Mit Sicherheit unsicher

10. Mai 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

So sicher vieles in den Medien klingt, so unsicher ist die Realität. Niemand weiß, was morgen passiert, auch wenn viele genau das behaupten. Dauerhaft erfolgreich sind daher auch an den Finanzmärkten nicht extrem spezialisierte Ansätze sondern robuste Strategien. Besser selten auf Platz eins als ständig bankrott…

Beim Lesen der täglichen Berichterstattung hat man den Eindruck, zahlreiche Ereignisse seien für die Menschheit von elementarer Bedeutung. Dass dies in den meisten Fällen nicht der Fall ist, könnte man einen Tag später feststellen, wenn man nicht dann schon mit den neuen Gazetten beschäftigt wäre. Einer von vielen schönen Sätzen von Nassim Taleb („Antifragile“) betrifft das Lesen der Tageszeitung. Eine gute Methode um sich das Lesen der Zeitung abzugewöhnen sei es, ein paar Wochen lang die Zeitung des Vortages zu lesen. Da Taleb nicht explizit darauf hinweist möchten wir ergänzen, dass es vollkommen ausreichend ist, sich auf den Wirtschaftsteil zu beschränken. So spart man sich das Lesen des Blattes, was zeitlich einen größeren Gewinn als inhaltlich einen Verlust bedeutet.

Auch die Seiten der Rubrik „Politik“ darf man sich ersparen, es sei denn man hat ein übergeordnetes Interesse am Bild, das der kleine Moritz von Donald Trump oder anderen aktuell im Fokus stehenden Personen hat. Das Urteil bildet man sich, ähnlich wie bei Finanzthemen, ohnehin am besten selber. Obwohl das kaum wie eine neue Erkenntnis klingen mag, sind wir immer wieder erstaunt darüber, wie viele Markt- und Lebensteilnehmer irgendwelche Aussagen aufschnappen und nachplappern. Zum einen scheint es en vogue zu sein, zu jedem Thema eine Meinung zu haben. Das mag bei gesellschaftlichen Themen im Rahmen einer abendlichen Plauderei hilfreich sein. Geht es um Märkte ist das unnötig und kann teuer werden. Besonders gefährlich ist es, eine Position zu haben und sich nur Artikel durchzulesen, die für diese Position sprechen. Immerhin ist man nicht alleine, wenn es schiefgeht.

Viele Situationen an den Finanzmärkten sind nicht nur schwer einzuschätzen sondern selbst wenn man sie richtig einschätzt, noch schwieriger zu handeln. Wer nicht nur seine Einschätzung genießen will sondern auch danach handelt, der tut gut daran, sich auf die wenigen und selten daherkommenden Gelegenheiten zu reduzieren, bei denen das Chance-Risiko-Verhältnis sehr gut ist. Ansonsten muss man die Unsicherheit und viele verpasste Bewegungen akzeptieren und sich darum kümmern, sein Geld zusammen halten. Geduld ist unbezahlbar, sowohl bei kurzfristigen Tradern als auch bei langfristigen Anlegern.

Wie zu jeder anderen Zeit gibt es zahlreiche Unsicherheiten, die sich auch auf die Finanzmärkte auswirken. Besonders interessant ist derzeit die politische Unsicherheit in Europa. Unabhängig von der schrillen Berichterstattung über die US Vorwahlen sind die politischen Zentrifugalkräfte in Europa wesentlich dramatischer. Die Medienpräsenz einer Thematik ist nicht zwingend mit ihrer Bedeutung korreliert. Vielmehr werden viele reale Probleme auf Grund einer echten oder angenommenen Komplexität eher zu wenig betont oder gänzlich ignoriert. Oft werden die Probleme auch zu langweilig, man denke an die TARGET Salden oder den dahinsiechenden Bankensektor in Europa. Sprengt sich jemand in die Luft ist es eine Nachricht wert, saufen sich zehn zu Tode interessiert es niemanden. An den Märkten geht man nach einer Weile der Entspannung davon aus, weil bis gestern nichts passiert ist, könne auch kein Problem existieren. Möglicherweise ist jedoch nur die Zündschnur länger als gedacht. Wenn die entsicherte Handgranate nach der üblichen Zeit nicht explodiert ist, ist das Chance-Risiko-Verhältnis dennoch besser, wenn man sie trotzdem wegwirft und nicht beruhigt in die Hosentasche steckt. Das mag selbstverständlich klingen, an den Finanzmärkten jedoch ist die entsicherte Handgranate in der Hostentasche ein beliebtes Accessoire.

Zuviel Sorge bringen einen natürlich weder an den Märkten noch im Leben weiter. Wer immer wartet, bis „alles klar“ ist, der ist meistens zu spät. Wenn alle sehen, dass der Markt seit Jahren steigt, ist man vermutlich nicht in der Gruppe der frühen Anleger, wenn man sich auch ein paar Aktien kauft, die Oma Thekla bereits ein Jahr zuvor ins Depot gelegt hat. Zuviel Sorge führt jedoch schlimmstenfalls zu entgangenen Gewinnen. Das ist nicht schön, gefährlicher jedoch ist es, wenn die Sorge gänzlich von der Hoffnung verdrängt wird. Oft vollzieht sich dieser Sprung ohne den Weg über den neutralen Gemütszustand. Bei institutionellen Anlegern ist es etwa der Sprung von Pfandbriefen in Aktien. In der Chemie spricht man von Sublimation, dem direkten Wechsel vom festen in den gasförmigen Zustand. Dabei wird eine ungeheure Menge Energie frei, was auch zerstörerische Wirkungen auslösen kann. Das darf man sich als Analogie zum eigenen Portfolio einprägen. Wenn dadurch der Anteil der Sorge von 0% auf 10% steigt, ist schon viel erreicht.

 

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