Mensch, was war das wieder spannend heute!

10. Oktober 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wahlen gewinnt der, der ein Viertel seiner Parlamentssitze verliert. Aktien steigen immer, unabhängig von den Gewinnen und unterkapitalisierte Banken brauchen keine Kapitalerhöhung. Alles Blödsinn? Willkommen am Finanzmarkt!

An die zunehmend an das Endstadium der DDR erinnernden Aussagen selbsternannter Wahlsieger haben die Menschen sich gewöhnt. Man nimmt sie nicht ernst und wählt entweder gar nicht mehr oder etwas anderes. Am Finanzmarkt schenkt man manch wirrer Hoffnungen weiterhin Glauben.

Kaum rutschte die Aktie der Deutschen Bank unter die Marke von 10 Euro, da waren sie wieder da, die guten alten Probleme, die es vorher nicht mehr gab. Plötzlich und wie immer völlig unerwartet las man vom bisschen Eigenkapital, von außerbilanziellen Positionen, von ein paar tausend Rechtsstreitigkeiten und vielleicht auch mal wieder von der Suche nach einem Geschäftsmodell. Das war bekanntlich am Vormittag desselben Tages, an dessen Nachmittag diese Probleme dann alle doch keine Rolle mehr spielten, weil aus gewohntermaßen anonymen „Kreisen“, die „mit einer Sache vertraut sind“, es aber „bevorzugen, nicht genannt zu werden“ angeblich zu hören war, die Strafforderung des US-Justizministeriums werde auf dem Weg zur Strafe sicherlich noch 10 Milliarden Dollar schrumpfen. Sicher.

Nun, zehn Milliarden sind schon ein Wort, angesichts der vorhandenen Rückstellungen sollten auch naive Anleger nicht gleich in Dividendeneuphorie verfallen. Die bösen anderen Probleme ungeachtet dessen schnell wieder in der Schublade verschwunden. Die Aktie war fortan (freilich nach dem Anstieg) ein „Kauf“ und die Sorgen „übertrieben“. Nun gibt es möglicherweise auch Kreise, die mit der Sache ebenfalls vertraut sind, die denken, dass alles noch viel schlimmer ist und die Forderung des DoJ aus den Staaten noch lange nicht das Ende der Fahnenstange ist. Aber diese Kreise sind bitte nicht ernstzunehmen und ohnehin unseriös, weil sie es bevorzugen, anonym zu bleiben. Es ist wie mit den fiesen Leerverkäufern. Aktien zu verkaufen, die man nicht hat und dafür Geld zu erhalten und die Aktien später zurückzukaufen ist nicht gut. Aktien mit Geld zu kaufen, dass man nicht hat, die Aktien später wieder zu verkaufen und das Geld zurückzuzahlen ist gut. Alles ganz einfach.

Sei es wie es ist. Es bleibt bemerkenswert, wie man aus einem nicht eintretenden Verlust von 10 Milliarden, für den man keine Rückstellungen gebildet hatte, eine Gesundung herausliest. Sie haben vorher ein Bein, verlieren kein zweites und haben daher gefühlt wieder zwei Beine. Das ist die Anatomie einer Bank im Jahr des Herrn 2016 und ist im Grunde gar nicht einmal soweit weg von den Gedankengängen der Zentralbänker.

Der Zustand der Finanzberichterstattung müsste dem Betrachter, wenn es nur dieses Beispiel gäbe, wohl die Sorgenfalten auf die Stirn zeichnen. Glücklicherweise aber gibt es in weiten Teilen überaus sinnvolle, gut recherchierte und vor allem akribisch nachgearbeitete Berichte. Über die Komplexität der Zusammenhänge und deren Abhängigkeiten von Außentemperatur, Uhrzeit und Verdauung der Unterhalter kann der Laie nur staunen.

Was für tiefschürfende Erkenntnisse hat nicht schon ein ganz normaler Börsentag zu bieten! Ein steigender Ölpreis ist an manchen Tagen (bewölkt?) zwischen 9 Uhr morgens und etwa 11:30 gut für „die Wirtschaft“ was folglich die Aktienkurse antreibt. Dieser Effekt verblasst, denn in einer Periode um die Mittagspause herum dreht sich das Bild. Angesichts des in den Morgenstunden vom Anstieg des lokalen Ölpreises zur Lieferung in Cushing, Oklahoma, angefachten ökonomischen Booms in Deutschland verbreitet die erwartete Dynamik sofort eine um sich greifende Zinsangst. Der logisch zwingende Anstieg der Bundrendite um 3 Basispunkte von -0,07% auf -0,04% fordert ihren Tribut und resultiert in einem augenblicklichen Einbruch des deutschen Aktienindex. Gegen Sonnenuntergang hellen dann aber die späten Interpretationen des weniger schwach als erwartet ausgefallenen belgischen Verbrauchervertrauens den Himmel auf. Der schwächere Konsum, maßgeblich beeinflusst durch den Streik der flämischen Landfrauenverbände, hat auf die Eierpreise rund um Brüssel gedrückt. Die daraufhin kollabierenden Inflationserwartungen geben dem Bund wieder einen Schub, der auch den DAX mit sich zieht. Nachdem Mama Förderikowa aus Ostsibirien über Twitter noch von ihrem neuen sparsamen Ölofen für die Gartenlaube berichtet beenden der Ölpreis, der DAX und der Bund den Tag so gut wie unverändert. Denn abends ist manchmal auch ein sinkender Ölpreis gut. Da muss man einfach mal schauen!

