“
    – Schlechtester 10 Jahreszeitraum
    – Schlechtester 20 Jahreszeitraum
    – Schlechtester 30 Jahreszeitraum

    Würden Sie das bitte etwas näher erläutern?

    Danke und Grüsse
    TITO

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo tito,

      es sind zwei Punkte zu nennen. Zum einen sollte man sich anschauen, welche Renditen ein Aktiendepot in verschiedenen Ländern über verschiedene Zeiträume eingebracht hat. Man wird feststellen, das hohe Werte, wie sie gerne von Teilen der Fondsbranche genannt werden, eher positive Ausnahmen und nicht die Regel sind. Man schaue sich die Aktienerträge in Deutschland zwischen 1960 und 1980 an.

      Da es ja im Artikel um mögliche „Warnhinweise“ geht, die alternativ zu kryptischen „Risikoklassen“ wie sie derzeit gang und gäbe sind, genutzt werden können, sollte man sich zudem die schlechtesten Ergebnisse der Vergangenheit über verschiedene Halteperioden anschauen. Was kam in der Vergangenheit schlimmstenfalls dabei heraus, wenn man Aktien für 10 Jahre gehalten hat?

      Wer sich so etwas anschaut, der kommt zu erstaunlichen Ergebnissen. Wer beispielsweise im März 2000 den DAX kaufte oder zu diesem Zeitpunkt ein vergleichbares Aktiendepot hielt, der hatte zehn Jahre später inklusive Dividenden und vor Kosten circa 30% Verluste zu verbuchen. Beim EuroStoxx sieht es ähnlich aus, beim Nikkei waren es sogar mehr als 50% – mal wieder. Nach Kosten kommen da schnell noch einmal 10% weniger heraus. Das ist natürlich nicht der Regelfall, aber um den geht es in der Risikobetrachtung nicht.

      Für die anderen Anlageklassen kann man ähnlich verfahren.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  2. tito sagt:

    Vielen Dank für die Ausführung!
    Einen schönen Tag wünsche ich
    TITO

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