Mitgefangen, mitgehangen

25. Juli 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Das größte Problem vieler Marktteilnehmer sind falsche Annahmen. Das erfahren nicht nur junge Leute, die bewaffnet mit viel Portfoliotheorie ganz praktisch vor die Wand laufen. Das erfahren auch Anleger, die denken, der Finanzmarkt hätte die Aufgabe, benötigte Renditen zu liefern.

Die Vorstellung vieler Menschen vom Finanzmarkt lässt sich gut in einem Bild zusammenfassen.

Walterismus

Der Finanzmarkt wird mit einem Kaffeeautomaten gleichgesetzt. Man drückt eine Taste und bekommt nach einer gewissen Wartezeit das gewüschte Produkt, in diesem Fall mehr Geld. Bei komplizierten Bestellungen wie dem Bio-Veggie-Soja-Latte mit Karamellhaube (Aktien) dauert es eben etwas länger. Manchmal kommt auch der Reinigungsvorgang (kleine Krise) dazwischen. Am Ende aber, am Ende wird alles gut. Nichts könnte ferner der Realität liegen als diese zwar menschlich nachvollziehbare aber dennoch komplett groteske Vorstellung. Der Finanzmark ist kein Renditeautomat, bei dem man langfristig immer das bekommt, was man bestellt hat. Auch dauern manche Reinigungsvorgänge solange bis die Milch verdorben ist.

Da große Teile der Finanzbranche mit den Medien eng verquickt sind, darf man sich über die allgegenwärtige Präsenz von als Bericht getarnten Werbetexten nicht wundern. Man muss immer kaufen, am besten das Produkt, das am einfachsten zu verwalten ist und dennoch die höchsten Gebühren einfährt. Ein Aktienfonds ist das am leichtesten aufzulegende und zu verwaltende Fondsprodukt. Trotzdem sind Aktienfonds in der Regel nicht die billigsten Fonds.

Auch ist der Skaleneffekt vielen Anbietern und, schlimmer noch, vielen Kunden nicht offenbar nicht bekannt. Ob ein Geldverwalter 200 Millionen verwaltet oder 1 Milliarde, der Aufwand ist in etwa der gleiche. Natürlich fallen mit steigendem Volumen einige Papiere auf Grund ihrer Größe aus dem Anlagespektrum heraus. Der Arbeitsaufwand für den Auschluss bestimmter Aktien mit zu geringe Börsenwert oder zu niedriger Liquidität beläuft sich bei langsameren Menschen jedoch in etwa auf drei Minuten. Fünf mal so hohe Gebühren nur über das höhere Volumen sind damit nicht zu rechtfertigen. Man könnte auch eine Gebühr erheben, die bei steigendem Volumen anteilig immer weiter sinkt. Für die Margen der Branche wäre das tödlich, für den Kunden wäre dies eine direkte Ersparnis.

Im Grunde, und das ist der wichtige Punkt, hat es der Kunde wie so oft selbst in der Hand. Genau dieser Kunde wechselt langsam aber sicher zu den Produkten mit niedrigen Gebühren. So sollte sich in den kommenden Jahren eine gesunde Trennung von Spreu und Weizen kommen.

Viele passive günstige Produkte und eine zunehmende Anzahl fähiger aktiver Manager sollten den Markt bestimmen und das wäre eine sinnvolle Mischung. Wer etwas kann, darf sich das bezahlen lassen, wer nichts kann, bekommt auf Dauer ein finanzielles Problem. Erstaunlich ist nur, wie lange es dauert bis die Menschen aufwachen und merken, das „aktiv“ nicht heißt, dass man ab und zu mal eine Telekomaktie mehr oder weniger als der DAX im Bestand hält.

Fragen Sie Ihren Fondsmanager doch mal nach seiner mittleren Abweichung vom Vergleichsindex. Wie ist das so genannte active share? Wie ist der langfristige Ertrag im Vergleich zu einem passiven Investment? Wenn der Ertrag deutlich geringer ist, ist das Risiko auch entsprechend niedriger? Generell: Prüfen Sie mindestens einmal im Jahr alle Finanzprodukte in Ihren Depots und schauen Sie genau auf die Gebühren und die Leistung des Managers.

