Mit dem heiligen Geist am Rande der Todeszone

9. Juli 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Am Rande der Eurozone beginnt der schöne Traum von der heilen Finanzwelt erste größere Risse zu zeigen. Die Aktien und Anleihen der Banco Espirito Santo sind erneut stark unter Druck geraten und das Rating der ES Financial Group fiel um 3 notches von B2 auf Caa2. Das Unternehmen nähert sich rasch der Todeszone…

In den Bergen beginnt diese Todeszone bei rund 7000 Metern. Von diesem Niveau sind die Aktien der portugiesischen Bank weiter entfernt denn je, die Risiken liegen eher in den finsteren Tiefen der Bilanz.

Auch der finanzielle Rollator der Notenbank hat außer einem kurzen Zeitgewinn offensichtlich wenig gebracht. Was dabei herauskommt, wenn man vor einem brennenden Haus steht und den Zeitgewinn nicht so richtig zu nutzten weiß, wissen nicht nur die Besitzer von BES Aktien seit geraumer Zeit.

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Außer einer ungesunden Portion Hoffnung oder Masochismus kommen einem ohnehin wie bei vielen anderen europäischen Banken keine Gründe in den Sinn, warum man deren Anteilsscheine halten sollte. Die Banco Espirito Santo macht nur das vor, was so manchem Institut noch bevorsteht.

Mit Nullzinspolitik und Beschwörungen von Bürokraten sind Kapitalprobleme nun einmal nicht zu beheben. Dies kann jeder daheim leicht ausprobieren, man benötigt dazu lediglich einen verdorbenen Fisch. Frieren Sie den Fisch für drei Jahre ein und holen ihn danach aus der Kühltruhe. Sie werden feststellen: An der grundsätzlichen Problematik hat sich nichts geändert.

Die Probleme der Bank strahlen unterdessen auch auf die portugiesische Telekom und die braslianische Oi aus, die noch in diesem Jahr eine Fusion abschließen wollen. Im Hause Oi gibt man sich überrascht. Man habe nicht gewusst, dass die Portugal Telecom (Portel) rund 900 Millionen US-Dollar in Kredite der Rioforte investiert hatte. Rioforte, ist eine Tochter der Banco Espirito Santo. Espirito Santo ist nebenbei der größte Anteilseigner von Portel.

Derzeit zweifelt mancher daran, ob Rioforte die am 15.7 und 19.7.2014 fälligen Zahlungen leisten kann.

Sollte dies nicht klappen, haben sowohl Espirito Santo als auch Portel und Oi ein Problem. Ob die gemeinsame Sorge die drei Firmen zusammenschweißt ist ungewiss, die derzeitigen Hinweise darauf, wer von Transaktionen alles nichts wusste erinnern eher an den im englischen mit den Worten „cover your ass“ bezeichneten Selbstschutz. Die ohnehin finanziell nicht zu den Stabilitätsweltmeistern zählenden Firmen hätten wohl schnell mit weiteren Herabstufungen und einer Verschlechterung der Finanzkennzahlen zu kämpfen.

Zusammen mit dem möglichen Reputationsschaden entstünde eine ungesunde Mischung bei der Bemühung um weiteres Eigen- und Fremdkapital. Immerhin kann man als Chef eines Telekomunternehmens vermutlich umsonst bei Mama anrufen und um Rat nachfragen…



Die Risikoprämien der Espirito Santo Bonds haben sich in der letzten Zeit fast verdoppelt. In der aktuellen Bewegung dürfte sich die Nachfrage nach neuen Emissionen des Instituts in engen Grenzen halten, so dass man mit weiteren Aufschlägen rechnen müsste, wenn man überhaupt Abnehmer findet.

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Vor gar nicht allzulanger Zeit wurden dem Unternehmen die neuen Bonds übrigens noch aus den Händen gerissen. So schnell ändern sich die Zeiten, auch wenn das am Finanzmarkt viele ebenso schnell vergessen.

Es wäre fahrlässig anzunehmen, bei der portugiesischen Bank handelte es sich um einen Einzelfall. Bemerkenswert an den Bewegungen der Aktien und Anleihen ist nicht einmal das Ausmaß der Bewegungen sondern vielmehr die Gleichmut, mit der derartige Ereignisse von vielen Markteilnehmern betrachtet werden.

