Nachgedacht!

5. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Gerade kam ein kurzer Bericht über Dow Jones Newswires, der übertitelt war mit „der Streit um den Euro wird immer unversöhnlicher“. Das ist so. Und wer ein bisschen nachdenkt, erkennt, dass daraus nichts gutes entstehen kann. Gleichzeitig beobachte ich, wie der Ton unter den Börsen-Bloggern und Forenmitgliedern immer schärfer wird…

Ich möchte an alle, denen diese in der Tat verwirrenden und meist auch verlustbringenden Schwankungen der letzten Tage und Wochen aufs Gemüt geschlagen haben, appellieren, auch nachzudenken. Auch das, nämlich sich verbal aufs Blut zu bekämpfen, bringt nichts gutes hervor. Nachdenken hingegen schon, vor allem, wenn es um diesen ominösen Freitag geht.

Je mehr die Emotionen der Akteure auf der einen und die emotions- aber auch verstandfreien computergesteuerten Handelsprogramme auf der anderen Seite das Geschehen dominieren, desto leichter tauchen solche irren Kursbewegungen auf. Dagegen kann man nicht viel tun, außer, sich darauf einzustellen. Toben oder wütende Hetze zu betreiben, ändert nichts. Die Börse hat ihre klassischen Mechanismen. Und nur diese waren für diese Rallye am Freitag verantwortlich. Weit extremer als normalerweise, keine Frage. Aber das hat Gründe. Und gerade diese Gründe lassen mich sehr bezweifeln, dass der Eindruck, der sich durch diese Rallye emotional aufdrängt, der richtige ist. Bevor ich das erläutere, sei aber vorangestellt:

Davon abgesehen, dass ich mich selbstredend irren kann, weswegen ich meine Erkenntnisse bzw. Vermutungen in meinen Börsenbriefen auch nicht stur und mit großem Kapitaleinsatz abbilde, sondern eher weniger tue, indem ich neue Signale noch nicht umsetze und lieber erst einmal neutral bleibe, kommt ein Aspekt hinzu, der in dieser Zeit mehr Gewicht hat als üblich: Meine Überlegungen können richtig sein … und es dennoch anders kommen. Einfach aus folgendem Grund:

Je schneller sich die Kurse bewegen und es dafür keine direkt erkennbaren Gründe gibt, desto mehr neigen die Marktteilnehmer zu extremen Reaktionen. Entweder, erst einmal überhaupt nichts mehr zu tun und den Kursen frustriert zuzusehen, die einem vorgaukeln, man hätte gerade spielend leicht eine Menge Geld verdienen können … ohne dabei zu bemerken, dass man dazu nur hätte vorher wissen müssen, wann die Kurse wie weit wohin laufen werden, was man gemeinhin eben nicht weiß. Oder sie rennen jedem Kursimpuls willenlos hinterher, weil die Angst, jetzt, nach dem dritten Richtungswechsel ganz bestimmt den entscheidenden Trendimpuls zu verpassen, größer als ihre Skepsis und Vorsicht ist.

Ich will durch diese Kolumne dazu beitragen, an einem Sonntag, in dieser kurzen Spanne der Ruhe, über das ganze nachzudenken und womöglich am Montag nicht gleich wieder vogelwild zu agieren. Aber ich weiß nicht, ob wirklich viele Marktteilnehmer das Wochenende ebenso nutzen, sondern stur an ihrer emotionalen, in der Hektik der letzten beiden Handelstage entstandenen, Meinung festzuhalten. Denn gerade ein solcher Kardinalsfehler prägt ja in Phasen wie diesen mehr und mehr das Geschehen. Und ich weiß zudem nicht, ob das wirklich – zumindest für die kommenden Tage – viel ändert, weil die, die für diese irren Kursbewegungen verantwortlich zeichnen, nicht nachzudenken pflegen.

Womit ich auf den Punkt komme: Rein vom Gefühl her wirken diese letzten beiden Handelstage als vernichtende Niederlage für die Bären. Verständlich. Man hat noch diese plötzliche Rallye der Woche zuvor in den Knochen, als im Dax das bearishe Signal der gerade gebrochenen 200 Tage-Linie in einem Kursfeuerwerk unterging. Dann kommt der markante Abverkauf am Donnerstag, nachdem sich herausstellte, dass die Hoffnungen der Bullen tatsächlich keine taugliche Basis hatten. Und dann steigt es am Freitag plötzlich aus dem Nichts wieder an, um bei Dax, EuroStoxx 50 und Euro/USD die vor der Enttäuschung durch die EZB erreichten Tageshochs wieder anzulaufen, als wäre nichts leichter als das. Emotional bleibt der Eindruck für die Bullen, unschlagbar zu sein (sofern sie vorher im Kursrutsch nicht ausgestoppt wurden) und für die Bären, keine Chance zu haben, obwohl eigentlich doch alle Argumente auf ihrer Seite stehen. Da beschleicht einen sogar das Gefühl, dass „man“ ganz gezielt Kaufwellen lostritt, um genauso wie am Anleihemarkt dafür zu sorgen, dass zu weit fallende Kurse die Lage nicht noch verschlimmern.

Aber mal ganz davon abgesehen, dass ein Blick auf die Anleihe-Charts der letzten zwei Jahre klarmacht, dass diese Interventionen nichts genützt haben und auch die Überprüfung der Erfolge von Interventionen an den Devisenmärkten der letzten 20 Jahre das selbe Resultat zeigt … was heißt denn hier „man“?

Weder EU-Kommission noch EZB kann einfach ein Depot eröffnen und mal eben ein paar zigtausend Futures Long gehen, um den beunruhigten Anlegern das Gefühl von unfallbaren Aktienmärkten zu suggerieren. Das fällt auf … und würde umgehend dafür sorgen, dass die Marktteilnehmer geschlossen dagegen halten. Und obsiegen. Und hätte „man“ irgendwelche Großbanken damit beauftragt … so müssten die bereit sein, die Verluste selbst zu tragen, wenn solche Aktivitäten in die Hose gehen. Denn würde man dann als Bank die „Miesen“ bei der EZB oder der EU als Spesenrechnung einreichen, käme das wieder raus – Effekt wie vorstehend. Natürlich gibt es diese Theorien dennoch. Und ich kann das verstehen, bei solchen irre wirkenden Kursbewegungen. Das erinnert an das amerikanische „Plunge Protection Team“, das immer wieder aus dem Hut gezaubert wird, wenn Baissiers in Phasen, in denen die Kurse eigentlich fallen müssten, es aber nicht tun, plattgewalzt werden. Aber: (Seite 2)

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