Nachhilfe vom Meister

21. Mai 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

In der Sendung „Sternstunde Philosophie“ des Schweizer Fernsehens SRF war diesen Sonntag Nassim Nicholas Taleb zu Gast. Börsianern ist dieser außergewöhnlich originelle Denker unter anderem durch seine Werke „Der Schwarze Schwan“ und zuletzt „Antifragilität“ bekannt…

In der knapp einstündigen Sendung philosophiert Taleb beispielsweise über die unterschiedlichen Arten zu Erkenntnissen zu gelangen: Die deduktive Vorgehensweise, also ein Problem theoretisch zu durchdenken nannte er den „griechischen“ Weg.Dagegen hangelten sich die Römer durch Versuch und Irrtum vorwärts und kamen dabei zu buchstäblich tragfähigen Lösungen wie den Aquädukten.

Obwohl beide Verfahren ihre Berechtigung haben, machte Taleb keinen Hehl aus seiner Sympathie für die „römische“ Vorgehensweise, des induktiven „Bottom-up“ gegenüber dem deduktiven „Top Down“. Das Thema lasse sich auch auf Strukturen übertragen.

Die Schweiz sei so ein gut funktionierender Bottom-up-Ansatz. Was ein schlecht funktionierender, zentralistischer „Top-Down“-Ansatz ist, muss man einem EU-Bürger sicher nicht erklären.

Auch sei der Mensch nicht annähernd so begnadet als Problemlöser, wie er selbst es gerne glaube. Der Rollkoffer wurde beispielsweise erst unglaublich spät erfunden, obwohl die „Basistechnologien“ – das Rad und der Koffer – schon lange bekannt waren. Für unsere komplexe und dynamische Welt seien die meisten Theorien zudem ungenügend, würden aber dennoch überschätzt. Ein Phänomen, das sich nach unserer Beobachtung auch besonders häufig bei sogenannten Börsentheorien zeigt. Und weiter: Wer sein Geschäft auf Vorhersagen aufbaue, der betreibe ein zerbrechliches Geschäft – dies umso mehr, je höher die angewendeten Hebel und je weniger Sicherheitspuffer vorhanden sind.

Robuster sind Geschäfte, die ohne Vorhersagen auskommen. Auf die Börse übertragen sollte man sich daher weniger mit Prognosen als mit dem Managen von Positionen beschäftigen, den Hebel verringern und den Sicherheitspuffer vergrößern. Insgesamt ein sehr sehenswerter Beitrag über eine nützliche Philosophie und viele nachdenkenswerte Ideen. Wir meinen: Eine Stunde bestens investierter Zeit!

Schwarze Schwäne in Moskau

Gleich mehrere schwarze Schwäne landeten im Verlauf der letzten Jahre in Moskau. Dem beispiellosen Absturz der ohnehin preiswerten Aktien folgte ein steiler Wiederanstieg. Es dürfte – da kann man Taleb nur zustimmen – keine Theorie gegeben haben, die diese Kurskapriolen im Voraus auch nur mit einem Minimum an Sicherheit hätte prognostizieren können.

Natürlich gibt es in der Rückschau Erklärungen, die plausibel sind. Dennoch zeigte der Fondsmanager Zoltan Koch vom NESTOR Osteuropa heute im Rahmen einer Telefonkonferenz einige interessante Zusammenhänge auf. Am augenfälligsten war die Preisentwicklung des Rohölpreises in Rubel. Durch den gleichzeitigen Absturz der russischen Währung konnten sich die Ölpreise aus der Perspektive russischer Unternehmen stabilisieren, während sie sich in USD mehr als halbierten. Allerdings hatte die Rubelschwäche erhebliche negative Auswirkungen auf die russische Bevölkerung, die mit stark steigenden Preisen konfrontiert war.

Ferner wies Koch darauf hin, dass man die Märkte heute nicht mehr ohne Geopolitik denken könne. Für den türkischen Markt, der unter anderem aufgrund der dortigen Demographie aussichtsreich wäre, könnte der Konflikt zwischen AKP und der Regierung Erdogan zum Belastungsfaktor werden. Das geopolitische Hauptthema aber ist Russland. Positiv sei das Treffen zwischen US-Außenminister Kerry und dem russischen Präsidenten Putin vor wenigen Tagen zu bewerten. Eine Prognose bleibe aber äußerst schwierig, obwohl sich Koch zuversichtlich zeigte, dass Russland keine aggressiven Schritte unternehmen werde. Selbst nach dem massiven Kursaufschwung der letzten Monate ist der russische Markt noch immer günstig bewertet.



Herr Draghi und der DAX

Scheinbar überschaubarer sind da die Verhältnisse beim DAX. Im Wesentlichen gibt es einen großen Impulsgeber – Herrn Draghi von der EZB.

Auch die gestrige DAX-Stärke war kein originärer Aufwärtsimpuls, sondern spiegelte einmal mehr die Euro-Schwäche wieder. Dieser schwächelte, weil EZB-Direktor Benoit Coeure – sicher mit Rückendeckung von EZB-Chef Draghi – erklärte, dass die EZB einen Teil ihres Anleihekaufprogramms in die Monate Mai und Juni vorziehen werde, da ansonsten aufgrund des schwachen Handels in den Sommermonaten Juli und August nicht sichergestellt sei, dass man auf das angekündigte durchschnittliche Kaufvolumen von 60 Mrd. EUR/Monat komme. 

