Milliarden auf der Wanderschaft

23. August 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Ich frage mich, was peinlicher ist: Versehentlich in Hausschuhen vor dem Traualtar aufzutauchen oder ein Protokoll auf den Tisch zu legen, wie es die US-Notenbank hinsichtlich ihrer letzten regulären Sitzung vor drei Wochen am Mittwochabend tat. Ich glaube, Letzteres gewinnt um Längen…

Denn in der Tat wurde aus dem Protokoll ersichtlich, warum man in der Presseerklärung unmittelbar nach dieser letzten Notenbanksitzung nichts zu den drängenden Fragen nach dem „wann“, „wie“ und „wie viel“ der vieldiskutierten Reduzierung der Anleihekäufe durch die US-Notenbank lesen konnte. Aber der Grund war einfach nur lachhaft.

Zuvor gab es eine monatelange Uneinigkeit zu diesem Thema. Dann jedoch tat man so, als würde man wissen, was man tut, indem man im Juni einen Plan bekannt gab, nachdem man die Reduzierung beziehungsweise Beendigung dieser Stützungsmaßnahmen von der Entwicklung der US-Konjunktur abhängig macht. Mit dieser geistigen Meisterleistung schrammt man wohl nur hauchdünn am Wirtschafts-Nobelpreis vorbei. Der Witz ist: Davon mal abgesehen, dass keine absoluten Werte in bestimmten Bereichen vorgegeben wurden, deren Erreichen eine Reduzierung um X Prozent nach sich ziehen würde, ist man sich jetzt zwar darüber einig, dass dieser Plan ein guter Plan ist. Aber man ist sich uneinig, wie man die aktuelle Situation ebenso wie die unmittelbaren Perspektiven der US-Konjunktur einschätzen soll. Die Erkenntnis, dass man ausgerechnet dort, wo für die gesamte Weltwirtschaft relevante Entscheidungen getroffen werden, offenbar keinen Plan hat, wie es weitergehen soll, führte dazu, dass die US-Börsen nach Veröffentlichung dieses Pamphlets am Mittwochabend erneut unter Druck gerieten.

Dabei kann man eigentlich, wenn man kein Notenbanker ist, in etwa vermuten, wie es weitergeht. Das verdächtige anziehen der US-Konjunktur ohne wirklich greifbare Gründe, das zeitgleich mit den wieder steigenden Zinsen am Kapitalmarkt abläuft, ist doch ein recht klarer Hinweis, was momentan vorgeht. Gerade die steigenden Preise am Immobilienmarkt deuten an, dass Unternehmen ebenso wie Privathaushalte offenbar angesichts der in den USA ja bereits jetzt durchaus deutlich anziehenden Zinsen am Kapitalmarkt versuchen, sich noch rechtzeitig ein einigermaßen niedriges Zinsniveau zu sichern, indem sie geplante Investitionen so weit wie möglich vorziehen. Dass kreiert einen kurzfristigen Wachstumsschub, der die US-Notenbank dann förmlich zwingen würde, ihre geplanten Maßnahmen auch in die Tat umzusetzen. Nur: Noch höhere Zinsen als Folge – neben dem ganzen Rattenschwanz an negativen Konsequenzen, den ich in den vergangenen Wochen schon mehrfach an dieser Stelle aufgelistet hatte – und das „Loch“, das entstehen wird, weil so viele Anschaffungen und Investitionen jetzt vorgezogen werden, dürften dafür sorgen, dass die US-Wirtschaft und in deren Schlepptau auch Europa relativ bald über die konjunkturelle Klippe fallen.

Ich bezweifle angesichts der Erfahrungen der letzten Jahre, dass man sich dessen bei der US-Notenbank allgemein bewusst ist. Aber diejenigen Mitglieder im Offenmarktausschuss, die wachen Geistes sind, dürften sich in dieser Hinsicht darüber im klaren sein, dass man sich das „Tapering“ zwar eigentlich gar nicht leisten kann, andererseits aber vor allem aus Gründen der Glaubwürdigkeit nicht mehr um diesen Schierlingsbecher herum kommt. Denn die einzige Ausrede in Form eines doch auf einmal zu geringen Wachstums ist durch diesen durch die Angst vor steigenden Zinsen ausgelösten Wachstumsimpuls nicht mehr zu halten.

Das bemerkenswerte ist, dass man seitens der großen Adressen offensichtlich sehr wohl imstande ist, weiter nach vorne zu blicken und diese fatale Perspektive erkennt. Und so ist in den letzten Monaten eine immer größere Ausmaße annehmende Kapitalflucht ausländischer Investoren aus den US-Märkten zu beobachten. Nach mehreren Monaten, in denen netto Kapital in einer Größenordnung von knapp 30 Milliarden Dollar monatlich abgezogen wurde, waren es für den Juni (aktuellere Daten liegen noch nicht vor) sagenhafte 67 Milliarden.

Wo das Geld aktuell hinfließt, ist relativ leicht erkennbar, wenn man sich, wie nachfolgend abgebildet, mal den Kursverlauf des Dow Jones, des DAX und des Euro Stoxx 50 ansieht…

vergl-gehrt

 

Hier sind Unsummen in Bewegung geraten – und dieser Prozess könnte noch weiter gehen. Das Geld fließt aus den amerikanischen Anleihen, deren Zinsen deutlich schneller steigen als die in Europa, ebenso ab wie aus den Aktienmärkten.

