Nach dem Rausch ist vor dem Chaos

8. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart InvestorHomepage

Die exzessiven 16 Tage des Münchner Oktoberfests dürfen in diesen Zeiten als eine Insel der „Normalität“ gelten. Obwohl die Besucherzahlen des Vorjahres nicht erreicht wurden – manche scheuten wohl das durchwachsene Wetter und das Chaos an der Grenze – ist der Vollrausch vermutlich die adäquateste Reaktion auf die aktuelle Chaospolitik der Bundesregierung.

Genauer gesagt handelt es sich erneut um einen Alleingang von Angela Merkel, die bereits mit der „Dauerrettung“ des Euro und der „Energiewende ins Nichts“ (Hans Werner Sinn) den Rechts- und Vertragsbruch salonfähig machte. Heute Abend will sich die „Mutti“ der unkontrollierten Massenzuwanderung bei Anne Will erklären. Mehr als Kuschelfragen sind im Staatsfunk nicht zu erwarten. Dagegen wird selbst Putins Bürgerdialog – wir wagen eine Prognose – als ein geradezu anarchistisches Format erscheinen. Die Sendezeit wäre mit einer kurzen Erklärung der Kanzlerin und einem anschließenden „Brennpunkt“ zu ihrem Rücktritt sicher besser gefüllt.

Grenzenlos

Diese Hoffnung wird sich jedoch nicht erfüllen. Das Sesselkleben hat Merkel schließlich vom Meister dieses Fachs, ihrem Ziehvater Helmut Kohl, noch höchst persönlich gelernt. Immerhin kann die Frau so noch eine Weile als Studienobjekt für die fast universelle Unfähigkeit von Politikern dienen, einmal begangene Fehler zeitnah und schadensminimierend zu korrigieren.

Die Politik ist ein Haifischbecken in dem nach der Regel gelebt wird: „Wer einen Fehler öffentlich zugibt, begeht damit bereits seinen zweiten.“ Stattdessen wird nach Bauernopfern gesucht – der glücklose Thomas de Maizière ist das erste. Und es werden die üblichen Phrasen gedroschen: Den Merkelschen Plattheiten von „Alternativlosigkeit“, “Neuland“ und „Scheitert der Euro, dann scheitert …“ EU-topia müssen wir in diesen Tagen mit “freundlichem Gesicht“ ein substanzloses “Wir schaffen das“ aus dem Berliner Bunker hinzufügen. Solche Durchhalteparolen haben eine lange Tradition.

Bei Honecker hieß das kurz vor seinem Untergang noch: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs‘ noch Esel auf.“ Dass Honeckers Realitätsverweigerung auch auf Merkel abgefärbt hat, kann man an einer Parole wie „Das Grundrecht auf Asyl kennt keine Obergrenze“ erkennen. SPD-Mann Thilo Sarrazin rechnet vor: „Ein Asylrecht, wie das gegenwärtige, bedeute, dass 80 Prozent der Weltbevölkerung ein Recht auf Asyl in Deutschland hätten.“ Aber man muss gar nicht den stets verdächtigten Herrn Sarrazin bemühen. Vom früheren Kanzler Adenauer ist folgende hochaktuelle Einsicht zu Obergrenzen überliefert: „Ist es nicht schrecklich, dass der menschlichen Klugheit so enge Grenzen gesetzt sind und der menschlichen Dummheit überhaupt keine?“

Eigentum „verpflichtet“

Ein maximaler Wohlfahrtsstaat ist mit maximal offener Durchlässigkeit der Grenzen für diesen Wohlfahrtsstaat schlicht unvereinbar. Derartige Dinge werden vielleicht auf evangelischen Kirchentagen oder bei der Grünen Jugend gefordert, von der Bundespolitik dürfen die Bürger aber zu Recht etwas mehr Augenmaß und Vernunft erwarten…

Das Handelsblatt stellte resigniert fest, dass „Deutschland … derzeit links von Claudia Roth regiert“ wird. Dass aus einer derart verschobenen Perspektive automatisch mehr als 90% der Bevölkerung als irgendwie „rechts“ erscheinen, ist dann nur noch konsequent. Weil sich die Politik mit den eigenen Fehlern aber insgesamt so schwer tut, werden andere in Haftung genommen.

Das Handelsblatt widmete gestern der „Attacke auf das Eigentum“ seine Titelgeschichte. Es geht um privaten Immobilienbesitz, der zunehmend als Manövriermasse in das Visier einer überforderten Politik gerät. Auch hier haben wir es mit einem Grundrecht zu tun, wobei der Eigentumsartikel des Grundgesetzes (Art. 14 GG) aber so schwammig formuliert ist, dass er sich bei übereifrigen Weltverbesserern regelrecht andient. Dass das Privateigentum die Grundlage einer funktionierenden Marktwirtschaft bildet, gerät angesichts der Tagesaufgeregtheiten aus dem Fokus. Sollten sich die staatlichen Ein- und Übergriffe in das Eigentum noch weiter verschärfen – und danach sieht es aus – dann zerbröselt perspektivisch unser wirtschaftliches Erfolgsmodell und damit auch unsere Fähigkeit, dort effektive Hilfe zu leisten, wo sie benötigt wird.

