Mysterium Hexensabbat

16. August 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Was ist denn nun wieder los, mag man sich angesichts eines wie festgetackert wirkenden Dax fragen. Erst sausen die Kurse binnen Stunden mehrere Hundert Punkte nach oben und unten, dann auf einmal schafft es der Index ganze sieben Handelstage nicht, aus der mickrigen Spanne von 100 Punkten auszubrechen. Und vielleicht werden es sogar noch mehr Tage … nämlich neun..

Bis zu diesem Freitag. Da ist nämlich ein Verfalltermin an den Terminbörsen. Und der ist der Grund für diesen paralysiert wirkenden Dax, nicht eine plötzliche, weltweite Lethargie-Attacke.

Die Auswirkungen solcher Verfalltermine an den Terminmärkten werden in den Medien ungern aufs Tapet gebracht. Erstens sicherlich, weil die Sache ein wenig kompliziert ist. So etwas lässt sich nicht in 90 Sekunden erklären. Zweitens, weil das ganze immer ein wenig nach manipulierten Kursen riecht. Ersteres stimmt, zweites indes nicht. Es geht darum, die Kurse zu einem bestimmten Zeitpunkt auf ein bestimmtes Niveau zu bringen. Da das schlicht durch ganz normale Käufe und Verkäufe versucht wird, ist nichts daran auszusetzen. Jeder von uns würde gerne durch seine eigenen Käufe weitere auslösen und die Notierungen so höher treiben. Und jeder wünscht sich, dass sein Verkauf weiter fallende Kurse nach sich zieht. Sei es, weil er leer verkauft, sei es nur, um die Bestätigung zu bekommen, dass er sich richtig entschieden hat. Nur bewegen unsereiner Käufe und Verkäufe die Börsen gemeinhin nicht. Wenn indes die großen Spieler am Derivatemarkt antreten, dann schon. Die haben eben die Kapitalmacht, die wir nicht haben. Soll man ihnen das vorwerfen?

Die nach außen hin auffälligste Auswirkung eines solchen Verfalltermins ist der Umstand, dass die Kurse auf einmal nicht mehr das tun, was sie sollten. Und das, während beispielsweise bei Rohstoffen, Anleihen und Devisen alles normal läuft – weil deren Verfalltermine meist zu anderen Zeitpunkten stattfinden. Die Aktienmärkte reagieren auf einmal nicht mehr auf Konjunkturdaten, Quartalsbilanzen oder politische Nachrichten, wie man es erwarten könnte. Sie steigen, wenn sie fallen sollten. Sie fallen, wenn sie steigen sollten. Oder sie machen auf einmal gar nichts mehr, so wie aktuell. Deswegen werden diese Verfalltermine auch gerne Hexensabbat genannt – es passieren Dinge, die nicht passieren sollten. Warum?

Weil sich die großen Adressen so kurz vor dem Optionsverfall auf die Wünsche und Zwänge hinsichtlich dieses Verfalltermins konzentrieren und nicht auf das, was außerhalb der Börsensäle passiert. Und die dominieren nun einmal ob der Masse ihres Kapitals die Trends.

Ich kann hier nicht die Unterschiede der Optionen zu Optionsscheinen ausführen, mit denen sie leider oft verwechselt werden, sonst würde ein Buch daraus. Beschränken wir uns schlicht darauf: sie sind etwas völlig anderes. Gemein haben sie den Umstand, dass es um vorab fixierte Basispreise geht und der Abrechnungszeitpunkt von vornherein feststeht. An diesem Freitag ist die Abrechnung der Optionen auf Aktien und Indizes mit Laufzeit August.

