Mit Schwung in die Bullenfalle?

30. Juni 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronand Gehrt

Die Abstimmung über das Sparpaket ist über die Bühne. Alle diejenigen aus der Regierungspartei, die ein „Nein“ angekündigt hatten, sind im letzten Moment umgefallen, so dass es tatsächlich 155 von 155 möglichen Stimmen dafür gab. Ich bin wahrhaftig nicht der einzige, der davon ausgeht, dass Griechenland sich damit endgültig sein eigenes Grab geschaufelt hat…

Aber was die unmittelbare Zukunft der Börsen angeht, ist diese weit weniger klar als die Griechenlands. Denn: Wie ich es erwartet hatte, gab es unmittelbar nach der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses um 15:05 Uhr einen winzigen Kick der Kurse nach oben, danach aber eine Verkaufswelle, in welche hinein alle diejenigen ausstiegen, die bereits in den Tagen zuvor auf einen Erfolg des Sparpaketes gesetzt hatten. Typisch. Und soweit war das Ganze noch einfach. Aber diese unmittelbar aufgetretenen Gewinnmitnahmen wurden komplett wieder aufgekauft! Von wem? Warum?

Noch am Morgen war es erneut bei Euro, DAX und US-Index-Futures steil aufwärts gegangen, und alleine das war ein genaues Überlegen wert. Gab es denn wirklich so viele blauäugige Marktteilnehmer, die nach zwei Tagen starken Kursanstiegs immer noch weiter kauften, in der Hoffnung, dass eine erfolgreiche Abstimmung über das Sparpaket einen neuen Aufwärtsimpuls generieren würde?

Dass dieses Sparpaket die EU-Krise insgesamt heilen könnte, die Probleme der US-Wirtschaft und das gebremste Wachstum in China ebenso wie die Probleme in Japan und Nordafrika einfach übertünchen würde? Muss man sich denn nicht als einigermaßen intelligenter Mensch Gedanken darüber machen, ob man nicht bereits auf einem zu hohen Kursniveau einsteigt, weil die kurzfristige Freude über einen (in die falsche Richtung führenden) einzelnen Schritt nie von Dauer sein kann? Und konnte man nicht am vergangenen Freitag ebenso bereits davon ausgehen, dass dieses Sparpaket nach der gewonnenen Vertrauensabstimmung im griechischen Parlament durchgehen würde … was da aber noch niemanden zum Kauf animierte?

Käufe mit klarer Zielsetzung

Es mag ja sein, dass manch ein Privatanleger sich über die Jahre hinweg so hat blenden lassen, dass er negative Aspekte einfach nicht mehr wahrnimmt. Aber die großen Adressen in Form von Banken im Eigenhandel, von Fonds und Hedgefonds, von Versicherungen und Pensionskassen, die den Taktstock an den Börsen schwingen, sind beileibe nicht naiv. Daher meine ich, dass die Käufe ein anderes Ziel anvisieren und die gestrige Abstimmung nur Mittel zum Zweck war. Überlegen wir einfach mal:

Noch am Freitag schloss der S&P 500 nur knapp über seiner 200 Tage-Linie. Zu diesem Zeitpunkt lag die Performance gegenüber dem Quartalsbeginn deutlich im Minus und war sogar gegenüber dem Jahresanfang bei nahe bei Null angelangt. Darüber hinaus hatte man anhand des Kursverhalten den Eindruck, dass bereits mehrere große Adressen ganz gezielt auf fallende Kurse gesetzt haben. Aber, das unterstreiche ich immer wieder: Bei diesem großen Adressen existiert kein kollektives Denken und Handeln. Auch da stehen sich Bullen und Bären genauso gegenüber wie bei den Privatanlegern oder kurzfristigen Tradern. So, wie sich das Kursgeschehen in den ersten drei Tagen dieser Woche darstellt, haben jetzt die Bullen ganz gezielt und planvoll zurückgeschlagen. Denn:

Zum einen haben wir da mal einen charttechnischen Unterbau. Der S&P 500 hat zweimal seine 200 Tage-Linie verteidigt und hatte dadurch die Möglichkeit, ein Doppeltief auf Höhe des wichtigsten aller gleitenden Durchschnitte zu vollenden. Der Nasdaq 100 konnte zu Wochenbeginn seine 200 Tage Linie zurückerobern, die er kurzzeitig unterschritten hatte. Und im Dow Jones gelang bereits am Montag die Rückeroberung der zumindest psychologisch wichtigen Linie von 12.000 Punkten. Beim DAX wurde zudem die Linie von 7.000 Punkten in mehreren Fällen verteidigt. Und auch beim Euro konnte mit der Unterstützungszone 1,4150/1,4290 eine wichtige Auffanglinie gehalten werden.

