Nein zum Ja zum Nein?

9. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Wir können nicht absehen, in wie weit die momentane Entwicklung in Europa Auswirkungen auf unser tägliches Leben haben wird … außer, dass das nicht ohne Folgen bleiben kann. Ein Recht wird dem EU-Bürger aber wohl unbenommen sein: Das Recht, sich zu wundern. Und genau dies gedenke ich, heute wahrzunehmen.

Die Älteren unter Ihnen werden sich noch erinnern, dass es einst in Griechenland ein Referendum gab, bei dem es um die Frage ging, ob der geneigte griechische Bürger die Forderungen der Gläubiger, die diese an die Freigabe der noch fehlenden Milliarden aus dem sogenannten „zweiten Hilfspaket“ geknüpft hatten, akzeptieren mag oder nicht. Es war eine seltsame Abstimmung, nichtsdestotrotz mit recht eindeutigem Ausgang.

61 Prozent der etwa 65 Prozent der Griechen, die zur Wahl gegangen waren, sagten „Nein“ zu der Frage: Muss der gemeinsame Plan von EZB, EU-Kommission und IWF, der am 25.6.2015 in der Eurogruppe eingebracht wurde und aus zwei Teilen besteht, angenommen werden? Die zwei Teile sind: ‚Reforms for the Completion of the Current Program and Beyond‘ und ‚Preliminary Debt Sustainabilty Analysis‘.“ Was da konkret drinsteht, wurde vorher niemandem gesagt, wenngleich diese Titel netterweise ins Griechische übersetzt wurden. Aber man muss ja nicht alles wissen, gell?

Überaus schräg war zudem, dass dieser Plan bereits nicht mehr galt. Er war am Abend des 30. Juni mit dem Ende der Laufzeit des zweiten Hilfsprogramms hinfällig geworden, nichtsdestotrotz wurde das griechische Volk fünf Tage später befragt, ob es ihn annehmen würde. Die Aussage von Wolfgang Schäuble, dass man ihm seitens der griechischen Regierung nun erst mal erklären möge, worüber die Griechen denn nun abgestimmt haben bzw. was dieses „Nein“ jetzt konkret bedeute, war folgerichtig. Die Antwort indes blieb bei all den Statements von Tsipras und dem ebenfalls krawattenlosen Varoufakis-Nachfolger Tsakalotos irgendwie aus.

(Einschub: Vorteil des Ganzen ist, dass einem die sonst recht kompliziert wirkenden griechischen Namen zunehmend leichter von der Hand gehen)

Zeitsprung ins Hier und Jetzt.

Es ist viel Zeit vergangen, ganze vier Tage. Das Referendum ist längst im grauen Nebel der Vergangenheit verblasst. Warum? Weil zumindest die griechische Regierung scheinbar vergessen hat, dass es das Plebiszit gab. Denn wenn die griechischen Finanzmedien keinen Blödsinn schreiben (wobei die ja wegen geschlossener Banken und Börsen momentan genug Zeit dazu hätten) hat Tsipras in das für Dienstag zugesagte, nun aber bis 24 Uhr wirklich fällige Vorlagenpapier griechischer Sparversprechen und Reformen den selben Sums reinschreiben lassen, mit dem er vor knapp zwei Wochen in die allerletzte Verhandlungsrunde (also die vor der wirklich allerletzten) ging um dann festzustellen, dass er doch lieber das Volk fragen wolle zu einem Forderungswerk, das keiner gelesen hat.

Heute um Mitternacht muss das Teil, notfalls mit reitendem Boten, in Brüssel im Briefkasten liegen (ich übernehme da einen Spruch der Medien, weil er so schön blöd ist). Morgen dürfen das dann alle lesen, am Samstag palavern dann wieder die Finanzminister der Eurogruppe und am Sonntag entscheiden dann die Regierungschefs der Eurogruppe (wobei auch die Regierungschefs der nicht Euro-Länder der EU geladen sind, aber nichts zu sagen haben).

Derweil freuen sich die Aktienmärkte. Der Euro rührt sich nicht, der Anleihemarkt bleibt auf hohem Niveau, DAX und Co. aber legen eine Rallye hin. Warum? Eben. Frage ich mich auch.

Denn das griechische Volk sagt „Nein“ zu den Gegenforderungen der Gläubiger und er kommt mit demselben Kram daher wie zuvor? Selbst wenn man auf einmal okay fände, was zwei Wochen vorher nicht okay war … Tsipras müsste doch nun die Forderungen der Gläubiger erst recht ablehnen, nach diesem Referendum. Was hieße: Keine Einigung. Der einzige Weg wäre, dass er das Volk „Nein“ sagen lässt um dann selber „Ja“ zu sagen. Was man ihm mit Blick auf politische Karriere und Gesundheit nicht raten mag. Varoufakis wusste wohl, warum er rechtzeitig in Deckung ging.

Was da Basis dieser Käufe am Aktienmarkt sein mag, verschließt sich mir. Denn erstens müssen diese neuen Vorschläge aus Griechenland angenommen werden, dann die Forderungen der Gläubiger Punkt für Punkt akzeptiert werden und danach auch noch die Parlamente, wo dies erforderlich ist, zustimmen – inklusive dem griechischen! Ehrlich gesagt erkenne ich nicht, warum man heute hoffnungsvoll auf einen Montag hin kauft, an dem man wieder getrost die rosa Brille aufsetzen kann. Ich denke, die Chance dafür ist zwar da, aber gering … und keinen Deut höher als noch gestern am Abend, als selbst die US-Börsen haltlos in die Knie gingen.

Es ist schon drollig, dass die meisten Anleger jedem, der es nicht wissen will, erklären, dass man in Aufwärtstrends in Korrekturen hinein kauft, so nah am Aufwärtstrend wie möglich, zumal sich dann der Stoppkurs viel enger setzen lässt … und davon in Abwärtstrends nichts wissen wollen. Doch genau dieses trendkonforme Verhalten hätte an diesem Donnerstagnachmittag und vielleicht auch noch morgen seinen Einsatz. Und ob man nun Abwärtstrends als „pfui“ ansieht oder nicht, all diese gescheiten Regeln gelten eben auch für sie – und würden jetzt greifen … wobei man die Sache mit den Stoppkursen besser nicht vergessen sollte. Denn sagt Tspiras wirklich „Nein“ zum „Ja“, das sein eigenes Volk vor wenigen Tagen zum von ihm selbst empfohlenen „Nein“ gesagt hat, können DAX & Co natürlich kurzfristig aus den Schuhen springen, keine Frage.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de



 

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