Moralische Börse?

16. Juni 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Ab und an wird einem, wenn man seit Jahrzehnten mit der Börse zu tun hat, die Frage gestellt, warum die sogenannte „Moral“ an der Börse nicht Einzug hält… Warum an der Börse oft mit steigenden Kursen auf negative und bisweilen schlimme Nachrichten reagiert wird. Darf man da mittun? Oder stellt man sich als Anleger ins „moralische Aus“, wenn man ebenfalls einsteigt, wenn Menschen entlassen werden, vom Hungertod bedroht sind oder getötet werden? Ein paar – grundsätzlich fiktive – Beispiele zu dieser Problematik:

Ein Unternehmen meldet, dass es 20 Prozent seiner Mitarbeiter entlassen wird – der Aktienkurs schießt nach oben. Begründung: Der Stellenabbau erhöht die Wettbewerbsfähigkeit und damit die Chance auf wieder steigende Gewinne. Und das ist dem Aktienkurs natürlich förderlich.

Ungünstiges Wetter führt dazu, dass ein Großteil der Reisernte vernichtet wird. Millionen sind vom Hungertod bedroht. Der Kurs des Rohstoffes Reis schießt daraufhin an der Börse nach oben. Denn das wenige, was auf den Markt kommt, trifft auf einen extremen Nachfrageüberhang, was deutlich höhere Preise ermöglicht. Das trifft die armen Länder, die diese Preise nicht bezahlen können und auf der Strecke bleiben.

Es kommt zu einem überraschenden militärischen Konflikt, bei dem die weltweite Energieversorgung eine Rolle spielt, weil das betroffene Land einen nicht unwesentlichen Teil der Rohölversorgung stellt. In diesem Land sterben Menschen … aber der Ölpreis haussiert, weil auch hier die Erwartung eines verknappten Angebots die Preise treibt. Wenn von etwas weniger da ist, die Nachfrage aber gleich bleibt, wird es nun einmal teurer.

Ein Krieg zerstört große Teile der Infrastruktur eines Landes. Menschen sterben auch hier … Lebensräume werden zerstört. Die Anleger kaufen massiv die Aktien von Baufirmen, Baumaschinenherstellern, Transportunternehmen. Nach der Zerstörung folgt der Wiederaufbau … und sorgt für satte Gewinne bei denen, die sich einen Stück dieses Kuchens abschneiden können. Anleger wollen ebenfalls an diesen Gewinnen teilhaben … ist das moralisch zu vertreten?

Wo ist die Grenze? Das ist eine schwere Frage. Und ich vertrete die Ansicht, dass sich niemand anmaßen sollte, eine für alle und dauerhaft gültige Antwort präsentieren zu können. Ich persönlich denke, dass das Recht auf Spekulation aufhört, wenn man damit dazu beiträgt, anderen Menschen unmittelbar Leid zuzufügen. Auch, wenn man nicht unmittelbar in lebenswichtige Rohstoffe investiert, sondern dies über Derivate tut, wird dadurch Aufwärtsdruck erzeugt. Einige Banken haben sich daher, gerade nach den schlimmen Exzessen der letzten Jahre, aus diesem Geschäft zurückgezogen … viele indes nicht.

Wobei man automatisch wieder bei der unmittelbaren Moral, oder anders formuliert, bei einer persönlichen Verantwortung ist. Hat die Börse, hat man als Anleger, eine persönliche Verantwortung? (Seite 2)


 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , , , ,

3 Kommentare auf "Moralische Börse?"

  1. bluestar sagt:

    Das Thema spiegelt wohl das Wesen der Menschen. Solange Elend, Gefahren und Katastrophen nicht sofort und unmittelbar vor der eigenen Haustür stattfinden und einen selbst betreffen wird es kaum wahrgenommen. Dazu noch Brot und Spiele und alles ist paletti, egal was sich übermorgen oder woanders abspielt. So lebt es sich ganz ruhig und gemütlich….
    Ich meine, wenn jeder Mensch in seinem unmittelbaren kleinen Umfeld etwas mehr verantwortlich und fair handelt, wäre das ein riesiger Fortschritt. Dazu zählen auch Investments und Verbraucherverhalten. Gibt es diesbezüglich in Kürze jedoch keinen Bewusstseinssprung, droht der globale Untergang dieses Homo Sapiens.

  2. Lickneeson sagt:

    „Ich meine, wenn jeder Mensch in seinem unmittelbaren kleinen Umfeld etwas mehr verantwortlich und fair handelt, wäre das ein riesiger Fortschritt“

    Dem kann ich nur zustimmen. Aber:

    “ Gibt es diesbezüglich in Kürze jedoch keinen Bewusstseinssprung, droht der globale Untergang dieses Homo Sapiens.“

    Das funktioniert seit 2000 Jahren nur in kleinen Schritten, leider. Solange wir aus religiösen Gründen andere massakrieren, aus wirtschaftlichen Interessen den Planeten ruinieren und uns selbst nur über das Konto definieren wird sich diese Tatsache auch nicht ändern. Die grösste Krankheit des Planeten sind wir selbst.

    MfG

  3. FDominicus sagt:

    Bewußtseinssprung? Ja was sollen wir auch nur ohne den „neuen“ Menschen machen. Komisch das hier untergeht, daß die Probleme in erster Linie auf Unterdrückung beruhen. Aber hey – was wären wir nur ohne unsere weisen Eliten?

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.