Wäre es nicht gleich am Montag zu entschlossenen Käufen gekommen, wäre es ein Leichtes für die Bären gewesen, den zu diesem Zeitpunkt noch sehr nahe liegenden Unterstützungen den Todesstoß zu versetzen. In diesem Fall würden wir heute wahrscheinlich im DAX irgendwo zwischen 6.800 und 7.000 Punkten notieren und nicht im Bereich von 7.300. Denn eines ist sicher: An der sich weiterhin verschlechternden Gesamtsituation orientierte sich das Kursgeschehen der letzten Tage wahrhaftig nicht. Dieses Auf und Ab (in den letzten drei Tagen nur „Auf“) war nicht von den eingehenden Nachrichten abhängig, sondern nur von den Kräfteverhältnissen bei bullishen und bearishen Marktteilnehmern… (—>Seite 2 )

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4 Kommentare auf "Mit Schwung in die Bullenfalle?"

  1. DAX – eine Standortbestimmung…

    Durch den starken Anstieg des DAX der letzten Tage hat sich das Marktsentiment plötzlich geändert. Wo zuvor Angst und Krisenstimmung gewütet haben, sind diese nun einer Lösung der Schuldenkrise und einer möglichen Sommerrallye …

  2. Stuelpner sagt:

    „…dass heute zum Handelsende das zweite Quartal und damit ihre Performance in trockenen Tüchern ist,…“
    Wahrscheinlich ist tatsächlich das Hauptziel die Übererfüllung der Quartals- bzw. Halbjahresplans, dass soviele freundliche DAX-Signale ausgesendet wurden. Hätte nicht eigentlich der heute bekanntgegeben 2,8%ige Minus-Superkaufboom den DAX eher drücken müssen oder spielen solche äußeren Einflüsse schon gar keine Rolle mehr? Versteh ich nicht, werd doch kein Broker mehr.
    Jedenfalls was getürkt hochsteigt muss dann auch echt tieffallen in die „Bullenfalle“ bzw. Bärenhöhle, oder?
    Also wäre jetzt die richtige Zeit um einzusteigen, entweder in den DAX oder Riesterrente.

  3. wolfswurt sagt:

    Aktien aufgekauft von wem?

    In einem System, welches permanentes Wachstum und Aufschwung benötigt um Kreditgeld zu erzeugen und naturgegebener Maßen das Bedürfnis der Massen nach Wohlstandssteigerung erfüllen muß, ist die Frage leicht zu beantworten: die Inhaber der Macht.

    Diese sind zu finden in den Chefetagen der Banken, Großkonzernen, in diversen Denkfabriken und nicht zu vergessen die Marionetten unter der Kuppel in Berlin.

    Der Markt ist tot – es lebe das Regulativ!

    Gutes Beispiel die Banken in England, die Hypothekenrückzahlungen von Privaten und Gewerblichen strecken um ihre Ausfallrate nach unten zu drücken.

    Die weitere Entwicklung der Papierwerte kann nominal nur nach oben gehen, denn das Gegenteil wäre für das System das Ende.

    In der DDR pflegte man bis zum November 1989 in der Jahresmitte die stetig steigenden Produktionsergebnisse zu verkünden während in den Betrieben nicht genügend Rohstoffe vorhanden waren und selbst die Versorgung der Bevölkerung und Fernwärmekraftwerke mit Braunkohle im Winter 88/89 nur durch Verschieben der Vorräte quer durch die Republik gewährleistet werden konnte.

    Merke: bis zur letzten Minute muß das Gegenteil der Realität behauptet werden.

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