Nichts macht nichts? Die „Amerikanisierung“ europäischer Zinsen

4. Dezember 2013 | Kategorie: RottMeyer

von Volker Schnabel

Am Ende der ersten Novemberwoche überraschte EZB-Chef Draghi die Finanzmarktteilnehmer mit einer „Amerikanisierung“ der europäischen Zinsen. Die auf nun nur noch 0,25% abgesenkten Leitzinsen markieren damit ein neues historisches Tief, und das, obwohl doch in den Wochen zuvor fast schon gebetsmühlenartig von Stabilisierung oder gar wirtschaftlicher Erholung in Europa fabuliert wurde…

Doch nicht etwa die zwischenzeitlich erreichte Stärke des Euros gegenüber US-Dollar oder Yen, die insbesondere Frankreich beendet sehen wollte,

„Wir fordern, dass die Europäische Zentralbank das macht, was alle anderen Regierungen tun: die Zinssätze gemäß unserer Interessen anzupassen. Der Euro ist zu teuer, zu stark und ein klein wenig zu Deutsch. Er sollte etwas italienischer, französischer, im Grunde europäischer sein.“

so Arnaud Montebourg, Minister für die Belebung der Produktion), diente der EZB dabei als Begründung für diesen Zinsschritt, sondern die im Oktober im Jahresvergleich von 2,5% auf 0,7% gesunkene – Deflationsängste erzeugende – Inflationsrate im Euroraum.

Nach Worten der EZB-Währungshüter sehen diese nun ihr Mandat „gefährdet“, schließlich kann die „Stabilität“ des Euro nur dann langfristig gewährt werden, wenn dieser auch Jahr für Jahr die als Ziel definierten knapp 2% Kaufkraftverluste erleidet!

Selbst wenn man aber nun – trotz gefühlter (und zu bezahlender) Inflationsraten von eher fünf Prozent – tatsächlich an die Aussagekraft einer durchschnittlichen statistischen Preissteigerungsrate in der Eurozone glauben sollte, zeigen die stark divergierenden Preisniveaus in den jeweiligen 17 Ländern (das Armenhaus Europas Griechenland gehört mit zu den teuersten Ländern) eindeutig, dass es nicht einmal theoretisch möglich ist, eine sinnvolle (Null-Zins-)Geldpolitik in einem wirtschaftlich immer stärker auseinanderdriftenden Europa zu betreiben.

Vor diesem Hintergrund ist die Kritik des Co-Chefs der Deutschen Bank Fitschen an der „Draghi´schen Liralisierung“ des Euros äußerst bemerkenswert: „Jeder, der glaubt, dass er mit einer fortgesetzten Periode des billigen Geldes Probleme löst, dem ist nicht zu helfen.“

Aber angesichts der Tatsache, dass die Euro-Utopisten in der EZB und der Politik – trotz Dauerrezession und Rekordmassenarbeitslosigkeit in den Südländern – immer wieder das Ende der Krise ausrufen, so wie jüngst wieder der deutsche Finanzminister Schäuble („Die Euro-Zone ist aus der längsten Rezession ihrer Geschichte heraus.“), muss man fast schon vermuten, dass die Verantwortlichen inzwischen selbst an ihre eigene Erfolgspropaganda glauben und die bittere Realität schlichtweg ignorieren.

Auch wenn sich die Eurokraten, wie einst die Zentralplaner im sozialistischen Ostblock, ihre Welt gern malen, wie sie ihnen gefällt, so lassen die zuletzt verstärkt zu beobachtenden Massenproteste in Spanien, Italien, Griechenland oder Frankreich, die unserer (System-)Presse leider keine die Idylle störenden Schlagzeilen wert sind, erkennen, dass die Bevölkerung dieser Länder immer weniger bereit ist die Konsequenzen der ignorierten Realität stumm und klaglos zu ertragen!

Streikten in Portugal Anfang November erst die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes gegen die geplanten härtesten Sparmaßnahmen seit 45 Jahren, waren Ende des Monats tausende „Polizisten im Kampf“. Ein unbefristeter Warnstreik der Stadtreinigungsbeschäftigten ließ hingegen Spaniens Hauptstadt Madrid wochenlang im Dreck versinken, während sich die Griechen massenhaft versammelten, um nicht nur die „Gläubiger-Troika“ zu „grüßen“. Doch auch in Frankreich, wo ein völlig überforderter Präsident Hollande verschiedenen Protestbewegungen gegenübersteht, deuten immer mehr Zeichen auf einen bevorstehenden Sturm. Dringend notwendige Reformen werden sofort von den Protesten der Bevölkerung erstickt, was nun selbst die EU-Kommission und Ratingagenturen am wirtschaftspolitischen Kurs Frankreichs zweifeln lässt.

