Neuer Fed-Schock: „The New Normal Is Zero“

16. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Hannes Zipfel

An das, was Janet Yellen, Präsidentin der US-Notenbank, am frühen Mittwochnachmittag US-Ostküstenzeit dem staunenden Publikum verkündete, werden vor allem die Zinsnormalisierungs-Gläubigen noch lange zu knabbern haben. Die Edelmetallinvestoren hingegen dürfen sich auf ein Fest der Freude vorbereiten…

Jede Menge Überraschungen

Ja, es war schon ein Schock, dass der Offenmarkt-Ausschuss (FOMC) der Fed, anders als noch im April selbst angekündigt, die Zinsen erneut nicht erhöhte und dies auch nicht für den Juli in Aussicht stellte (unabhängig vom Ausgang des BREXIT-Plebiszit). Doch das sollte nicht der einzige Schock bleiben.

Nach einem Minizinsschritt im Dezember 2016 kann man nun, nach sechs Monaten Pause, ohnehin nicht mehr von einem Zinserhöhungszyklus sprechen. Das wäre so, als würde man ein Kind auf ein Kettenkarussell setzen und nach einer Runde, noch bevor die Kettensitze überhaupt an Höhe gewonnen haben, das Karussell schon wieder anhalten. Das wäre sicher unbefriedigend für die lieben Kleinen. So ungefähr muss man sich den Frust vorstellen, den die amerikanischen Mainstream-Ökonomen momentan empfinden, nachdem sie noch vor Jahresfrist dem Rest der Welt ihre Weisheit zuriefen: „Die US-Zinsen werden schneller und stärker steigen, als alle es sich vorstellen können!“ Die US-Wirtschaft könne das nämlich anders als Europa und Japan gut verkraften. Diese Erwartungshaltung wurde lange auch von der Fed genährt, doch damit ist nun Schluss.

Das Nichtstun bei den Zinsen war nämlich nur der Auftakt zu einer ganzen Welle von Schocks, die in der anschließenden Pressekonferenz gestern über das ungläubig staunende Publikum hereinbrach:

1. Wurden die Wachstumserwartungen für 2016 von mageren 2,2% nochmals auf 2% gekürzt.

2. Revidierte die Fed ihre erwartete Teuerungsrate nach unten.

3. Verlangsamt sich laut Weisheit der Fed die Erholung am Arbeitsmarkt.

4. Sinken die Produktivität und der industrielle Ausstoß.

5. Leidet der Export unter dem starken Dollar.

6. Gibt es signifikante Risiken von der Weltwirtschaft (weltweite Stagnation, unabhängig vom BREXIT).

Diese Neueinschätzung der „Stärke“ Amerikas führte in der Konsequenz dazu, dass sechs Ratsmitglieder in diesem Jahr nur noch eine einzige Zinsanhebung erwarten, nachdem beim letzten Zinsmeeting diese Erwartung nur von einem einzigen Ratsmitglied so klar geäußert wurde und zum Jahresauftakt noch vier Zinserhöhungen als sicher galten. Generell hat man die in Aussicht gestellten Zinserhöhungen radikal gekürzt.

Der Hammer zum Schluss

Doch dann kam der absolute Hammer: Nachdem ein verdatterter Journalist des Wirtschafts-Fernsehsenders CNBC (Consumer News and Business Services TV), der sich selbst „Chief Economic Analyst of CNBC“ nennt, die große Vorsitzende Yellen fragte, warum denn bei Vollbeschäftigung und rosarotem Wirtschaftshorizont nicht endlich die Zinsnormalisierung kommt, redete Janet Yellen Klartext: mit professoraler Ruhe und Gelassenheit erklärte sie dem offenbar verwirrten Ökonomie-Studenten die neue Normalität („The New Normal“): bedingt durch eine Reihe von Einflussfaktoren sei mit einem dauerhaft niedrigen Zinsniveau zu rechnen. Die dafür verantwortlichen Einflüsse umriss sie nur kurz und beschränkte sich auf die alternde Bevölkerung und das niedrige Produktivitätswachstum (siehe Japan). Den Haupteinfluss, die globale Überschuldung, nannte sie nicht. Den soll der CNBC-Mann vermutlich selbst herausfinden. Wozu trägt er schließlich diesen pompösen Experten-Titel.

The New Normal Is Zero“

Was die große Vorsitzende mit der neuen Normalität meinte, machte sie auch gleich an Zahlen fest. Dazu bediente sie sich dem volkswirtschaftlichen Terminus „Gleichgewichts-Zins“ (oder neutraler Zinssatz, engl.: Equilibrium). Also dem Zins, zu dem es in einer Volkswirtschaft einen Ausgleich zwischen Ersparnis-Angebot und Ersparnis-Nachfrage gibt. Zinsen unter diesem Niveau gelten als wachstumsfördernd (es wird weniger gespart und mehr konsumiert, resp. verschuldet), Zinsen über diesem Niveau gelten als wachstumshemmend.

„The New Equilibrium Is Zero“ sagte die große Vorsitzende und fügte akademisch korrekt noch hinzu, dass mit Null Prozent Gleichgewichtszins der Realzins gemeint sei (also Nominalzins minus offizielle Teuerungsrate).

Der Null-Prozent-Schock hat gesessen. Der betroffene Chefanalyst machte sich danach On-Air über die große Vorsitzende lustig und qualifizierte ihre Antwort als „Bla-bla-bla“ ab. Soviel zum Thema „Chief Economic Anlayst“.

Für die unverzinsten aber seit über 5.000 Jahren zuverlässigen Währungen Gold und Silber ist dies eine geradezu fantastische Nachricht. Die „Währungshüter“ der Weltleitwährung kapitulieren schuldenbedingt vor dem Zins. Was bleibt ist ein Konfetti-Dollar und die Einsicht, dass die Notenbanken am Ende ihres Lateins angekommen sind.

Wohin die Reise bei den Zinsengeht, zeigten gestern die Renditen der zehnjährigen deutschen Benchmark-Anleihe (Basis für den Bund-Future). Diese sanken erstmals in der Geschichte Deutschlands in den negativen Bereich.

Das alles bedeutet, dass Gold und Silber nun einen Zinsvorteil gegenüber Staatsanleihen bester Qualität haben. Damit ist klar, wohin die Reise bei den Metallpreisen in den nächsten Quartalen geht: in Richtung Knappheitspreise. Wohin die Preise für Minenaktien sich in diesem Umfeld bewegen, sollte man seriös besser nicht prognostizieren.

***Hannes Zipfel managed u.a. das Wikifolio „Ausis Gold und Silber Minen“

 

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