Milde Rezession? Unsinn!

9. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Allen offen sichtbaren Verwerfungen zum Trotz mussten sich die Menschen in Europa noch vor einem Jahr anhören, eine Rezession in der Eurozone sei unwahrscheinlich. Vor einem Vierteljahr ändertet die Großauguren dann ihre Prognosen. Man sprach fortan von einer „milden Rezession“. Auch das ist Unfug, die wirtschaftlichen Zeichen in der Eurozone deuten auf Sturm…

Nicht nur in der Eurozone schwächelt die Wirtschaft. Nun hat es auch die Briten erwischt. Seit ein paar Tagen befindet sich das Land offiziell wieder in einer Rezession. Für die meisten Briten war das Land in den letzten Jahren ohnehin in einem Dauerabschwung, was sicherlich keine Fehlinterpretation ist. Neben den Inselbewohnern liefern auch viele Länder vom Festland rote Zahlen. Nicht nur die seit Jahren desolate Lage Spaniens verschlechtert sich weiter. Gejammer über Herabstufungen der Kreditwürdigkeit sind lächerlich und zielen meist nicht auf die Basis der Einstufung sondern auf die zu positiven Ratings anderer Nationen. Nun sind andere Länder offensichtlich zu hoch eingestuft, deshalb allein geht es einem selbst ökonomisch aber nicht besser.

Die wirtschaftliche Entwicklung ist wenig überraschend. Um nicht den Eindruck zu erwecken, nur in Spanien gäbe es Elendsnachrichten, betrachten wir heute einen bunten Strauß an Daten aus der Eurozone. Besonders übel hat neben Spanien und Frankreich auch das Italien unter Monti erwischt. Die Daten deuten auf einen kommenden Absturz der italienischen Wirtschaft hin, der es bei anhaltender Fallgeschwindigkeit mit der Situation der Jahre 2008 und 2009 aufnehmen könnte. Die folgende Grafik zeigt den bisherigen Verlauf des Einkaufsmanagerindex im italienischen Einzelhandel und der Konsumausgaben.

Der Index zum Einzelhandel schrumpft seit 14 Monaten. Aktuell zeigt sich die zweitstärkste Kontraktion dieses Sektors seit Beginn der Datenerhebung. Nur im katastrophalen Dezember 2008 war die Tendenz noch schwächer. Willkommen in der Realität…

Nicht nur auf der Apenninenhalbinsel fällt das Barometer, die gesamte europäische Einheitswährungszone ist in eine überaus bemerkenswerte Talfahrt eingetreten. Besonders unangenehm – wenn auch nicht überraschend – ist der Einbruch der Industrieaufträge. Das europäische Amt für Statistik hat auch sogleich beschlossen, diese Datenreihe nicht mehr fortzusetzen. Interessant ist die Begründung seitens Eurostat:

 (Eurostat) Die Pressemitteilung, die das Referenzjahr 2011 abschloss, war die letzte Pressemitteilung zu den Auftragseingängen in der Industrie. Unter Berücksichtigung der methodischen Schwierigkeiten bei der Verbesserung der Datenqualität der Auftragseingänge der Industrie, wurde die Produktion dieses Indikators auf EU Ebene beendet.

Die methodischen Schwierigkeiten bei der Verbesserung der Datenqualität sind also schuld am Ende dieses sehr interessanten Indikators. Interessant, aber so muss man das Elend nicht mehr sehen.

Bei Markit wird man nicht von derlei Hindernissen geplagt, so dass zumindest von dieser Seite weiterhin mit den entsprechenden Daten zu rechnen ist. Schöner werden die Datenreihen leider auch bei diesem Anbieter nicht.

Viele schieben diese Entwicklung auf „Sparmaßnahmen“ ohne darauf zu achten, dass es sich abseits von Griechenland bis dato eher um drastische Ankündigungen denn um bereits umgesetzte Maßnahmen handelt. Die direkten Auswirkungen auch kleinerer Einschnitte zeigen aber (a) wie dünn der finanzielle Puffer bei vielen Menschen ist, (b) wie schwierig es werden wird, wenn die wirklichen Einschnitte kommen und (c) wie angeschlagen die Realwirtschaft im System „Europa im Währungskorsett“ bereits jetzt ist.