Momentan profitieren unübersehbar die europäischen Börsen. Denn eine solche markante Schere, die sich nun auch nach dem Absolvieren des Verfalltermins an den Terminbörsen im August weiter öffnet und damit klarmacht, dass es sich bei diesem Auseinanderlaufen der Indizes nicht oder nur teilweise um Operationen der Terminbörsen-Akteure handelte, entsteht nicht alle Tage. Zumal…

Das Wachstum in den USA ist ja, wenn man den offiziellen Daten Glauben schenken will, aktuell stärker als in Europa. Aber dieser Exodus der Milliarden schaut voraus.

Bei den großen Adressen ahnt man die Konsequenzen der aktuellen Entwicklung für die US-Wirtschaft und zieht mit Europa den Einäugigen unter den Blinden vor. Die unaufhörlichen Beweise dafür, dass die US-Notenbank in ihrer Uneinigkeit und wirren Vorgehensweise imstande ist, massives Unheil in der US-Wirtschaft anzurichten, machen eine solche Flucht auch nachvollziehbar. Und damit ließe sich auch erklären, warum die Aktienmärkte in den USA nach einer Trading-Rallye im Anschluss an eine zunächst negative Reaktion auf dieses Protokoll am Mittwochabend erneut massiv nach unten drehten, die europäischen Börsen jedoch unmittelbar am darauf folgenden Morgen plötzlich markant zulegten.

Denn die Argumentation, dass positiv ausgefallene Einkaufsmanagerindizes Basis dieses Kursanstiegs in Europa gewesen seien, ist natürlich Unfug. Denn die ersten positiven Ergebnisse tauchten in Form des deutschen Einkaufsmanagerindex um 9:30 Uhr, danach in Form des Index für die Eurozone insgesamt um 10:00 Uhr auf. Doch bereits um 9:38 Uhr war das für die nächsten Stunden geltende Tageshoch erreicht – und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der deutschen Daten um 9:30 Uhr waren über 80 % der Rallye bereits absolviert.

Nein, einleuchtend wäre: Große Adressen erkannten ihre Chance, an den US-Börsen in diese kurze Trading-Rallye hinein zu noch guten Kursen auszusteigen, taten dies und investierten dadurch frei gewordenes Kapital sofort in Europa.

Die Frage ist: Muss man da mithalten? Sollte man für Europa Long und für die USA Short gehen und damit eine Strategie fahren, die normalerweise völlig absurd wirkt?

Diese Frage lässt sich alleine deswegen nicht beantworten, weil niemand absehen kann, wie lange sich dieser Prozess noch fortsetzt. Wer wollte abschätzen, ob große Adressen noch Unmengen an Kapital verschieben wollen oder mit dieser Kapitalwanderung bereits kurz vor dem Abschluss stehen?

Niemand kann zudem absehen, ob nicht die großen Spieler an den Terminbörsen auf diesen Zug aufspringen und durch entsprechende konträre Positionen eine Ausweitung dieser Schere noch beschleunigen, wie man beispielsweise vor Jahren stur Long in Rohöl und Short in Erdgas ging. Es kann tatsächlich in den kommenden Wochen und Monaten mit diesem seltsamen Prozess weitergehen, auch, wenn dadurch grundsätzlich eine entsprechend der auch in Europa alles andere als positiven Perspektiven viel zu hohe Bewertung europäischer Aktien entstünde. Aber es muss nicht. Ich meine:

Am vernünftigsten wäre es momentan, sich dieser Entwicklung zumindest kurzfristig nicht entgegenzustellen, indem man auf ein blitzschnelles Schließen dieser Schere setzt und Long in den USA und Short in Europa geht. Das wäre eine verwegene und nicht besonders Erfolg versprechende Vorgehensweise.

Am sinnvollsten wäre es meines Erachtens, letzten Endes den Hintergedanken, der diesen ungewöhnlichen Bewegungen zugrunde liegt, immer im Hinterkopf zu behalten, sich ansonsten aber stur an den Charts zu orientieren. Dementsprechend wäre man z.B. im Euro Stoxx 50 Long, beim DAX innerhalb seiner (bislang noch nicht nach oben verlassenen) Seitwärtsspanne neutral und an den US-Börsen Short. Und dies in Kombination mit vernünftigen Stoppkursen enthebt einen der Notwendigkeit, in einer solchen ziemlich „schrägen“ Phase zum Wahrsager werden zu müssen!

Herzliche Grüße
Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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Ein Kommentar auf "Milliarden auf der Wanderschaft"

  1. wolfswurt sagt:

    Das der DAX oder die deutsche Wirtschaft so attraktiv erscheint, könnte an dem vom Handelsblatt am 10.1.2013 verkündeten deutschen perpedum Mobile liegen.

    Steht doch da zu lesen: „Dennoch ist Deutschland damit eines der wenigen Industrieländer, denen es offenbar gelingt, Wachstum und Stromverbrauch zu entkoppeln. Auch 2011 ging die Stromnutzung bereits trotz einer kräftigen Steigerung des Bruttoinlandsprodukts zurück.“

    Quelle: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/energiemarkt-deutscher-stromverbrauch-sinkt-erneut/7612940.html

    Frei nach dem Text der Doofen: „Jesus war ein guter Mann, hatte einen Umhang an…machte gar aus Wasser Wein, wer wollt da nicht sein Kumpel sein.

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