Mir doch egal!

15. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Wenn man sich wirklich auf eines verlassen kann, dann taucht dieser Begriff „Jahresendrally“ mit den ersten Lebkuchen spätestens Ende August auf. Alle Jahre wieder. Diese „Jahresendrally“ überholt sich diesmal sogar selbst. Nur mit einem Minuszeichen…

Was für ruppige Börsenwochen! Zeit für leise Gebete. Wie ginge das nochmal? Der Herr hat`s gegeben… Der Herr hat`s genommen. Der Name des Herrn sei…. Draghi. Das war längst nicht alles… Doch eigentlich ist das alles egal….

Seit Ende November hat der DAX immerhin 1.250 Punkte verloren. Mancher glaubt, die Welt geht unter, denn die Monate November und Dezember gehören doch zu den stärksten Börsenmonaten des Jahres. Das sagt die Statistik und blickt damit auf die Vergangenheit. Heute sieht das etwas anders aus, hat aber einen guten Grund…

Im Gegensatz zu früher bilden die „Märkte“ weniger die Ökonomie und deren Aussichten ab, sondern werden vielmehr und viel öfters von Interventionen heimgesucht. Man kann nie wissen, welcher „Entscheider“ welchen glühenden Schürhaken gerade in irgendeine Kiste mit Feuerwerk oder Handgranaten steckt. Das erklärt auch die permanente Überraschtheit der Experten. Sie werden dafür ja bezahlt, überrascht zu sein.

Übrigens, wenn der DAX ein Prozent steigt oder fällt, macht das einen Börsenwert von rund zehn Milliarden Euro aus. Sie kommen aus dem Nichts und sie gehen wieder dorthin. Ein paar falsch verstandene Worte eines Superstars an der Geldorgel, schon plustert sich der DAX um 100 Milliarden Euro auf. Dann liefert die EZB nicht – und diese 100 virtuellen Milliarden Euro sind wieder verdampft. Das hat doch nichts mit Ökonomie zu tun.

Man kann dieses Spiel mitspielen. Oder man kann es auch lassen. „Wort-Glauberei“ als geldpolitische Allzweckwaffe gehört inzwischen zum weltweiten, aber noch nicht geächteten Kriegsgerät.

Haben Sie am Mittwoch schon etwas vor? Dann soll es in den USA zur Zinswende kommen. Es gibt neue Statistiken: So liegt die mittlere Prognose von 17 Fed-Vertretern bei einem Leitzins im Dezember nächsten Jahres bei 1,375 Prozent. Für Ende 2017 rechnen sie mit einem Zins von 2,625 Prozent. Das hieße, im kommenden Jahr würde es zu vier Zinserhöhungen kommen und 2017 zu fünf solcher Ereignisse. Außer es kommt etwas dazwischen. Und das wird es. Pardon, ich schreibe diese Zeilen unter größter Aufbietung meiner Kräfte, denn mein Zwerchfell spielt gerade nicht so richtig mit.

Wenn Notenbanken einen Plan haben, dann habe die Götter viel zu lachen. Sollten sie wirklich einen Plan haben, dann haben wir alle nicht viel zu lachen…

Am Wochenende beleuchtete die „Welt“ die Vergangenheit des Herrn Draghi. Vor allem die französische und italienische Zentralbank haben zwischen 2006 und 2011 heimlich Staatsanleihen aufgekauft – gegen frisches Geld?

Moment… Wer war zwischen 2006 und 2011 Chef der italienischen Notenbank? Nein, nicht doch!

Am Ende von Draghis Amtszeit hatte die italienische Notenbank ihre Anleihebestände mit 111 Milliarden Euro fast verdoppelt. In wenigen Jahren erscheint als eine Kleinigkeit. Unterdessen unterstreicht Draghi die „Handlungsbereitschaft“ der EZB. Das scheint dem DAX aber derzeit nicht mehr zu reichen. An den Börsen wird Handeln erwartet.

Apropos Handlungsbereitschaft… Den meisten Leuten ist es ohnehin egal, was dieser Herr und seine Kollegen machen. Wahrscheinlich ist dieses „mir doch egal!“ Zeitgeist geworden. Daran muss ich mich noch gewöhnen. Vielleicht hat jemand eine Idee, wie ich das schaffen kann.

So schaute ich am Montagvormittag verdutzt und auch erstaunt, vielmehr aber erschrocken auf das, was im kleinen (rauchfreien) Bahnhof in Gernsheim vor sich ging. Auf dem Weg zur Bahn laufe ich immer die gleiche Straße entlang. Links der Bahngleise blinken derzeit Weihnachtsbäume. Die roten Kugeln kündigen von der anstehenden Heiligen Nacht. Rechts der Straße wartete ein langer Güterzug, vollgeladen mit Panzern. Ich denke: „Ach Du heiliger Strohsack!“

Wohin sind diese Friedensstifter gerade unterwegs? In die Ukraine? An die europäischen Grenzen? In den Nahen Osten? Fährt dorthin überhaupt die Deutsche Bahn? Bei dem Sand? Oder werden die Panzer nur spazieren gefahren? Etwas frische Luft zum Fest…?

Bereiten Ihnen die Bilder auch Sorgen? Ich glaube nicht, dass sich jemand große Sorgen macht, außer vielleicht der Autor dieser Zeilen. Ob man Panzer durch die Gegend fährt, Notenbanken heimlich Geld drucken, Gesetze ausgehöhlt, Abmachungen ignoriert, Versprechen bricht oder Freiheit beschneidet – wen stört das schon. Die Mehrheit zumindest nicht. Vielleicht ahnt diese ja, dass es zwei verschiedene Welten gibt: Die eine aus den Medien und die andere vor der Tür. Und dass ein beharrlich steigender Prozentsatz an Betrug und Dummheit später immer zu einem „mir doch egal!“ geführt haben. Zumindest aber zu der Überzeugung, ohnehin nichts tun zu können. Hauptsache, es passiert ganz weit weg und nicht direkt vor unserer Haustür. Willkommen im geistigen Biedermeier 2.0. Dieser Boom ist wirklich echt!

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