Jetzt den Rückwärtsgang einzulegen, um mit dubiosen und zutiefst undemokratischen Vehikeln die bestehende Fehlkonstruktion beizubehalten, führt lediglich zu einer Verschiebung der Probleme – wenn es überhaupt hilft. Die Eurozone durch noch mehr Transferleistungen zu mehr Wachstum zu bringen, ist ein überaus seltsamer Gedanke. Genau das hat man doch bereits von Anfang an versucht. Vor dem Ergebnis stehen wir gerade. Das Ganze soll jetzt also in doppeltem Ausmaß wiederholt werden und dann funktionieren? Was für ein Irrsinn.

Ein paar ergänzende Kernaussagen zu den oben grafisch abgebildeten Datenreihen. Alle Aussagen beziehen sich auf die aggregierten Daten der Eurozone:

  • Produktion: Siebter Wachstumsrückgang innerhalb der letzten acht Monate
  • Servicesektor: Stärkste Geschäftseinbußen seit fünf Monaten
  • Industrie: Stärkster Produktionsrückgang seit November 2011
  • Auftragseingang: 9. Auftragsminus in Folge so hoch wie zuletzt im Oktober
  • Servicesektor: 8. Auftragsverluste in Folge
  • Industrie: 11. Auftragsminus in Folge fällt höher aus als im März
  • Auftragsbestand: 10. Rückgang in Folge
  • Servicesektor: 10. Rückgang hintereinander
  • Industrie: 11. Rückgang in Folge
  • Beschäftigung: 4. Jobabbau in Folge fällt so stark aus wie zuletzt im Februar 2010
  • Servicesektor: Stärkster Jobabbau seit Februar 2010
  • Industrie: Fünfter Rückgang innerhalb der letzten sechs Monate

Diese Liste lässt sich fortsetzen. Die Arbeitslosigkeit der Eurozone markierte jüngst ein neues Rekordhoch. Der Bankensektor in Europa ist drastisch unterkapitalisiert, da hilft auch kein LTRO-Liquiditätszauber. Der Finanzsektor ist in Relation zur Bevölkerung und zur Wirtschaftsleistung vollkommen überdimensioniert. Dazu gesellt sich eine teils groteske Verschuldungsrate der privaten Haushalte sowie der bekannte Überhang an Immobilien. Die Schuldenproblematik ist übrigens nicht auf die so genannte Peripherie beschränkt, auch in Holland fault so einiges vor sich hin. Wer sich einmal die Situation der privaten Konsumenten in den Niederlanden und das Finanzierungs- und Steuermodell für Hauskäufe anschaut, sieht den Begriff „Kerneuropa“ mit anderen Augen…

Über die mittlerweile beinahe zwanghafte Kategorisierung Peripherie = schlecht, Kern = gut kann man nur noch schmunzeln, scheint sie doch der Vorstellung zu entspringen, selber schon irgendwie davon zu kommen. Auch die Tatsache, warum ausgerechnet Frankreich mit seinen maroden Banken, seinen teils desolaten Industrieunternehmen (z.B. die Autobauer) und einer ungesunden Konsumentenverschuldung weiterhin in vielen Medien munter als Stabilisator der Eurozone eingestuft wird, ist eines der großen Rätsel der letzten Jahre.

Wie nicht anders zu erwarten bekommt auch die deutsche Industrie mit dem üblichen Zeitverzug ihr Fett weg. Gerade dieser zeitliche Versatz führt alle Jahre wieder zur Wiedergeburt der Abkoppelungstheorie. Leider kann sich eine Exportwirtschaft naturgemäß nicht von einer Rezession in Ländern abkoppeln, die gut 50% der aggregierten Nachfrage repräsentieren.

Sehr schwach ist folgerichtig auch der Auftragseingang der deutschen Industrieunternehmen. Der aktuell seit neun Monaten anhaltende Rückgang der Exportbestellungen in Deutschland ist übrigens der längste des laufenden Jahrzehntes.

In der Pressemitteilung von Markit heißt es dazu:

(Markit, April 2012) Beim Auftragseingang schlug wieder ein erheblich höheres Minus als im Januar und Februar zu Buche. Am schlechtesten schnitt in dieser Kategorie der Investitionsgüterbereich ab, der die Ausgabenzurückhaltung der Kunden am deutlichsten zu spüren bekam. Lediglich die Automobilhersteller trotzten dem Trend rückläufiger Nachfrage, so die aktuelle Umfrage.

