Na so eine Überraschung!

14. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Es gibt zwei Arten von Menschen. Der eine fährt mit dem Rad und einigen Pils im Magen bei Glatteis flott nach Hause, fällt hin, steht wieder auf und denkt sich: War ja klar! Der andere ist nach dem Sturz vollkommen überrascht und denkt ganz verdattert bei sich: Also wirklich, keine Ahnung, wie das passieren konnte! Auch wenn es um die Wirtschaft geht, sind viele mit dem Rad unterwegs …

Laut Wikipedia definierte die Zeitschrift New Scientist eine Überraschung als „Wechsel der Erwartung aufgrund des Eintreffens neuer Daten“. Zumindest in Bezug auf viele Medienvertreter, Politiker und Volkswirte wirkt diese Bestimmung plausibel. Allein in den vergangenen Jahren kamen zahlreiche vermeintliche Überraschungen, überraschenden Entwicklungen und sonstigen erstaunlichen Schreckmomenten aufs Tapet. Oft ist die Überraschung für die Medien jedoch nur dass, was für den Politiker der so genannte „externe Schock“ ist – nichts anderes als eine Ausrede, warum die naiven Annahmen zur zukünftigen Entwicklungen sich nicht materialisiert haben.

Sie kennen entsprechende Fußnoten vermutlich aus nutzlosen Dossiers und Berichten politischer Gremien. Es wird ein absurdes Goldilocks-Szenario formuliert und dann mit einer Fußnote „falls die Finanzkrise nicht zurückkehrt“ abgesichert. Was nicht weg ist, muss nicht wiederkehren, es ist ja noch da. Die Solvenzprobleme der Banken dann später als Ausrede wieder aus der Tasche zu holen und auch noch als „überraschend“ zu bezeichnen, ist ein ebenso beliebter wie unwürdiger Winkelzug. Regen im Mai, April vorbei.

Der Mensch im Netz dürstet jedoch nach Überraschungen, so lassen sich jedenfalls die Daten zur Häufigkeit von Suchanfragen der Firma Google interpretieren. Der Überraschungsmarkt haussiert geradezu und erlebte im Jahr 2011 einen veritablen Boom.

Immer mehr Daten auf immer neuen Plastikspielzeugen mit Internetzugang haben den Appetit auf Überraschungen offenbar gut gedeihen lassen. Ob „Mann beißt Hund“, eine „milde Rezession“ oder der „XL-Aufschwung“ – an Absurditäten ist im Netz kein Mangel. Für Überraschungen im deutschen Blätterwald sorgt jedoch in der Regel die Realität. Aus heiterem Himmel bricht eine Rezession herein. Die Abnehmerstaaten deutscher Exporte kauen auf den dritten Zähnen und – hoppla! – die Exporte der Autorepublik schrumpfen. Dann sinken die Exporte und die Inlandsaufträge rutschen ab, Zufälle gibt’s.

So überraschend, wie mancherorts geschrieben wird, sind viele wirtschaftliche Entwicklungen dann aber doch nicht. Der gute alte gesunde Menschenverstand ist vielen Analysen oft einige Meilen voraus. Leider klingt er oft nicht scheinwissenschaftlich aufgebläht, man könnte auch sagen er ist von einnehmender Schlichtheit. Für „Research-Berichte“ der Bankhäuser genügt das offensichtlich ist, neben 20 Seiten zur detaillierten Erklärung des Haftungsausschlusses muss auch für die Abfolge der Kalendertage noch eine Korrelationsanalyse und ein Signifikanztest abgedruckt werden. Ok, nach dem Montag kommt der Dienstag, aber ist das nicht eine viel zu simple Annahme und könnte es nicht diesmal anders sein? (Seite 2)

 

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5 Kommentare auf "Na so eine Überraschung!"

  1. Hans Zahm sagt:

    Kaum verschwinden in der BILD die pin-ups… schon erscheinen sie hier, nur ein klein wenig gealtert… ich würd‘ mir gerade hier was fürs Auge wünschen, denn das Auge isst doch bekanntlich mit.

  2. pat sagt:

    Sehr schöner Artikel. Im Grunde ist man hier wieder bei dem Thema Wahrheit in einer Demokratie.

    Was hier oft wie Inkompetenz aussieht ist in vielen Fällen eine vorsätzliche Täuschung der Bürger deren Kritikfähigkeit ausgeschaltet wurde.

    Ein beliebter Trick die Menschen zu täuschen, der offenbar auch im Bundestag funktioniert, ist den zeitlichen Horizont der Gedanken zu begrenzen. Jeder der in längeren Zeiträumen denkt als die nächste Gehaltszahlung oder die nächste Bundestagswahl, ist in der Lage zu erkennen, dass Griechenland nicht gerettet ist.

    Je größer der gedankliche Zeitraum, desto besser versteht man die Welt. Selbst bei kritischen Geistern ist es allerdings selten, dass über die eigene Lebenserwartung hinaus gedacht wird. Auch die Kenntnis der Vergangenheit ist hier wichtig.

  3. khaproperty sagt:

    Über Fakten berichtet man deswegen so gerne, weil sie, um als unwiderlegbar behauptet werden zu können, in der Vergangenheit stattgefunden haben müssen.

    So finden wir in Medien, Kommentaren und Analysen vorwiegend das, was die Herrschaften im Rückspiegel zu erkennen glauben.

    Natürlich ist das lange bereits Schnee von Gestern, dient jedoch immer noch dazu, den sheep weiteres „Pumpen“ zu plausibilisieren. So beißen sie denn auch die Hunde, sobald Realität unübersehbar wird.

    Fed und EZB drucken Geld seit der Krise, treiben alle Assets in die Preisinflation und haben keinen Exit. Diese Marktstörung muß sich auflösen. Ein Anstoß dazu gäbe evtl. USA, Iran/Israel/Öl, Euro/PIIGS oder China. Aktuell wartet alle Welt auf Israel.

    All der gegenwärtige thumbe Optimismus paßt hervorragend zu dem, was uns sehr wahrscheinlich bevorsteht – als Kontraindikator.

  4. Wollen sagt:

    Zitat:“Aber da die mittlerweile nicht nur westliche Zentralbanken anscheinend davon ausgehen, folgenlos jedes Finanzloch wegdrucken zu können ohne dabei gewaltige Risiken aufzutürmen, sind wir sowieso bald alle Sorgen los. Die Frage, warum man überhaupt noch Steuern abführen muss, wenn man doch unbegrenzt und vor allem folgenlos Geld drucken kann, bleibt leider unbeantwortet. Im Grunde müsste doch auch niemand mehr arbeiten, oder? Wir drucken uns reich! Arbeit, Steuern und Staatsschulden sind nichts weiter als ein symbolischer Akt, wer braucht schon die Angebotsseite …“

    Wie wahr…

    Langsam wird es peinlich, die ganze Welt meldet eine Abschwächung der Wirtschaftsleistung außer in Deutschland da wird fleißig weiter exportiert.

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