Meister gedrechselter Worte

21. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Eigentlich sollte ja in dieser Woche die Zinswende in den USA starten. Damit gingen die Experten lange Zeit hausieren, die das irgendwo aufgeschnappt haben. Nix da!

Die Nullzins-Ära geht weiter. Natürlich wird der Unsinn weiter munter kommentiert – und zwar all das, was aus den hohen Häusern alles so erzählt wird. Man wälzt sich im Staub vor den Gottheiten, bis auf wenige Ausnahmen. Und die Expertenschaft rätselt und rätselt – statt zu wissen.

Nun heißt es wie die letzten Jahre, die Leitzinsen werden steigen, aber später … wenn nichts dazwischen kommt. Was für eine Erkenntnis! Dabei könnten man wissen, dass gigantische Schuldenberge kaum höhere Zinsen vertragen.

Was macht eigentlich so ein ein Notenbank-Chef den ganzen Tag? Er schnitzt mit seinen Kollegen kunstvolle Möhren und hält sie den Eseln vor die Nase. Wie Esel nun mal sind, rennen sie dieser Möhre hinterher, bis sie merken, dass es eine faule Birne war. Kaum Zeit, um nachzudenken. Und kurze Zeit später gibt es schon wieder neue Möhren. Das ist moderne Geldpolitik, den Leuten mit vielen Worten nichts zu sagen und Erwartungen zu schüren. Ich glaube, die Notenbanker finden das insgeheim ganz lustig, wie alle nach ihrer Pfeife tanzen.

Wie ihre Vorgänger ist auch FED-Chefin Janet Yellen Meisterin der gedrechselten Worte. Auf ihrer letzten Pressekonferenz sagte sie den Kameras und Hofberichterstattern, sie könne nichts versprechen – was auch nicht verwundert. Wer sich an statistisch frisierten Wirtschaftsdaten und dem Wetterbericht orientiert, fährt Auto mit verklebter Windschutzscheibe und schaut dabei entzückt in den Rückspiegel.

Im März dieses Jahres hat es doch ein Reporter von Dow Jones öffentlich gewagt, Frau Yellen nach möglichen Interessenskonflikten zu fragen. Im Mittelalter gab es dafür Kerker. So aber bekommt der Querschläger keine Einladungen zu solchen Terminen. Vermutlich wäre die Führungsspitze der SED ähnlich vorgegangen, denn am Heiligenschein geldpolitischer Gottheiten zu rühren, gehört sich einfach nicht.

Und wann kommt nun die Zinswende? Vergessen Sie es! Und wenn es so etwas geben sollte, dann wird sie kosmetischer Natur sein bzw. erkennbar nur unter dem Mikroskop. Die Kunst bleibt es, ein Zins-Wendchen als großes Ding zu verkaufen. Wetten, dass wir wieder reingelegt werden und wir uns wieder gerne reinlegen lassen?

Frank Meyer – Kolumne aus den Lübecker Nachrichten (Langfassung)



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6 Kommentare auf "Meister gedrechselter Worte"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Sehr geehrter Herr Meyer,
    ich bin in dieser Richtung „unreinlegbar“, denn ich (63) habe 2009 meine Lebensversicherung gekündigt und fasst das gesamte Geld in Gold und Silber umgetauscht; vom Wert her ungefähr Hälfte/Hälfte .
    Gleicht das Gold in den nächsten Jahren auch nur die Inflationsrate aus, kommen meine Ehefrau und ich (neben unserer Minirente) alleine schon mit dem Gold weit über unsere statistische Lebenserwartung.
    Das Silber ist für unsere Kinder bzw. zur Absicherung.
    Wer will uns da noch reinlegen?
    Ein Goldverbot?
    Gut dann verleben wir das Silber und das Gold ist dann für unsere Kinder.
    Vielleicht habe ich ja auch übertrieben und ich habe mich geirrt, auch weil ich dann auf Crashpropheten gehört habe.
    Aber was ist wenn die Crashpropheten recht haben?
    Jetzt muss ich jedes Mal, wenn ich etwas zusätzlich zur Rente benötige, zum Händler um die nächste Ecke; bei etwa 57% Kurssteigerung seit 2009 kann ich gut damit leben.
    Was hätte ich seit 2009 an Zinsen bei einer einigermaßen sicheren Anlage bekommen?
    Oder bei Aktien, dessen Kursgewinne ich (wie auch Zinsgewinne) dann auch noch versteuern müsste; abgesehen von den anderen Einkommensteuergebundenen Zuzahlungen.
    Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ich zu wenigen Exoten gehöre, die auf diese Art ihr Geld in Sicherheit bringen.
    Ich kann mir eher vorstellen, dass sehr viele Menschen in Deutschland, die auch so gehandelt haben wie ich, lieber schweigen und genießen.
    Und denen es (wie auch mir) vollkommen gleichgültig ist, welche Notenbanker welche Entscheidungen treffen.

    Viele Grüße aus Andalusien
    H. J. Weber

    Viele Grüße
    H. J. Weber

  2. Crunchy sagt:

    Nullsinn-Ära oder Unzins-Ära wären auch keine schlechten Titel.

    • Lickneeson sagt:

      „Zinslos in Seattle“ oder „Für eine Handvoll Phrasen“ wäre auch passend.

      Das Zinsschiff dreht seit Jahren seine Kreise vor der Hafeneinfahrt und macht kaum Meter über Grund – und die Lenzpumpen laufen auf Hochtouren. Dank Griechenland und dem Gruselschloss in Elmau ist das „Zinserhöhungsgestotter“ medial ja so aufregend wie die 485.000 te Folge der Lindenstrasse. Wie schön, das es die Märkte gibt, jenes grosse Casino, in dem man mit Kaffeesatzleserei mittlerweile besser fährt, als wenn man auf Zinsen achtet.

      Kommt, lasst uns (Zins-) tauben vergiften im Park.

      MfG

  3. Stimmt. Es ist zwingende Logik, dass es nie wieder nennenswerte Zinsen geben kann, so lange alle wichtigen Staaten hoch verschuldet sind. Hohe Zinsen wären Selbstmord für einen Patienten, der im Koma liegt und nur noch von Maschinen künstlich beatmet wird. Hohe Zinsen könnte es erst wieder geben, wenn die mächtigen/wichtigen Staaten keine nennenswerten Schulden mehr hätten. Dazu bräuchte es einen globalen Schuldenschnitt, bei dem die oberen 1% auf entsprechende Forderungen verzichten. Und dafür denken diese zu kurzfristig und egozentrisch. So wird das Spiel noch sehr lange weiter laufen – vielleicht sogar ewig, wenn frühere Tabus fallen und fehlendes Geld einfach gedruckt wird bzw. Notenbanken unendlich viele Staatsanleihen kaufen. Kann also durchaus sein, dass es nie wieder nennenswerte Zinsen gibt. Was übrigens mehr Vorteile als Nachteile hat. Inflation in Form steigender Preise gibt es nur bei steigender Kaufkraft – und die Kaufkraft sinkt bei der breiten Masse der Konsumenten. Wenn sich bei den oberen 1% die Quadrillionen stapeln, steigen die Preise nicht mit.

  4. Ralf sagt:

    Ich kann mir vorstellen, daß vierbeinige Esel schlauer sind als zweibeinige. Wahrscheinlich sind wir aber gar keine Esel, sondern nur Schafe, 80 Millionen Schafe…

  5. Michael sagt:

    Die Schattenseiten des lausigen Baumwollgelds treten immer offensichtlicher zu Tage.

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