Goldener Boden

Heute Morgen besuchten wir einen Vortrag von Doug Groh von Tocqueville Asset Management. Groh ist ein profunder Kenner des Goldmarktes und verfolgt einen fundamental orientierten Contrarian-Ansatz. Für seine Hauptthese, dass Gold aktuell einen großen Boden ausformt, lieferte er zahlreiche Belege. Auch Goldminenaktien präsentieren sich derzeit auf historisch extrem niedrigem Niveau – naturgemäß als Ausdruck der herrschenden Branchenprobleme.

Idealerweise sollte die gut vierjährige Baisse jedoch mit einem Paukenschlag enden. Ereignisse, die Groh in diesem Zusammenhang nannte, sind der Bankrott eines großen Minenunternehmens oder die Fusion zweier Branchengrößen – etwa Barrick und Newmont. Das würde signalisieren, dass es beim herrschenden Preisniveau nicht einmal die Großen der Branche alleine schaffen. Zudem liebten Märkte Exzesse, bevor sie drehen. Es könne daher gut sein, dass der Markt vor der Wende noch eine „Neun“ sehen wolle, also Kurse unter 1.000 USD/Feinunze.

Spiel mit Erwartungen

Das Zinsargument sah Groh im Übrigen nicht als Negativum an. Zwar sei es richtig, dass der Realzins einer der Hauptbestimmungsfaktoren für den Goldpreis sei – steigt er deutlich über Null, steigen auch die Opportunitätskosten für das Halten von Edelmetallen. Aber die Fed kündigte ihre Zinserhöhung seit über einem Jahr nur an. Hinter derartigen Ankündigungen stecke weniger eine ernsthafte Absicht als das Management der Markterwartungen. Die Fed wolle auf diese Weise „Normalisierung“ kommunizieren, ohne entsprechend handeln zu müssen. Tatsächlich gibt es auch nach unserer Auffassung keinen ernsthaften Spielraum für eine Fed-Zinserhöhung, die über einen symbolischen Minischritt zur Erhaltung der Glaubwürdigkeit hinausgeht. Jede nennenswerte und/oder nachhaltige Zinserhöhung würde das Deflationsszenario weiter verschärfen und brächte die hoch- und höchstverschuldeten Staaten näher an den Bankrott.

Bekommt Armstrong Recht?

Das allerdings bedeutet nicht, dass auch die Blase bei den Staatsanleihen weiter störungsfrei bleibt. Schon der April zeigte, was im Bund-Future (vgl. Abb.) in kurzer Zeit nach unten möglich ist. Seitdem ging es keilförmig nach oben. Das Top dieser Bewegung wurde übrigens am 2. Oktober mit einem Fehlausbruch aus diesem Keil markiert. Seitdem geht es nach unten. Damit bestätigte sich unsere Sichtweise aus dem letzten SIW 40/2015: Beim DAX sind wir unmittelbar in die Widerstandszone von 10.000 bis 10.500 Punkten vorgestoßen – eine Bewegung, die unter dem Titel „Erholung im Abwärtstrend“ einzuordnen ist.

Auch die Gefährdungslage in Form eines aufwärtsgerichteten, bearishen Keils beim Bund-Future hat sich realisiert. Diese wurde nun sogar noch durch ein Fehlsignal am 2. Oktober (=falscher Ausbruch, vgl. Markierung) verstärkt. Für den 1. Oktober sagte der angesehene US-Analyst Martin Armstrong (vgl. Titelstory Smart Investor 5/2015) bekanntlich einen Umbruch bei den Staatsanleihen und einen generellen Paradigmenwechsel voraus (vgl. auch Smart Investor 10/2015). Dessen wesentliches Kennzeichen besteht darin, dass der Einfluss der Regierungen sein zyklisches Hoch erreicht haben soll und ab da tendenziell auf dem Rückzug sein wird. Die strukturelle Funktionsunfähigkeit sozialistischer Politik zeigt sich dieser Tage hierzulande besonders deutlich.

Sollte sich der 1. Oktober tatsächlich als ein solches „Peak Government“ herausstellen, so hätte das natürlich auch erhebliche Auswirkungen auf eine der wesentlichen „Errungenschaften“ bzw. Hinterlassenschaften dieser Politik – die in Staatsanleihen verbrieften Schuldenberge.Gerade in solchen Umbruchszeiten sollten Anleger besonderen Wert auf den Schutz ihres Kapitals legen. Dem trägt der aktuelle Smart Investor 10/2015 mit der Titelgeschichte „Kapitalschutzreport 2015“ und einer eigenen Beilage „Gold 2015“ in besonderer Weise Rechnung. Auch unsere Interviewpartner Dr. Daniel Stelter vom Blog „Beyond the Obvious“ (S. 20), Axel Retz (www.private-profits.de, S. 32) und der Vermögensverwalter Dr. Holger Schmitz (S. 74) liefern Ihnen Anregungen, Hintergründe und Orientierungshilfen.

Fazit

Nachdem sich die letzten Bierschwaden über München gelichtet haben, dürfte die bayerische Landeshauptstadt erneut mit voller Wucht vom „business as unusual“ getroffen werden. Positiv ist allerdings, dass sich Politik insgesamt in allen ihren Großprojekten der letzten Jahre bis auf die Knochen blamiert hat. Das könnte – falls der US-Analyst Martin Armstrong richtig liegt – den Einfluss von Staat und Parteien, sozusagen wegen erwiesener Unfähigkeit, perspektivisch zurückdrängen.

 

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