Neu im Brain-Download: Biedermeier 2.1

28. April 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Nach Biedermeier 2.0, das vor gut zehn Jahren begann, die Hirne der Bürger zu infizieren, ist die Version 2.1 aktuell. Was ist neu? Und wie es so mit Dingen ist, die sich eher unbewusst einschleichen, kommen auch die automatischen Updates, ohne dass die Masse der Menschen es bemerken würde…

Biedermeier … das war die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in welcher die Masse der Menschen gerade in Deutschland der Kriege und des politischen Chaos überdrüssig waren und sich mehr auf sich selbst besannen. Sie erfährt aktuell eine dramatische Wiederbelebung.

Da nicht alle meine Kolumnen seit Jahren lesen und der Marktkommentar „Biedermeier 2.0“ mehrere Jahre alt ist, zunächst die Antwort auf die Frage: Was gab es denn bisher schon an Veränderungen gegenüber der Zeit zuvor? Es ist eine unglaubliche Politikmüdigkeit entstanden, die sich auch massiv auf das Interesse an der Welt an sich ausgedehnt hat. Während verblüffend viele wissen, wer gerade bei DSDS rausgeflogen ist, im Dschungelcamp hockt, wer gerade von wem ein Kind bekommen hat oder sich nach nur ein paar Tagen Ehe scheiden ließ, sollte man besser nicht auf der Straße nach dem Namen unseres Wirtschaftsministers, dem aktuellen Stand des BIP oder den Mitgliedsstaaten der Eurozone fragen. Immer mehr Menschen sehen sich nicht als Teil eines Volkes oder einer Wirtschaftsgemeinschaft, sondern als „Ichs“. Was bisweilen, wie ich merke, sogar Familien betrifft, die keine mehr sind, sondern wie zufällig zusammen gewürfelte Konglomerate aus Egozentrikern wirken.

Das alles sehen wir seit mehreren Jahren. Jetzt, so zumindest mein Eindruck, ist die nächsthöhere Stufe gestartet, die indes nichts Neues an sich bringt, weshalb ich diese Phase nicht als Biedermeier 3.0 einstufen möchte. Wie sollte sich eine Gesellschaft in diesem Stadium der Lethargie und des Desinteresses auch auf eine umfassend andere Stufe des Dahinvegetierens begeben können, ohne dass man sie dorthin trägt. Und die Sofas natürlich gleich mit. Vor allem: Da, wo die Masse der Menschen jetzt ist … bzw. sich fläzt … soll sie ja auch hin: Auf das Sofa. Augen auf Halbmast, Hirn auf Standby und Spielkonsole an. Genau das spielt denen in die Karten, die gerne ungestört von Wählergesindel oder gar politisch interessiertem Pack tun will, was ihnen beliebt.

Der unmittelbare Anlass, die nächste Stufe des langsamen Abgleitens in ein passives, introvertiertes Dasein auszurufen, ist aus meiner Sicht die Gegenüberstellung von drei Zahlen: 1,2 Milliarden, 16,25 Millionen und 8,9 Millionen.

Ende 2013 hatte Facebook über 1,2 Milliarden Nutzer, die mindesteins einmal im Monat aktiv waren. Aktuell liegt die Zahl der Spieler in der Handy-App „Quizduell“ bei 16,25 Millionen. Und nur noch 8,9 Millionen Deutsche sind Aktionäre … davon 4,6 direkt als Aktienbesitzer, der Rest passiv über Fondsanteile. Was bedeutet:

Die Zahl derer, die die sogenannten „sozialen Netzwerke“ nutzen, nimmt immer noch zu. Der bequeme Weg, mit Menschen zu kommunizieren, ohne aus dem Haus gehen zu müssen, sich echten sozialen Kontakten „aussetzen“ zu müssen. Bequemlichkeit pur, die natürlich noch dramatischere Folgen hat als die Einführung des Privatfernsehens oder der Siegeszug der Computerspiele. Von der Degeneration sozialer bzw. emotionaler Kompetenz abgesehen führt dieser Prozess dazu, dass das Empfinden, sich mit anderen in einer echten Gemeinschaft zu befinden, wie dies Familie, Freundeskreis oder Vereine bieten, schwindet. Und es hat zur Folge, dass die wachsende Zahl der „Sofa-lägerigen“ das Risiko vermindert, dass „das Volk“ aufsteht und sich gegen nicht akzeptable Veränderungen und/oder Machenschaften auflehnt. Zum einen, weil es zu anstrengend wäre. Zum zweiten, weil man gar nicht mehr mitbekommt, dass sich etwas ändert – zumal es einen nicht interessiert, solange man selbst nicht unmittelbar betroffen ist. Und zum dritten, weil die meisten gar nicht mehr wüssten, wie man ggf. Petitionen startet, wo man wen zum Demonstrieren findet oder wie man überhaupt gegen egal was etwas unternimmt. Kurz: Weil es „das Volk“ nicht mehr gibt.

