Nachgedacht!

5. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

… in meinen Augen ist die Erklärung weitaus simpler. Ich hatte in einer Ausarbeitung für meine Leser, die ich hier nicht komplett wiedergeben kann, noch am Freitag dargestellt, dass diese Rallye, so unglaubwürdig das klingt, zum allergrößten Teil reines Trading war. Vier Prozent rauf im Dax, in kürzester Zeit und auch noch ohne Grund – das soll nur Trading gewesen sein? Ja. Gerade wegen, nicht trotz dieser vier Prozent. Denn solche Kursausschläge kommen nur dann ohne besonderen Anlass zustande, wenn irgend etwas mit der normalen Struktur des Handels nicht stimmt.

Wenn man nicht so vor den Kopf gestoßen (Bären) oder von wilder Gier und Triumph erfasst (Bullen) gewesen wäre, hätte man sich vielleicht schon am Freitagvormittag gefragt, wie es kommt, dass nach einem solchen Kursrutsch nicht einmal so etwas wie eine kleine Bodenbildung auftauchte, die doch in der Regel einem Konter der Gegenseite vorausgeht. Das passiert dann, wenn die, die auf dergleichen warten, gar nicht mitspielen. Konkret:

Diese Rallye wurde von computergesteuerten Handelsprogrammen und Daytradern ausgelöst und durchgezogen. Die Käufe wurden zu einer Lawine, weil, wie ich in der oben erwähnten Ausarbeitung auch mit Charts gezeigt hatte, eine dieser von beiden Gruppen verwendeten Trading-Linien nach der anderen überschritten wurde, was immer mehr und noch mehr Käufe auslöste. Computer und Daytrader stellen sich solchen Bewegungen nicht entgegen, sondern intensivieren sie, weil sie nur mit dem Trend agieren. Wobei „Trends“ sich hier auf Zeitraster von einer Minute bis zu einer Stunde beziehen. Die Chart auf Tagesbasis sind da gar nicht von Interesse. Und da vor allem die Computer ihre Positionen auch noch pyramidisieren, sprich Gewinne auf dem Marginkonto nicht als größeres Sicherheitspolster, sondern als Kapitalbasis zur Positionsvergrößerung nutzen, entstand eine Kauflawine. Und noch einmal unterstrichen: Beiden Gruppen, die diesen Freutag dominierten, ist eigen, dass sie sich für EZB oder Eurokrise, US-Arbeitsmarkdaten etc. nicht interessieren.

Normalerweise würde diese Tatsache aber nicht zu derart extremen Bewegungen führen. Das passierte nur deshalb, weil normale Marktteilnehmer, vor allem aber die sogenannten „großen Adressen“ (Banken im Eigenhandel, Fonds, Hedgefunds (sofern sie nicht mit vorgenannten Computer-Handelsprogrammen arbeiten), Pensionskassen, Versicherungen u.a. nicht oder zumindest kaum aktiv waren. Denn dort tat man das, was ich oben schon als ratsam anführte: Man hielt die Füße still. Das klingt unglaubhaft, zugeeben. Und erst recht, wenn ich noch einen draufsetze und behaupte, die US-Computerprogramme und Daytrader waren auch mit Masse nicht dabei. Aber dennoch dürfte es so gewesen sein. Beispiele:

Es fiel z.B. auf, dass die Umsätze im Dax Future am Freitag zwar hoch, aber für die durchmessene Kursdistanz dennoch überraschend niedrig waren und deutlich unter denen des Donnerstags lagen, als es abwärts ging. Die Computer und Daytrader sind immer dabei. Wer also konnte da gefehlt haben, wenn es nicht die großen Adressen waren? Auch beim Aktienhandel blieben die Umsätze übrigens klar hinter denen des Donnerstags zurück – sie waren gut 20% niedriger.

Auffällig war zudem, dass die Abwärtsbewegung am Donnerstag an den US-Börsen dynamisch vonstatten ging, während dieser Kursanstieg des Freitags statisch war. Was bedeutet, dass die Vorgaben aus Europa über die mitgestiegenen US-Index-Futures zu Beginn des regulären Handels zwar sofort umgesetzt wurden, die Kurse dann aber schon eine Stunde nach Handelsstart komplett einschliefen. Keine Anschlusskäufe … und nicht einmal das üblich Gedaddel der Daytrader um die Intraday-Tradinglinien. Nichts.

Natürlich könnten die großen Spieler am Montag nachziehen und auch noch einstiegen. Aber es wäre für diese Klientel untypisch, den Kursen beim Steigen zuzusehen und erst deutlich höher mitzumachen. Sehr untypisch. Weitaus naheliegender wäre, dass man grundsätzlich – wie schon längere Zeit – auf solche Gelegenheiten wartet, um bei nachlassendem Kaufdruck sukzessive Positionen abzubauen und Short zu gehen, anstatt dagegen zu halten. Denn letzteres ist teurer und nicht hinreichend erfolgversprechend.

Natürlich könnten die Kurse auch in der neuen Woche weiter steigen, obwohl es keine Argumente dafür gibt, keine Frage. Natürlich könnte ein erneuter Tag der Neutralität eines großen Teils wichtiger Marktteilnehmer-Gruppen zu einer Wiederholung dieser Trading-Rallye führen, auch das ist möglich. Aber für mich ist, wenn es um die Beurteilung der Lage geht, nicht das tägliche Auf- und Ab-Gezocke wichtig, sondern das große Bild.

Und das hat sich, nachdem ich mir nun ein Bild über die Gründe dieser Rallye vom Freitag gemacht habe, nicht verändert. Hätte ich nicht weiter darüber nachgedacht und nur den subjektiven Eindruck dieser Rallye-Walze wirken lassen, ich würde vielleicht zum Bullen konvertieren. Aber so glaube ich, dass jeder, der zu diesem Schluss kommt, nämlich, dass dieser Handelstag der Beweis ist, dass es ab sofort nur noch steigen kann, in eine Falle geht.

Ich bin unverändert der Ansicht, dass die sich zuspitzende Lage auch nicht durch Anleihe-Kaufprogramme nennenswert aufgehalten und erst recht nicht geheilt werden kann. Und ich bin daher ebenso wie zuvor der Meinung, dass die Aktienmärkte, die eben entgegen der Sprüche vieler, die davon leben, kein sicherer Hafen sind, darauf mit einem zweiten Bein der im März begonnenen Abwärtsbewegung reagieren werden, das sehr leicht den ersten Verkaufsimpuls in Tempo und Größe übertreffen kann.

Ach ja, und bevor sie nun mit hassverzerrtem Gesicht in die Tasten hauen, um einen wütenden Kommentar zu verfassen, weil meine Überlegungen den Ihren unverschämterweise nicht entsprechen, lesen Sie bitte noch einmal die ersten beiden Absätze. Ein wenig Selbstbeherrschung und Gelassenheit täte uns allen gerade jetzt wirklich gut, meinen Sie nicht? Ihnen allen noch einen schönen Sonntag!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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