Neu in London: Walk like an Egyptian

30. März 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Bankhaus Rott

Die Schätzungen der Protestteilnehmer in London schwanken zwischen 100.000 und 400.000 Menschen. Während Medien derartige Versammlungen, die auf offensichtlicher Unzufriedenheit basieren, gerne auf unangenehme Gestalten und Bilder von Ausschreitungen reduzieren, spricht die Zahl eher für eine breiter angelegte Bewegung…

Vor allem scheint es sich um eine erst beginnende Bewegung zu handeln, wie das auch in Griechenland, Spanien oder anderen Ländern zu sehen war. Diese Tendenzen sind der Bumerang der politischen Unaufrichtigkeit und der naiven Hoffnung, ein in weiten Teilen bankrottes Finanzsystem ließe sich durch Aussitzen heilen. An Behäbigkeit haben es die meisten der großen Vorsitzenden in den vergangenen Jahren jedenfalls nicht mangeln lassen.


Wir sind in den vergangenen Monaten des Öfteren auf die desolate Lage in Großbritannien eingegangen. Die Tendenz zeigt seit Krisenbeginn deutlich nach unten. Auch das in anderen Teilen der Welt angefachte und derzeit verlöschende monetäre Strohfeuer hat auf der Insel nie gezündet.


Überladen ist das Land mit massiven Haushaltsdefiziten, zurückgekehrt ist es zum abhängigen Status eines Netto-Energieimporteurs und verstricken lassen hat es sich in ein Lobby-Netz der Finanzindustrie, die nun ihrerseits am Tropf des Staates und der Zentralbank hängt. Kürzlich fiel das Konsumentenvertrauen auf ein Rekordtief, während die Hauspreise nicht auf die Beine kommen. Auf Grund der strukturellen Defizite der realen Ökonomie wird der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren auf noch wesentlich ernstere Probleme zusteuern, als dies schon jetzt der Fall ist.

Vor etwas mehr als 20 Jahren gab es auf der Insel übrigens die mittlerweile berühmten Poll Tax Riots, eine Protestbewegung, die ihren Höhepunkt am 31.03.1990 erreichte.

(BBC) The rioting in central London on 31 March, 1990, was not the first demonstration against the so-called poll tax to end in violence. In the weeks beforehand a number of protests around the country had culminated in violent skirmishes. (…)

But the riot that turned London’s Trafalgar Square, a top tourism spot, into a battleground between police and protesters came to be seen by many as the fatal blow for the government’s community charge.(…)

In the London poll tax riots, up to 3,000 demonstrators turned on police, attacking them with bricks, bottles and scaffolding poles, and 340 were arrested. Of 113 people injured, 45 were police.

Das Ende vom Lied war seinerzeit der wohl nicht ganz freiwillige Rücktritt von Margaret Thatcher. Nachfolger wurde John Major, der sprichwörtlich bereits beim Amtsantritt wieder in Vergessenheit geriet und in Blässe und Erfolglosigkeit an so manchen deutschen Bankchef erinnert. Der nächste Nachfolger zeichnete sich durch eine panische Angst vor ausländischen Raketen aus und roch Chemiewaffen auch dort, wo es keine gab. Das führte zu den bis vor kurzem letzten wirklichen Massenprotesten in UK, den Demonstrationen gegen den Angriff auf den Irak.

Es lohnt sich übrigens, sich einmal im Netz nach der Geschichte der Poll Tax Riots umzuschauen,. Auf Grund des zwanzigjährigen „Jubiläums“ gibt es zu diesem Thema einige gute Dokumentationen.

Die aktuellen Proteste in London können allerdings rasch einer ganz andere Größenordung angehören. Sie konzentrierten sich Medien zufolge bisher auf die Einkaufsregion um Oxford Street, Luxushotels und Finanzinstitute. Dies mag als Zeichen gewertet werden, wie sehr sich durch die Auflösung der Mittelschicht die realen Lebenswelten in diesem Land – wie in vielen anderen westlichen Ländern – voneinander entfernt haben. Befeuert wird die Stimmung durch eine teils vollkommen deplazierte, geradezu absurde Arroganz derjenigen, die Banken führen und nun an krankhafter Gedächtnisschwäche leiden oder schlichtweg nicht in der Lage waren ihre eigenen Bilanzen zu lesen. So ist das wachsende Unverständnis der breiten Masse, was genau an dieser offensichtlichen Inkompetenz auch noch elitär sein soll, durchaus nachvollziehbar. Der ab und an zu lesende Kommentar einiger frisch zu Geld gekommener über „Schichten, die wirtschaftlich unwichtig sind“ zeigt einen deutlichen Mangel an sozialer Kompetenz in Kombination mit einem erschreckend dünnen Kenntnisstand in Bezug auf die Dynamik gesellschaftlicher Umwälzungen… (Seite 2)