Es gibt Produkte, die höhere Gebühren rechtfertigen, meistens sind dies jedoch Produkte aus dem angelsächsischen Raum, die sich nur an Investoren wenden, die mindestens ein paar Millionen anlegen können und wollen. Das ist nicht nur reine Bösartigkeit, wie mancher sogleich vermuten wird. Viele Endkunden müssen sich auch an die eigene Nase fassen. Wer immer nur das kauft, was die letzten beiden Jahre gut gelaufen ist, der sollte einen Kurs gegen prozyklisches Verhalten belegen. Viele Anleger gehen auch in Erwartung kurzfristiger Gewinne in langfristig angelegte Strategien wie etwa systematische Trendfolger.

Geht es dann erstmal ein bis zwei Jahre seitwärts verlässt den geplagten Anleger die Geduld, leider meist zur Unzeit, weil vielleicht eine Börsengazette daherfaselt, der eine oder andere Ansatz sei tod. Das Muster wiederholt sich immer wieder und ist ein gutes Beispiel dafür, wie Anleger es schaffen in der Breite nicht zufällig sondern wesentlich schlechter als zufällig anzulegen. Aber keine Sorge, ihr Manager marschiert unverdrossen weiter und hält die Augen auf!

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Wenn es zwei Eigenschaften gibt, die am Finanzmarkt hilfreich sind dann sind es Geduld und Disziplin. Beide sind rar, denn die Börsen und die wenig hilfreiche zappelige Berichterstattung über jede Flatulenz im Börsensaal haben die Eigenschaft, Menschen zu Aktionismus zu verleiten. Von solchen Tendenzen sollte man sich fern halten.

Und Achtung, der nächste Reinigunsvorgang kommt bestimmt.

 

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3 Kommentare auf "Mitgefangen, mitgehangen"

  1. Hermann sagt:

    Der Run auf passive Produkte (egal ob Equities, Rohstoffe, …) zeigt jetzt schon erste Brüche. Man erinnere sich bitte an manche Öl-Tracker, die plötzlich 8% nach unten abgewichen sind,
    Was völlig under dem Radar zu sein scheint ist die Problematik geringer Volumina (v.a. wegen der passiven Produkte). Warten wir mal ab, wie hoch der tracking error bei einem richtigen crash ist. Die Fragilität des Kapitalmarktes und die der Wirtschaft wurde ja seit ’09 sicher nicht verkleinert.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Herrmann,

      derzeit steigt weiterhin das Volumen der passiven im Verhältnis zu den aktiven Produkten. Natürlich wird das, wie bei jedem Ansatz, dem zuviele folgen irgendwann problematisch. Dann wird es, wie Sie andeuten, interessant.

      Man weiss manchmal nicht, was mehr Schmerzen verursacht. Ist es die zugrundeliegende Geistlosigkeit eines Dax-ETF, der einen Index nachbildet, in dem seit Jahren nicht nur die Coba Aktie vor sich hin stirbt oder ist es der trostlos niedrige Anteil der Verwalter, der nach Kosten besser ist als ein solches Vehikel. Das liegt natürlich auch an der Nachfrage und nachgefragt werden Börsengeschichten vom Fernsehonkel und alle drei Monate ein Plus im Depot. Das mag unterhaltsam sein und wichtig wirken ist aber unprofessionell.

      Es ist nicht anders als der alte Denkfehler, weil mehr Rendite oft mehr Risiko bedeutet, würde auch gelten, mehr Risiko bedeute mehr Gewinn. Ein sehr beliebter Fehler übrigens. Generell ist ja auch die Bezeichung „passiv“ leicht misszuverstehen. Auch ein Aktienindex ist meistens insofern aktiv, dass Mitglieder nach bestimmten Regeln in den Index aufgenommen werden oder herausfallen.

      Viele so genannte aktive Manager tragen jedoch nur den Namen aktiv und managen bestenfalls den Tracking Error zur Benchmark. Wir halten sehr viel von aktiven Ansätzen. Leider halten wir den Großteil der Standardprodukte die sich so bezeichnen weder für aktiv noch für attraktiv.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  2. Igila sagt:

    Herrlich, der Humor! Und das Bild – einfach Klassse!

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