Mit Hurra voll gegen die Wand!

3. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Lauschet den Altmeistern! Dann kann nichts passieren. Und nicht nur das. Sie bekommen die Bestätigung dessen, das Ihnen windige Reichmacher immer wieder ins Ohr pusten: Börse ist kinderleicht! Ob man nun Jack Bogle, Ralph Acampora oder sogar „Captain Kirk“ William Shatner vor die Kameras schleift, sie erklären uns bei fallenden Kursen, dass man kaufen müsse. Und bei steigenden Kursen? Was für eine blöde Frage. Kaufen natürlich. Warum?

Wie, warum! Man zweifelt nicht am Wort von Börsenlegenden, ich bitte Sie. Außerdem sind sie ja auch nett genug, uns das zu erklären: Wenn es nach unten geht, wird es wieder steigen. Weil die US-Wirtschaft stark ist. Und ist sie mal nicht stark, wird sie es ruckzuck wieder. Weiß man doch, meine Güte. Also muss man in fallende Kurse hinein kaufen, weil es ja eh wieder hoch geht. Und bei steigenden Kursen muss man kaufen, weil es steigt. Es ist doch allgemein bekannt: Was steigt, wird weiter steigen. Und steigt es mal nicht, dann kommt Regel 1 zum Zug: Dann steigt es eben sehr bald wieder.

Die Argumente von Ralph Acampora haben mich beeindruckt. In einer Diskussion hat er da einen jungen Schnösel mit unerfahrenen Mitte Vierzig souverän an die Wand gedrückt. Der kam mit Unsinn daher wie „die Arbeitsmarktdaten spiegeln nicht die Realität wider“, „der Konsum stagniert“, „die Bewertungen der Aktien sind gefährlich hoch“ oder „von den wichtigen Unternehmen haben viele bei den Quartalsergebnissen enttäuscht“. So ein dummes Zeug. Der Ralph, der wusste indes Bescheid. Sein Argument: Gegen Jahresende steigt es fast immer. Und vor Zwischenwahlen eh. Und dann kommt ein Vorwahljahr, das ist statistisch gesehen fast immer bullish. Das ist das Jahr vor dem Wahljahr … und das Wahljahr ist ja erst recht bullish. Also. Noch Fragen? Übrigens: Dieser Schnösel Mitte Vierzig war nicht ich, falls Sie diese dummen Argumente wiedererkennen sollten. Ich bin Ende Vierzig.

Manchmal ereilen mich nach solchen Zeilen Mitteilungen, dass ich Schwachsinn schreibe. Daher zur Sicherheit: Da war ein Hauch von Sarkasmus drin. Die tatsächliche Kernaussage meinerseits lautet: Wir fahren gerade mit voller Kraft gegen eine Betonwand.

Okay, es lässt sich nicht bestreiten, dass diese perma-bullishen Tattergreise der Börse nun Recht bekommen haben, was die US-Indizes angeht. Europa lassen wir da mal außen vor, denn das ist hinsichtlich der Indexbewegungen nur der Erfüllungsgehilfe und willenlose Wurmfortsatz der Wall Street, gebremst durch den Umstand, dass man in Europa nicht mehr imstande ist, das kippende Wachstum zu ignorieren. In den USA geht das einfacher. Immerhin bestätigt die dortige Notenbank den soliden Wachstumskurs. Und hat die sich jemals geirrt, gar voll ins Klo gegriffen mit ihren Einschätzungen? Nun ja … regelmäßig. Aber:

Ein US-Börsenhändler-Veteran (dasselbe wie diese anderen Legenden, nur mit Ahnung) hat es überaus treffend formuliert: Solange die Leute glauben wollen, dass alles in Ordnung ist, verkauft keiner. Und wenn keiner verkauft, nimmt man die steigenden Börsen als Beweis, dass alles in Ordnung ist. Mein Reden. Und dass diese Rallye der letzten gut zwei Wochen eigentlich gar keine fundamentale Basis hat … im Gegenteil … juckt dann niemanden. Keiner hinterfragt, wenn etwas passiert, was ihm in den Kram passt. All diejenigen, die Stoppkurse ignoriert hatten, womöglich ins fallende Messer gegriffen haben, fühlen sich jetzt bestätigt. Verkaufen ist nur was für Deppen. Sich abzusichern ist was für Deppen. Die US-Börsen sind unverwundbar. Und die oben genannten „Legenden“ wieder einmal Helden.

Wundert es jemand von Ihnen, dass nun gegen Ende letzter Woche fast durchweg „Experten“ von Geld anderer Leute verwaltenden Unternehmen vor den Mikros klebten, die uns erklärten, dass dieser Kursanstieg auf starken Konjunkturdaten, zum Heulen guten Quartalsbilanzen und einer weisen Notenbankpolitik beruht und dementsprechend alles sein kann – aber noch nicht zu Ende? Klar. Ich meine, wir haben hier nun im S&P 500 im doppelten Tempo zurückgeholt, was in vier Wochen zuvor flöten ging. Mit elf Prozent ist das die stärkste Rallye seit vier Jahren. Ergo: Das ist noch gar nichts. Weil, diese unvorstellbar guten Rahmenbedingungen rechtfertigen die stärkste Rallye aller Zeiten. Es sei denn …

… es sei denn, dass man vielleicht unpatriotische, nahezu verbrecherische Gedanken hegt, indem man diese Sprüche der Perma-Bullen, die allesamt den vorherigen Kursrutsch vorhergesehen hatten (es aber vergaßen, vorher zu erwähnen) hinterfragt. Vielleicht wird man mir dafür die Einreise in die USA verweigern. Aber im Moment mag ich da eh nicht hin. Aber mal kurz defätistisch in den Raum geworfen…  (Seite 2)



 

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