 

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7 Kommentare auf "Neu in London: Walk like an Egyptian"

  1. […] Rott & Meyer: Neu in London: Walk like an Egyptian […]

  2. onlinebroker sagt:

    Jim Rogers sagt ja auch immer, das britische Pfund geht bald unter. Aber was soll man stattdessen kaufen, britische Pfund verkaufen und Euros nehmen? Ob das so eine gute Idee ist mit den ganzen Problemen in Griechenland und Portugal? Und Dollars kann man ja auch nicht halten, and Yuan kommt man nicht heran, commodities sind alle viel zu teuer…was tun

  3. Stuelpner sagt:

    „strukturellen Defizite der realen Ökonomie wird der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren auf noch wesentlich ernstere Probleme zusteuern ; verstricken lassen hat es sich in ein Lobby-Netz der Finanzindustrie, die nun ihrerseits am Tropf des Staates ; gesellt sich eine bestehende Schuldenlast des Staates ; einiger frisch zu Geld gekommener über „Schichten, die wirtschaftlich unwichtig sind“ zeigt einen deutlichen Mangel an sozialer Kompetenz ; sinkenden Lebensstandard ; Schuldenlast des Staates ; Einnahmen sinken, die Schulden und die Zinsbelastung steigen, die Wirtschaftsleistung sinkt ; anziehenden Zahl an Kreditausfällen ist ebenso auszugehen“

    Punkte die hier genannt werden, zeigen eine gewisse Parallele zu Deutschland zur Zeit bzw. in nicht allzu ferner Zukunft. Demzufolge ist davon aus zugehen, wir werden es nicht besser erwischen, außer das es wesentlich länger, vielleicht auch zu lang dauert, ehe in D das Personal auf die Straße geht. Der derzeitige Bewußtseinsstand wurde ja bei den zurückliegenden Wahlen wieder gespiegelt.
    Einige Ziele der letzten Zusammenkunft in Brüssel klingen nicht sehr nachhaltig, wie z.B. noch mehr Bürgschaften, Senkung der sozialen Leistungen, Renten, Löhne usw. Ob ein WEITERSO und NOCHSCHLIMMER wirklich die Probleme löst? Die „Verbraucherkauflust“ wird weiter hin nach unten gehen, genauso die Hemmschwelle zur Existenzerhaltung. Demzufolge sind wir gezwungen unser Handelsdefizit weiter zusteigern, um die Profitgier der Industrie in der sozialen Marktwirtschaft, Entschuldigung „neuen sozialen Marktwirtschaft“ weiter auf Kosten der deutschen Steuerzahler zu maximieren. Die Gewinne werden dann im Ausland investiert, wie nennt man so was Ausbluten, Niederreiten, zu Grund richten ? Jedenfalls sehe ich keinen Fortschritt.
    Ich will meinen Burgherren wieder, da habe ich 10% Steuern bezahlt und wurde dafür vor Räubern geschützt.

  4. Neu in London: Walk like an Egyptian sagt:

    […] Quelle und Bericht bei: http://rottmeyer.de/index.php/neu-in-london-walk-like-an-egyptian/ […]

  5. danke sagt:

    @ Onlinebroker

    Lange nicht so gelacht.
    …commodities sind alle viel zu teuer…hahaha.
    Im Verhältnis wozu? Im Verhältnis zu 2012 sind sie heute regelrechte Geschenke.
    Die werden im ürbrigen nicht teurer, sondern die Papierlappen werden weniger wert. So und nun Gehirn einschalten und selber weiter denken.

  6. Strukturwandel sagt:

    Wandeln tun sich die Strukturen in UK nicht mehr. Nur die bisherigen Buchgewinne werden ausgebucht und der Realität der Deindustrialisierung der letzten 30 Jahre angepasst. Auf dauer funktionier eine Volkswirtschaft nur wenn der Im- und Export sich die Waage hält. Mein letztes gekauftes britisches Produkt war ein Matchbox-Spielzeugauto in den 80ern, wobei ich gerne bei ebay.co.uk einkaufe, da sind die Preise noch mehr am Arsch – die Ware wird aber in China produziert.

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