Die Branchenakteure mussten im März zum neunten Mal hintereinander Verluste bei den Exportbestellungen hinnehmen, wobei der Rückgang noch stärker ausfiel als im Februar. Verantwortlich hierfür war laut Umfrageteilnehmern der abgeschwächte Welthandel. Detailergebnissen der aktuellen Umfrage zufolge wurde die anziehende Nachfrage nach Industrieerzeugnissen ‚Made in Germany’ aus den USA von nachlassenden Bestellungen aus China und der Eurozone überkompensiert.

Die vor einigen Tagen innerhalb von gerade einmal 24 Stunden vollzogene Umkehr der europäischen Parteien, jetzt doch nicht zu sparen, sondern „einen Pakt für Wachstum“ zu schließen, wird kein Problem lösen. Aber es ist immer wieder unterhaltsam zu beobachten, wie offensichtlich koordiniert die Vertreter aller Parteien zu solchen Anlässen mit staatstragenden Gesichtern aus ihren Höhlen krabbeln. Sicher kann man über die Sinnhaftigkeit und Ausgestaltung so manches Sparpaketes diskutieren, aber man darf die ökonomischen Realitäten nicht ausblenden. Die Krise der Eurozone ist eben nicht einem „exogenen Schock“ – der Standardausrede der neoklassischen Ökonomie – zu verdanken. Sie liegt in der Natur der Sache einer vorangegangenen absurden Kreditausweitung.

Der Kontinent befindet sich bekanntlich nicht im finanziellen Schlamassel, weil er so wettbewerbsfähig und investitionsfreundlich ist. Man sollte sich daher von vielen Vertretern der Finanzwelt nicht irritieren lassen, wenn diese im Chor für ein munteres Drucken plädieren. Dieses Drucken hielte den Sektor schlichtweg in der jetzigen aufgeblähten Form über Wasser. Kämen die Kreditausfälle und würden Banken zum Beispiel über einen groß angelegten debt-equity Swap rekapitalisiert, so stünden viele dieser Branchelobbyisten ohne Hosen da. Zahlreiche gemachte Versprechen – von der sicheren Lebensversicherung bis zu den Fondsparplänen und Pensionszusagen von Unternehmen – würden als das entlarvt, was sie sind und immer sein werden: Risikobehaftete Anlagen. Da sich mit diesem Unsinn jedoch prächtig verdienen lässt, plädiert man gerne für ein „weiter so“ und verkauft dies als einen Prozess „im Sinne der ganz normalen Bürger“. Dummerweise kommt dieser ganz normale Bürger so oder so für die Kosten auf. Ein Staat verteilt bekanntlich nur um.

Die immer zerfahrener wirkende Diskussion innerhalb der Eurozone wird sich in den kommenden Jahren verschärfen. Für ein besonders erfreuliches Investitionsklima werden die ungelösten Probleme und die nicht vorhandene Bereitschaft zum strukturellen Wandel nicht sorgen. Die Mittel werden angesichts derartiger Unsicherheiten auch per Saldo aus der Eurozone abfließen, ganz egal wie tief man das Zinsniveau auch drücken mag. Auch eine Finanzierung zu null Prozent macht ein Verlustgeschäft nicht attraktiv. Garniert mit der Gefahr von Enteignung – direkt oder über neue Steuerkreationen – ist dies für Investitionen ein überaus schlechtes Klima.

Warum überhaupt noch jemand mehr Geld als unbedingt nötig innerhalb der Eurozone belassen sollte, wird zunehmend rätselhaft. Auch die neuesten Maßnahmen in Griechenland sind feinstes Marketing für eine Beschleunigung der Kapitalflucht aus der Eurozone.

(Ekathimerini.com) The Greek government is to begin seizing money from the bank accounts of suspected tax evaders, Finance Minister Filippos Sachinidis told Skai TV on Thursday.

Sachinidis said that the relevant authorities have been instructed to seize the amount that account holders are suspected of owing to the state. The minister said that this would happen before suspected tax evaders go on trial.

Was vor wenigen Jahren noch von vielen als Paranoia eingestuft wurde, ist heute Realität. Aber wie heißt es so schön: Nur weil jemand paranoid ist, heißt das nicht, dass niemand hinter ihm her ist.

Guten Abend, Europa.
© Bankhaus Rott


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