Milz & Co: verkannte Organ-„Nichtsnutze“

10. September 2011 | Kategorie: Aufgelesen, Zeitlos

von Hans-Jörg Müllenmeister

Einige Körperteile hat die Medizingeschichte im Laufe der Zeit als nutzlos degradiert, nur weil sie ihre Funktion schlichtweg nicht ganz verstand. Organ-Nichtsnutze wie Wurmfortsatz, Gaumenmandeln, Gallenblase und Milz – ja selbst redundante Blutgefäße in Ellbogen, Knien und Schultern sind indes keineswegs alles unnötige Organe. Und doch leisten diese unbeachteten Organe in unserem Körper einiges, denn sie sind Bakterienreservoir, Serumspeicher und wichtige Zentren der Immunabwehr.

Appendix: Herberge der nützlichen Darmflora

Beäugen wir zunächst das bekannteste „Wegwerf“-Organ: nicht den, sondern die Appendix, wie man den Wurmfortsatz nennt. Tatsächlich ist das Organ ein Vorratsspeicher für nützliche Bakterien; sie helfen bei der Verdauung. Das etwa zehn Zentimeter lange Rudiment, also ein Überbleibsel der Evolution, ist keine nutzlose „Knalltüte“, denn die Appendix ist das Rückzugsbecken für Bakterien der Darmflora. Nebenbei: die Darmflora enthält keine Pflanzen (flora), sondern Mikroorganismen. Richtiger wäre es, von der Gemeinschaft der Darmmikroorganismen zu sprechen.

Bei einer Diarrhö, schlicht bei einem Durchfall, können auch Bakterien-Nützlinge der Darmflora das Tageslicht unerlaubt hinterrücks erblicken. Gibt es aber noch die Appendix, dann verpuffen die Nützlinge nicht, vielmehr verschanzen sie sich in den Nischen der Appendix – gemeinsam eingebettet in einer Schleimschicht mit den Molekülen des Immunsystems. Die Zellen des umgebenden lymphatischen Gewebes versorgen diese in ihre Trutzburg zurück gezogenen „Krieger“ solange mit Nährstoffen. Der Trick: nach überstandener Durchfallerkrankung, besiedeln die überlebenden Mikroben erneut rasch den Dickdarm und verdrängen schädliche Keime.

Noch etwas, was nicht jeder zum Thema „Appendix“ weiß: bei guten Anatomiekenntnissen gibt es kein Problem, wenn aber Männer ein warzenförmiges ungestieltes Anhängsel am Hodenanhang ertasten, erschrecken sie. Entwarnung, es ist kein Krebsknoten – es ist die sogenannte Appendix testis am Nebenhoden: ein funktionsloses Relikt, eine embryonale Genitalanlage; die Anatomen nennen das Gebilde „Müller-Gang“. Behalten Sie diese „Erinnerung“ an die Embryonalzeit weiterhin gut eingesackelt.

Na ja, ohne Gallenblase geht’s auch

Die Skalpell-bewährten Elitegrünen unter den Weißkitteln erinnern farblich nicht nur ans „ins Gras beißen“; die „Abdomenschnipsler“ präsentieren gern als OP-Trophäe die komplette Gallenblase. In der Tat ist sie kein lebenswichtiges Organ, doch sie übernimmt als Reservoir eine durchaus wichtige Rolle bei der Fettverdauung. Das birnenförmige Hohlorgan sammelt und konzentriert den aus der Leber stammenden Gallensaft. Diesen gibt sie nach den Mahlzeiten an den Dünndarm ab, damit das Nahrungsfett gut verdaut werden kann. Nach dem Entfernen des Speicherorgans können wir gut weiter leben, wenn wir uns entsprechend fettarm und schonend ernähren. Ohne Gallenblase gibt die Leber eben kontinuierlich Gallensaft an den Dünndarm ab.

Gaumenmandeln adé

In früheren Zeiten war es Usus, bereits Kleinkindern die Gaumenmandeln zu entfernen, noch bevor sich ihr Immunsystem überhaupt entwickeln konnte. Bis zu diesem Zeitpunkt entlasten die Gaumenmandeln aber das Immunsystem; sie wirken wie unerbittliche Bakterienwächter. Schließlich ist die Mundhöhle die Eingangspforte für viele ungebetene Gäste aus dem Reich der Mikroben und Viren. In späteren Lebensjahren, nachdem das Immunsystem ausgebildet ist, kann man auf die Gaumenmandeln durchaus verzichten… (Seite 2)

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