Stets gut über den tragbaren Smart-Volksempfänger informiert und auf dem hohen Ross sitzend lacht der kultivierte Bewohner eines Industrielandes gerne über die angestrengten Versuche der Alchemisten früherer Jahrhunderte. Aus Blei Gold zu machen, ei, was für ein absurder Gedanke. Nur Menschen, die nicht so ein wundervolles Bildungssystem wie wir genossen haben, konnten an so einen Blödsinn glauben! Gleichzeitig blicken alle Augen ehrfurchtsvoll auf die Beamten in den Türmen der Zentralbanken und die Jünger derselben mit der von ihnen ausgehenden Flut von Papers, in denen auch der letzte Gedankengang bald durch ein paar mehr oder minder komplexe aber dennoch nicht weniger hilflos wirkende stochastische Prozesse ersetzt wird. Zum Glück aber versuchen die Jungs und Mädchen nicht aus Blei Gold zu machen. Am Ende müsste man sich dann noch Sorgen machen. Und das wollen wir doch nicht. Am Ende muss die Deutsche Bank dann doch noch ganz überraschend eine Kapitalerhöhung ankündigen.

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4 Kommentare auf "Mensch, was war das wieder spannend heute!"

  1. bluestar sagt:

    KLASSE ! Ehrlich gesagt liebe ich die Artikel vom Bankhaus – und bewundere die Art der Beschreibung der aktuellen Absurditäten. Also für mich ist das Kunst.
    Bezüglich des letzten Absatzes bin ich der Auffassung, dass die Menschen vergangener Jahrhunderte zwar über keine oder sehr wenig Bildung und Informationen verfügten, aber selbst als Leibeigene selbständiger im Denken waren. Zumindest waren denen die wirklichen Machtverhältnisse in der Regel klar. Und der Aberglaube ? War nicht stärker als der heutige Glaube der „Gebildeten und Informierten“ an Rechtsstaat, Demokratie und westliche Werte.
    Am Wochenende habe ich gelesen, dass zur Verbesserung der Luft ab 2030 keine Autos mit Verbrennungsmotoren mehr zugelassen werden sollen. Gleichzeitig werden weltweit die Arsenale an Atomwaffen modernisiert und aufgestockt, damit die Erde statt 1200 mal dann 1800 mal vernichtet werden kann. Was würden Menschen aus dem Mittelalter über unsere heutigen Generationen wohl denken ? Ich denke die Antwort ist klar.

  2. konnt_ja_keiner_ahnen sagt:

    Chapeau! Einer der besten, wenn nicht gar der beste Artikel, den ich (abseits von den eher analytisch angehauchten) hier je gelesen habe! Ein bisschen hat sich das Gefühl wie bei einem startenden Flugzeug eingestellt. Beschleunigen und irgendwann hebt der Vogel ab. Ich drucke mir den Text aus und pinne ihn neben meinen Monitor. Kein Spaß!

  3. Lickneeson sagt:

    Ja, vielen Dank für den Artikel wertes Bankhaus. Zynismus, Humor und geniale Ideen für die schwächelnde Zertifikate Industrie:

    „From Blei to Gold Zertifikat“ liegt am Ende der Laufzeit nur Blei wie Blei in ihrem Depot, verfällt das Zertifikat wertlos.

    oder

    „Reasons for Motion Zertifikat“ ….treffen die Behauptungen für eine vorliegende Marktbewegung ein, gewinnt die Bank. Tritt das Gegentei ein, verfällt das Zerifikat wertlos.

    Man könnte endlos weitersinnen…Unterhaltung statt Rendite. Bin gespannt, wann sich an den Märkten die Besinnung auf Fundamentaldaten durchsetzt. Ihre letzten Charts zur Relation S&P Kurs/ Unternehmensgewinne waren jedenfalls besorgniserregend.

    MfG

  4. Nix sagt:

    Die Deutsche Bank? Die hat zumindest semiotisch betrachtet das richtige Logo: „Wir geben schrägen Geschäften einen rechten Rahmen“

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