Vergessen wird, wie jedes größere Problem mit kleinen Ausfransungen am Rande des Wahrnehmungsspektrums beginnt. Das war 2007 bis 2009 nicht anders. Während medial immer penetrant „die Lehmanpleite“ hochgehalten wird, ohne die natürlich alles in Butter gewesen wäre, lagen sowohl die Ursachen als auch die ersten Anzeichen der akuten Phase der Krise ganz woanders.

Die meisten so genannten Wirtschaftsredakteure haben entweder vergessen, welche Vehikel vor einigen Jahren als erstes alle Viere von sich gestreckt haben. Vielleicht wussten sie es auch nie, da die ständige Berichterstattung über jeden marginalen Dax-Hopser die ganze Schaffenskraft in Rauch auflöst.

Erinnert sei an den seinerzeit ebenfalls wenig beachten Kollaps von Dillon Read Capital Management. Nie gehört?

Dillon Read war 2005 eine Ausgründung der UBS, die sich in recht wirrer Auslegung der Bezeichnung als „a chance to be the number one alternative asset management company in the world“ betrachtete. Mit der Zielerreichung hat es dann nicht ganz geklappt, und so sah sich die UBS gezwungen, die Firma wieder heim in die Bank zu holen. Ob man gehofft hat, durch die Vermeidung möglicher Zwangsliquiditationen des Fonds die eigenen Portfolios nicht unter Druck zu bringen, ist nicht überliefert. Die massiven Kapitalerhöhungen der UBS in der Folgezeit legen aber nahe, dass es auch anderswo im Institut nicht völlig reibungslos ablief.

Wie sooft begann auch vor einigen Jahren vieles an den wenig beachteten Rändern. Derartige Zeichen sollte man ernst nehmen, wenn man es nicht darauf anlegt, sein Geld zu verbrennen. Kein QE der Welt wird daran etwas ändern. Und, nein, auch dieses Mal wird es nicht anders sein.

Besonders putzig wirkt im nachhinein ein Kommentar einer anderen Bank zum Thema Dillon Read:

(The Guardian) A Bear Stearns analyst (…) wrote: „The business has clearly been a major error of judgment.“

Ja, Von diesen Fehleinschätzungen gab es seinerzeit so viele wie heute. Ein Jahr später hat es dann Bear Stearns erwischt.



 

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2 Kommentare auf "Mit dem heiligen Geist am Rande der Todeszone"

  1. Michael sagt:

    Die Korrektur erinnert an die Abstürze in 2008 inbesondere in den Finanzwerten, allein dass der Niedergang sehr konstant und zielgerichtet von statten geht.

    Danke. Interessant.

    Waren nicht Immobilienblasen in Spanien und Portugal seit 2004 /05ein Thema, das versucht wurde auszusitzen?

    Der Eulenthaler und seine Kinder. Quietschfidel wie der Fidel.
    https://www.youtube.com/watch?v=LZCKHjcLjCk

    Der gesammelte europäische Wirtschaftsraum erinnert so an den Versuch der (Ost)deutschen Zuckerrüben oder Zuckerrohr einzusammeln in Kuba. Da wurde auch zugesagt und Verträge abgeschlossen, die Schiffe kamen aber zum Ernten hatte noch keiner so wirklich begonnen und von liefern wollte auch keiner irgendetwas wissen… Die Deutschen sind von Hafen zu Hafen gefahren und haben ein wenig etwas bekommen. Heute fährt man sucht man einen Banker von Häfen zu Häfen. Auf höherem Niveau in luftiger Höhe am Drahsteil über den Styx, zwei Eulenthaler auf die Augen und dem Charon sagen, ‚Geh sei so lieb‘ …

    Ob sich da noch viel erfängt? Ich habe so meine Zweifel.

  2. MFK sagt:

    Ich bin gespannt, ob jetzt der Bail-In zum tragen kommt. So ein PoS wie die BES müsse man aber eigentlich in die Insolvenz gehen lassen. Das hat aber selbst bei der Hypo Alpe Adria nicht gemacht.

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