Schöne neue Welt, für die einen urgemütlich in ihrer Lethargie, für die wenigen anderen, die an den Hebeln der Macht sitzen, ebenso. Denn es ist, als hätten sie überhaupt niemanden, den sie regieren, beschützen, versorgen müssten. Gebt den Leuten Brot und vor allem Spiele … und sie halten die Schnauze. Freie Bahn … für alles. Ach ja … die anderen beiden Zahlen… (Seite 2)

 

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5 Kommentare auf "Neu im Brain-Download: Biedermeier 2.1"

  1. JayJay sagt:

    Versuche den Nachbarn zu wecken, schlugen seit Jahren fehl. Irgendwann fragt man sich, was macht man eigentlich. Vielleicht sollte man auch den Biedermeierschlaf 2.0 / 2.1 vorziehen.

    Wenn der Bürger es nicht hören will und sehen, dann soll er später auch mit den Konsequenzen leben. Basta

    Gold & Silber Ahoi 🙂

  2. Michael sagt:

    Die Idee des Biedermeier taucht von Zeit zu Zeit auf. Das ist ihre Wahrnehmung.

    Nehmen sie eine Hundebaby. Was braucht ein Hundebaby oder ein junger Hund? Ein paar Düfte, ein paar Schmetterlinge und erlebt selbst ohne andere die größten Abenteuer. Beim Menschen ist das überhaupt nicht viel anders.

    Jetzt kommen die Materialisten und sagen – es gibt nur eine Welt, sprich eine Instanz von Metadaten und die ist begrenzt über die Naturgesetze und die Kommunikation am besten über Schallwellen und das Licht in erster Linie.

    Es erschließt sich mir nicht, warum es nur eine Realität geben soll, wenn die unterschiedliche Interpretation von Metadaten allein es schon erlaubt verschiedene Welten zu schaffen mal abgesehen von unterschiedlichen Metadatenbasen.

    Für Materialisten ist Phantasie Realitätsverweigerung.

    Wir müssen nicht beim Frank Meyer im Garten sitzen um als Zaungast ein fröhliches ‚Hallo‘ über den Zaun zu rufen oder beim Bankhaus das Büro belagern.

    Was denken sie würde Friedrich Schiller heute tun. Darauf bestehen, dass Schüler auf der ganzen Welt die Glocke auswendig lernten (was er vermutlich nicht beabsichtigte – Das Lernen zum Zwecke der Wiedergabe ist an sich eine Limitierung aus dem Protokoll – Kommunikation über Schallwellen) oder er würde für Kinder in Afrika im Netzwerk einer Lernumgebung Content hinzufügen. Möglw. wäre die Glocke heute eine GIF Animation.

    Der Mensch sucht sich neue Ufer und findet er sich nicht, generiert er einfache eine neue Welten. Wie und wo das stattfindet … Auch Aktienbesitz ist Phantasie. Man braucht viel Phantasie, wenn man glaubt etwas mitreden zu können.

  3. kruemel sagt:

    Dies ist einer den wenigen Artikel, die im Bankhaus den ich nicht verstehe. Was hat Aktienbesitzt mit DSDS zu tun. Die Korrelation erschließt sich mir nicht ganz.
    a) Man nur an der Börse !!spielen!!, wenn man auch das nötige verfügbare Einkommen (disposable income) dafür hat. Also währe wohl die besser Korrelation, die Anzahl der Lottospieler und Kasinobesuchern mit dem Aktienbesitzt zu vergleichen.
    b) Leitsatz der guten Aktion Spekulation ist doch, buy low, sell high, somit wer jetzt noch dort einkauft handelt total falsch,
    c) Aktien sind nur Papier, hat man das Vertrauen komplett in die Wirtschaft verloren, „weiß“ man das nach dem Crash nichts mehr da ist, also auch das Papier wertlos ist.
    d) Wer macht heute noch ein Facebook account auf, sind es wirklich die „jungen“ oder nur noch die „Eltern“, die auch mal spielen wollen, oder wissen wollen was die Kinder machen.
    e) Nach den Schrecken des Krieges war das Biedermeier der Ausdruck der totalen Verabscheuung und Vertrauens Verlusts des einzelnen gegenüber dem System. Hien zu den „waren“ Werten, der Familie, der kleinen Gruppe. Somit nicht grundsätzlich Schlecht. Vielleicht haben wir das einfach nur wieder.

    • Avantgarde sagt:

      Die DSDS-Mentalität hat schon etwas mit „Wert“papieren(incl.Teilmenge Aktien) zu tun.

      Wenn man es schafft eine Stimmung zu erzeugen, daß genügend Menschen kaufen dann schafft man einen Wert indem man den notierten Wert X durch Nachfrage auf X+10 steigen lässt – alle werden lt. Depot nominal reicher.
      Die Meinungsmacher sind die Werteschaffer unserer Zeit.
      🙂

  4. bluestar sagt:

    Grandioser Ronald Gehrt !!!
    Herzlichen Dank für diesen tollen Artikel !!!
    Ein Plädoyer für eine Gesellschaft mit freien, mündigen, selbstbewussten,
    selbst denkenden, das eigene und gesellschaftliche Leben aktiv gestaltenden Menschen.
    Ob die im Koma liegenden Schlafschafe zu wecken sind, darf natürlich bezweifelt werden.
    Wie tote, willenlose Fische schwimmt das deutsche Volk flussabwärts.
    Jede Stufe der Evolution hat so seine Merkmale….

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