Anders als bei Zertifikaten oder Optionsscheinen haben Optionen keinen zwingenden Beginn ihrer Lebensdauer, vor allem aber nicht zwingend Banken als Emittenten. Genauer gesagt: Emittenten in diesem Sinne gibt es nicht – Optionen kann im Prinzip jeder nicht nur kaufen, sondern auch verkaufen, also „herausgeben“. Entscheidend für das Phänomen „verhext“ wirkender Kurse sind aber zwei Dinge:

Erstens sind es meistens doch große Adressen, die als Verkäufer auftreten, während Privatanleger mehrheitlich Käufer sind. Zweitens neigen die Käufer dazu, Optionen zu kaufen, die „aus dem Geld“ sind, deren Basispreis bei einem Call also über und bei einem Put unter der aktuellen Kursspanne liegt. Da ist zwar das Risiko größer, aber wenn es funktioniert, sprich die Option bis zur Abrechnung ins Geld läuft, ist der Gewinn einfach höher. Natürlich bewegen sich die Kurse über die Wochen und teilweise Monate hinweg, in denen die Optionen laufen. „Im Geld“ und „aus dem Geld“ sind also immer woanders. Aber man kann sich das Ganze vorstellen, als würde man mit einem Magneten in Wellenbewegungen, dem Kursverlauf der Basiswerte (Aktien oder Indizes) entsprechend, über eine Fläche voller Eisenspäne fahren. Gegen Ende sammeln sich immer mehr Späne (Optionen) um den aktuellen Kurs (den Magneten). Und da stehen wir nun.

Warum klemmt denn aber nun der Dax momentan in einer winzigen Kursspanne fest? Ganz einfach: Weil diejenigen, die die Masse der Optionen verkauft haben (man nennt sie Stillhalter) hier den größten Gewinn erzielen. Denn der Verkäufer von Call- oder Put-Optionen erzielt ja genau dann den maximalen Gewinn, wenn die von ihm verkauften Optionen am Ende ihrer Laufzeit wertlos verfallen. In unserem Fall z.B. Calls auf den Dax Basis 7.050 (und höher) oder Puts Basis 6.850 (und tiefer). Da diese Optionen am Freitag zur Abrechnung völlig wertlos sind, wenn der Dax eben nicht über 7.050 oder unter 6.850 notiert, gehen die Käufer der Optionen leer aus, während die Verkäufer (Stillhalter) das Geld, das sie beim Verkauf der Optionen einnehmen konnten, komplett als Gewinn einstreichen können. Feine Sache!

Nun können Sie einwenden, dass das doch nicht den Kostenaufwand rechtfertigen kann, den Dax gezielt dorthin zu bugsieren, wo er den meisten Gewinn entspricht. Sie können einwenden, dass die Verkäufer ja keine homogene Gruppe sind und so innerhalb dieser großen Spieler völlig unterschiedliche Interessen vorliegen. Der eine hätte gerne einen Dax zwischen 6.500 und 6.600, der andere bei 7.200. Stimmt … und stimmt auch wieder nicht.

Was den ersten Einwand angeht: Hier kann es um Gewinne oder Verluste von zig Millionen, in manchen Fällen sogar um Milliardenbeträge gehen. Vor allem auf der Verlustseite. Denn je nachdem, wie sich z.B. der Dax bewegt, nachdem man eine Option verkauft hat, kann eine Einnahme von 100 Euro beim Verkauf zu einem Verlust von 5.000 Euro oder mehr werden. Da lohnt es sich sehr wohl, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um das zu verhindern. Und so ist der Begriff „Stillhalter“ für die Optionsverkäufer höchst relativ. Sie können es sich nämlich schlicht nicht leisten, stillzuhalten. Natürlich kommt es immer drauf an, wie sich die Lage darstellt. Es kann selbstredend teurer kommen, den Dax nach oben oder unten zu zerren.

Und zwar dann, wenn entweder die Umsätze gerade so hoch sind, dass es einen immensen Kapitalaufwand bedeuten würde. Oder, wenn man erkennt, dass man mit seiner optimalen Zielzone zur Abrechnung auf verlorenem Posten steht, weil die Mehrheit der anderen Stillhalter offenbar in die andere Richtung will – das zum zweiten Einwand. In diesen Situationen kommt es billiger, seine nahenden Verluste zu „hedgen“, indem man versucht, die schief liegenden Optionen zurückzukaufen, die Position durch eine Gegenoption zu neutralisieren (z.B. Call-Kauf zur Neutralisierung eines verkauften Puts) oder sich über Futures, CFDs oder Zertifikate in die Gegenrichtung engagiert und sich auf diese Weise neutral stellt. Wo die Masse „hinwill“, kristallisiert sich langsam heraus, je näher der Verfalltermin rückt.