Die Märkte interpretierten diese Ankündigung als weitere Aufforderung aus dem Euro heraus- und in Sachwerte hineinzugehen. Tatsächlich hat es einen Beigeschmack, dass diese Erklärung nun schon so kurz nach dem Start des Kaufprogramms nachgeschoben wird. Erstens sollte diese Charakteristik des Anleihemarktes den Verantwortlichen auch vorher schon bekannt gewesen sein und zweitens hätte man diesen Ausgleich auch erst nach der Sommerflaute vornehmen können.

Die Käufe scheinen also eilbedürftig zu sein, was möglicherweise – wir spekulieren – auch etwas mit dem Einbruch beim Bund-Future zu tun hat. Dazu mehr im neuen Smart Investor 6/2015, der zum Wochenende erscheint. Die Angelegenheit hat aber noch einen weiteren Beigeschmack: EZB-Direktor Coeure soll laut Angaben des Wall Street Journals bereits am Montagabend in einem privaten Kreis von Hedgefonds-Managern den Strategiewechsel bekannt gegeben haben – rund 14 Stunden bevor das Thema offiziell wurde und eine kleine Ewigkeit, um davon auch wirtschaftlich zu profitieren. 

Dass ein solches System der zentral gesteuerten Wirtschaft mannigfache Möglichkeiten zum Front Running und zur Korruption eröffnet, wurde von Smart Investor schon oft bemängelt – wie es scheint, ist das Ganze auch keine rein akademische Fragestellung. Weiteres erstaunliches Detail am Rande: Die Dimension der EZB-Käufe ist offenbar so groß, dass der Markt dieses Volumen in den Sommermonaten angeblich nicht einmal hergibt. Von einer Knappheit bei Staatsschulden hören wir jedenfalls zum ersten Mal.2015-05-20_DAX

Der DAX nahm die Vorgaben von EZB und Euro-Fall jedenfalls begierig auf und beendete mit einem kraftvollen Satz die Konsolidierungsbewegung. Betrachten wir zunächst den blauen Kursverlauf in Abb. 1. Dieser stellt die DAX-Entwicklung aus dem Blickwinkel eines US-Dollar-Anlegers dar. Man sieht, wie sich der gestrige Kurssprung vor dem Hintergrund der Währungsbewegung einmal mehr relativiert (gelbe Markierung).

Nun zu unserem Leitindex in Euro, der im Balkenchart der Abb. 1 dargestellt ist. Bis gestern gelang es dem DAX nicht, sich überzeugend von der unteren Begrenzung des Aufwärtstrends (untere grüne Linie) zu lösen. In den letzten zehn Handelstagen wurde dieser Trend an ganzen fünf Handelstagen verletzt. Erst der neue Rückenwind der Frankfurter Gelddrucker verlieh neuen Schub und bleibt die wesentliche Triebfeder hinter dem ganzen Kursaufschwung. Nun sollte das alte Allzeithoch bei 12.390,75 Punkten bald wieder ins Visier genommen werden. Fällt dieses, dann ist auch ein Ausloten der oberen Kanalbegrenzung oder der durch das Allzeithoch entstandenen, verschobenen oberen Kanalbegrenzung (gestrichelte grüne Linie) möglich. Wir sprechen dann von DAX-Werten über 13.000 Punkten.

Edelmetalle

Eigentlich sollten auch Edelmetalle von den gleichen Argumenten profitieren wie Aktien. Und tatsächlich zeichnet sich hier nach vierjähriger Baisse auch eine Bodenbildung ab. Dabei führt Silber (Vgl. Abb .2) sogar die Stabilisierung an, was eher ungewöhnlich ist.

2015-05-20_Silber

Normalerweise segelt der kleine Bruder des Goldes in dessen Windschatten und überflügelt es erst, wenn es zu einer regelrechten Hausse kommt. Allerdings gibt es gute Gründe für die aktuelle Outperformance von Silber, wie wir im neuen Smart Investor 6/2015 darlegen. Dennoch, just an dem Tag, als klar wurde, dass die EZB beim Kauf von Staatsanleihen in der unmittelbaren Zukunft aktiver werden wird, sackten Silber und Gold wieder einmal ein. Ein „zufälliges“ Kursverhalten, an das sich die Marktbeobachter inzwischen schon gewöhnt haben.

Fazit

Einmal mehr setzte die EZB einen Impuls für die Märkte. Zwar jubelt die Börse reflexhaft, auf lange Sicht ist es jedoch äußerst beklemmend, wie hier die Märkte nach Gutsherrenart manipuliert werden.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage Smart Investor



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2 Kommentare auf "Nachhilfe vom Meister"

  1. Insasse sagt:

    „Tatsächlich hat es einen Beigeschmack, dass diese Erklärung nun schon so kurz nach dem Start des Kaufprogramms nachgeschoben wird.“

    Diese Feststellung hebt das Anleihekaufprogramm der EZB an sich ja schon beinahe auf den Thron des Rechtmäßigen. Dabei hat das Programm für sich genommen doch schon einen heftigen Beigeschmack (nämlich den der Manipulation).

    Wenn die EZB für später geplante Anleihekäufe nun bereits vorzieht, ist das der Beigeschmack zum Beigeschmack (sozusagen die Manipulation der Manipulation).

    Man fragt sich ernshaft, wie lange die EZB-Nomenklatura diese Manipulation noch erfolgreich steigern kann.

    Frohe Pfingsten aus der Anstalt vom Insassen!

  2. Sandra sagt:

    Die Logik besagt, alle Beziehungen stehen in Relation und nicht in Definitionen der Zugehörigkeit.

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