Da laut einer Umfrage inzwischen 72% der Franzosen glauben, dass die soziale Unzufriedenheit zu einer bedeutenden Protestbewegung führen wird, und die Bereitschaft der Franzosen zu Revolutionen und Aufständen im kulturellen Erbgut fest verankert ist, könnte dieses Land schon bald die europäische – unter „AAA“-Schwindsucht leidende – „Stabilitätsunion“ in ihren Grundfesten erschüttern… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Nichts macht nichts? Die „Amerikanisierung“ europäischer Zinsen"

  1. bluestar sagt:

    Es ist richtig ,alle Beteiligten haben aus der Krise 2008 nichts gelernt.
    Übrigens auch die Wähler. Es ist schon merkwürdig in Frankreich einen alles und jedem
    etwas versprechenden Präsidenten zu wählen und dann kurze Zeit später gegen die
    Auswirkungen seiner Politik zu demonstrieren. Da muss sich das Volk selbst die Frage nach der geistigen Reife stellen.
    Griechenland, Portugal, Spanien, Italien und Co. Es gibt keine schmerzfreien Lösungen mehr aus diesem Desaster Euro, für Schuldner und Gläubiger. Die praktizierte Insolvenzverschleppung wird den Schmerz für alle Beteiligten nur vergrößern.
    Allerdings

    • Skyjumper sagt:

      Na selbstverständlich haben alle Beteiligten was aus der Krise gelernt. Und als Betrachter lernt man etwas über menschliche Verhaltensweisen.

      Alle wie sie da sind, und ganz besonders die Wähler, verhalten sich nach einigen sehr simplen und durchaus nachvollziehbaren Prinzipien:
      a) Heiliger Sankt Florian, verschon‘ mein Haus, zünd‘ and’re an
      b) Nach mir die Sintflut

      Aus der Egoperspektive die einzig richtige Verhaltensweise sofern man es lange genug durchhält und der Schmerz erst eintritt wenn man selbst schon abgetreten ist. Und selbst wenn man das nicht mehr erreicht ……… noch 5 Jahre Party und dann Megakater ist vielleicht trotzdem noch besser als sofortiger Partyabbruch und trotzdem Kater.

      • bluestar sagt:

        Aus erziehungstechnischer Sicht ist ein Megakater natürlich besser als ein „normaler“ Kater. Allerdings nur bei lernfähigen, den Folgen des eigenen Handelns vorausschauenden Kreaturen, und da habe ich doch so meine Zweifel. Da die Schuld im Falle des eigenen Hausbrandes und der Sintflut dann wohl bei anderen gesucht wird ist ein möglicher Lernprozess von vornherein eher unwahrscheinlich.

  2. 4fairconomy sagt:

    Die Zinsmanipulation beginnt damit, dass auf Liquidität ein Mindestzins von 0% garantiert wird, ungeachtet des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage! Das ist der hauptsächliche Ausgangspunkt der Krise und der Schulden- und Vermögenswachstumsproblematik. Die Interventionen der Notenbanken sind nur nebenwirkungsreiche Versuche, das Problem zu bekämpfen, in diem der eigentliche Marktzins mit übermässiger „Liquiditätsproduktion“ zu erreichen versucht wird – und doch nie wird erreicht werden können, da dieser aktuell im Minusbereich anzusiedeln wäre – wegen der steigenden Liquiditätsbestände und nachlassender Nachfrage für realwirtschaftliche Investitionen. Die Nachfrage würde insbesondere zurückgehen, wenn die Staaten aufhören, sich immer mehr zu verschulden.
    Das übermässige Angebot an Liquidität führt dann zu Blasenbildungen auf den Finanzmärkten und eine Erhöhung der Systemrisiken.

    Not-wendig sind Korrekturen am Geldsystem, welche marktgerechte Zinsen ermöglichen zwischen Liquiditätsangebot und – nachfrage. D.h. bei einem Überangebot von Liquidität müssen die Zinsen auch negativ werden können, und zwar ohne Verzögerung und Widerstand. Hier muss endlich der Markt spielen – beim wichtigsten Preis einer Volkswirtschaft. Eine Zinsgarantie von 0% für Liquidität ist die allergrösste volkswirtschaftliche Dummheit, die man sich vorstellen kann.

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