Und in unserem Fall war erkennbar, dass man sich ungewöhnlich früh auf die Zone 6.900/7.000 eingependelt hat. Diese zu halten, ist nicht so schwierig, weil a) mittlerweile die Masse der Stillhalter offenbar so positioniert ist, dass dieses Kursniveau für sie ideal (und für die Käufer der Optionen somit fatal) ist und weil b) die Umsätze momentan derart mickrig sind, dass es nicht zu teuer kommt, den Dax bis Freitag via Dax Future in dieser Spanne zu halten.

Das klingt kompliziert? Nicht doch … das war eine deutlich vereinfachte Darstellung. Immerhin müssen die Stillhalter bei ihren Berechnungen zu optimalem Abrechnungsniveau und optimalem Gewinn auch noch berücksichtigen, welche Auswirkungen eine markante Verschiebung des Kursniveaus hätte – und was dann zu tun wäre. So hat die Rallye Ende Juli zweifellos eine Menge Rechner heißlaufen lassen. Und natürlich müssen auch die Optionen berücksichtigt werden, für die man sehr wohl die Gewinne am Freitag auszahlen muss. Beispielweise für Calls zwischen 6.500 und 6.600, die vor drei Wochen noch keinen Pfifferling wert waren.

Das alles mit einzubeziehen, dazu die Entwicklung der meist extrem komplizierten Parallel- und Gegenpositionen und natürlich die Wechselwirkungen der Optionen auf die Dax-Aktien, das schaffen keine Menschen mehr, sondern nur noch komplexe Software. Daher ist es auch heutzutage müßig, auf das „open interest“ (die noch offenen Positionen der Optionen) zu blicken um zu erahnen, wohin sich der Dax zum Verfalltermin bewegen wird. Da ist so viel abgesichert und gegenpositioniert, dass der Dax zum Freitag auch ein maximales open interest bei 6.700 haben könnte – aber dennoch das Niveau 6.900/7.000 für die meisten optimal ist.

Spannend bleibt es aber dennoch bis zum letzten Moment, auch, wenn der Dax momentan wie betäubt auf dem Bauch liegt. Denn angenommen, irgend eine große Adresse – oder mehrere – sind keineswegs mit einem Dax zwischen 6.900 und 7.000 optimal bedient, sondern mit einem 200 Punkte höher oder tiefer liegenden Index – wann wäre es für diese Gruppe ideal, den Dax dorthin zu ziehen? Natürlich dann, wenn die anderen nicht mehr genug Zeit haben, zurückzuschlagen. Da dürften meist Computer und menschliche Gehirne zusammen agieren, um den optimalen Augenblick auszubaldowern, zu dem man den Dax in die „richtige“ Richtung zieht. Aber meist ist das eben „kurz vor knapp“, um zu vermeiden, sich auf eine kostenintensive Schlacht mit der Gegenseite einlassen zu müssen, die den Dax eben ganz woanders haben will.

Noch ist also gar nicht mal sicher, dass wir tatsächlich dort am Freitag in den Hafen einlaufen, wo der Index aktuell steht. Ich muss allerdings zugeben, momentan sieht es wirklich nach einem allgemeinen Burgfrieden aus. Aber lassen Sie sich davon nicht einschläfern, es ist schlicht der Verfalltermin, der diese scheinbare Lethargie verursacht. Wir befinden uns, bildlich gesprochen und mit Blick auf Rahmenbedingungen, die alles, aber keinen eingeschlafenen Dax begünstigen, im Auge des Taifuns. Kaum ist der am kommenden Montag vorbei, dürfte es wieder mit neuer Dynamik losgehen!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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Ein Kommentar auf "Mysterium Hexensabbat"

  1. braindead sagt:

    wie immer ein klassischer Gehrt

    obwohl oben steht wer den Artikel veröffentlicht (-;

    und diese Votefunktion für die Kommentare, vermisse ich für Artikel.

    ich dachte bisher der Hexensabbat wären die großen Verfalltermine also

    3 6 9 12 aber ich kann mich täuschen

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