Nein, nein und nochmals nein!

1. November 2010 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt
Ein ganzes Jahr geht das schon so! Damals, im Herbst 2009, kamen die ersten auf die Idee, den Kursverlauf des Dax nach der Rezession 2001/2002 mit dem aktuellen Kursgeschehen zu vergleichen und stellten fest: „Hey, das sieht ja alles gleich aus!“ Die fatale Folgerung daraus war, zu glauben, man habe jetzt einen „Fahrplan“ für die kommenden Monate und Jahre, indem man einfach die Kursentwicklung des Aktienmarkts von damals auf die aktuelle Phase überträgt. Das Schlimme ist, dass diese Leute bis jetzt auch noch recht bekommen haben…

Damit wächst die Zahl der Jünger dieser Hypothese natürlich zusehends, vor allem, nachdem der DAX vor kurzem aus seiner monatelangen Seitwärtsbewegung nach oben ausgebrochen ist. Ich kann jeden nur anflehen, sich nicht auf dieses schmale Brett zu begeben! Denn:

Zunächst einmal hat eine solche Vorgehensweise mit Charttechnik nichts zu tun. Die Vertreter des „Durchpausens der Kurse in die Zukunft“ berufen sich zwar in der Regel darauf, aber dem ist nicht so. Richtig ist natürlich, dass die Charttechnik bestimmte Muster im Kursverhalten erkennt, untersucht und so imstande ist, im Falle der Wiederholung dieser Muster die Chancen desjenigen zu verbessern, der sie zu lesen weiß. Das gilt aber für Widerstände und Unterstützungen, für Konsolidierungsformationen und Trends, für Trendkanäle und Umkehrformationen. Aber es gilt nicht für Kursverläufe über mehrere Jahre. Dergleichen sind nie und nimmer charttechnische Formationen! Damit lässt sich diese Projektion der kommenden Monate und Jahre nicht rechtfertigen.

Ich gebe zu, dass es auch verlockend ist, dieser „Hypothese“ über die Entwicklung der nächsten Zeit am Aktienmarkt anzuhängen, weil es auf den ersten Blick in beiden Fällen um die Endphase einer Rezession und die Entwicklung in den ersten Jahren danach geht. Aber überlegt man einmal genauer, findet man sich auch hier schon wieder auf einem schmalen Brett wieder:

Damals hatten wir eine normale Rezessionsphase und in den Jahren danach echtes Wachstum. Richtig ist zwar, dass auch damals das Platzen einer Blase (der des Internet-Booms) die Rezession auslöste. Aber das war kein Vergleich zu dem, was der Zusammenbruch der Subprime-Blase angerichtet hat. Und während damals die Umsätze der Unternehmen wieder solide zulegten und die Konsumenten wieder mehr Geld in der Tasche hatten, haben wir heute insbesondere in den USA, die nach wie vor den Taktstock für das Konzert der weltweiten Börsen darstellen, ein viel zu geringes Wachstum, das darüber hinaus auch heute noch künstlich unterstützt werden muss. Und Geld in der Tasche haben die normalen Konsumenten immer noch nicht.

2002 – 2005


2008 – 2010

Aber zugegeben, wenn man sich einmal den Verlauf des DAX vom Sommer 2002 bis zum Sommer 2005 ansieht und dann den Kursverlauf des DAX vom Spätsommer 2008 bis heute daneben stellt, sieht es wirklich aus, als würde sich das Kursgeschehen 1:1 wiederholen. Zuerst der scharfe, crashartige Kurseinbruch. Dann eine blitzschnelle Gegenreaktion nach oben, insbesondere durch Eindeckungen getrieben. Dann der endgültige, finale Absturz der Kurse und eine erneute, wiederum schnelle Gegenreaktion nach oben, die diesmal aber nicht in sich zusammenfällt. Dann, im nächsten Jahr nach dieser scharfen Aufwärtstrendwende eine monatelange Seitwärtsbewegung, aus welcher die Kurse nach oben ausbrechen. Und dann, wenn der Fahrplan des DAX weiterhin seinem Vorbild entspricht, wie es die Anhänger dieser Hypothese erwarten, weitere Kurssteigerungen bis Anfang 2011 … und dann irgendwann im Frühjahr ein Rücksetzer, der von einem erneuten Aufwärtsimpuls abgelöst wird.

So einfach ist die Börse? Man legt zwei Blätter nebeneinander und erklärt „guck mal Herbert, nächstes Jahr im August steht der DAX bei 7.500?“ Nein. So einfach ist die Börse eben nicht! Was ich hier zur besseren Erkennbarkeit in den beiden Charts dick blau markiert habe, ist ein typisches Muster für eine Endphase einer Abwärtsbewegung, für eine Trendwende nach oben und für die Phase danach. Die Reichweite dieses Musters endet aber spätestens 9-12 Monate nach dem Tiefpunkt der Abwärtsbewegung. Und selbst innerhalb dieser Zeitspanne muss nichts, aber auch gar nichts zwingend so ablaufen. Dass sich diese beiden Muster so sehr ähneln, basiert zwar zum Teil auf der Psychologie einer Trendwende. Aber ein nicht unwesentlicher Teil ist auch Zufall. Ebenso Zufall ist, dass sich die Muster auch hinsichtlich der einzelnen Monate decken (Tief im März, Ausbruch aus der Seitwärtsbewegung im Spätsommer etc.).

Was sich aber nicht deckt, ist das fundamentale Umfeld. In 2003 gab es den typischen, finalen Ausverkauf, während sich die Rahmenbedingungen bereits zu stabilisieren begannen – und zwar mit Masse aus sich heraus. Das Tief im März 2009 aber wurde nur aus den Komponenten „künstliche Stützung“ und „Hoffnung“ erzeugt. Eigentlich war es auch nur eine Gegenbewegung, die aber gerade, als sie im Juli 2009 in sich zusammenzufallen drohte, durch die massiven Käufe von einigen Großbanken künstlich verlängert wurde, indem diese das „Gratisgeld“ der Notenbanken nicht in Kredite, sondern in die Börse steckten. Und im Gegensatz zu damals hat die aktuelle Lage, anderthalb Jahre später, immer noch nicht wirklich viel mehr zu bieten.

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