Meyers kleiner Jahresrückblick

4. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Vor einem Jahr, da saß ich zu Silvester auf meinem Sofa, kurz nach der Tagesschau. Mein Zimmer war schon wieder vom Rauch der hochgegangenen Nebelkerzen verräuchert. Husten plagte mich nach den diversen Ansprachen diverser Politiker, die ich mir selbstverständlich aus journalistischen Gründen reingezogen hatte. Ich öffnete die Fenster. Dort verklangen die letzten Böller – Sinnbild für das Jahr 2008…

Ich erinnere mich, auf dem Schreibtisch lagen die Prognosen der Fachleute für den Aktienmarkt. 8700 Punkte. Mindestens, wenn nicht sogar viel mehr. Die meisten Interviewgäste weigerten sich beharrlich, auch nur einen Tick vorsichtiger auf das Jahr 2008 zu blicken. Meine Schenkel waren schon grün und blau, denn ich schlug mir reflexartig vor Lachen permanent rechts, und dann wegen der Schmerzen links drauf. Oder habe ich geweint? Ich weiß es nicht mehr.

Und dann stieg der DAX auch noch, zumindest am ersten Handelstag, ward da aber nie wieder gesehen. Ich hatte mich aus dem Aktienmarkt längst verabschiedet, denn dem Immo-Braten aus den USA wollte ich nicht trauen, der so bittersüß herüberwehte. Alles nicht so schlimm, sagten die Fachleute, als man den Hausbesitzern das Dach über den vernebelten Hirnen wegzunehmen begann und ihnen den Hintern versohlte. Doch es sollte noch schlimmer kommen, natürlich völlig überraschend und unerwartet. Es folgte eine Zeit der täglichen Begräbnisse. Das Implode-O-Meter, das Barometer, für verstorbene Hausfinanzierer, begann zu explodieren. Die Betreiber der Seite fertigten gerade ein Implode-O-Meter für Banken an, während die Totenglocke für die Hedge Funds immer öfter schepperte. 108 Cashkühe hat es in die ewigen Delta-Gründe gefegt. Gingen sie an Dummheit ein? War es die Gier? Oder beides?

Beim Kommentieren von amerikanischen Wirtschaftsdaten erfasste mich jedes Mal ein Hauch von Heiterkeit. Da hüpften Zahlen aus den statistischen Abteilungen, die wie durch statistischen Mühlen gedreht aussahen. Innerlich ahnte man, dass da etwas nicht stimmte. Wer sich die Mühe machte dahinter zu schauen, blickte eher in die Hölle statt in den Himmel. Selbst die Börsianer in Frankfurt griffen sich beherzt an den Kopf und riefen „Betrug!“. Doch die Experten geißelten die Anleger mit „positiv überrascht“ oder „unerwartet positiv überrascht“. Einem ehemaligen Kollegen gelang sogar ein „unerwartet und angenehm positiv überrascht“ nach der Bekanntgabe von irgendwelchen Daten und er landete prompt auf Platz drei meiner nach oben offenen Phrasenskala.

Meine Lieblings-Phrasen 2008

Der sich verstetigender Aufschwung (Arbeitsamt Duisburg)

Der Aufschwung kommt bei den Menschen an (Angela Merkel in der Generaldebatte im Bundestag am 28.11.2008)

Angenehm positiv überrascht (ehemaliger Kollege)

Meine Liste der Unworte 2008

Glühbirne, Finanzkrise, Schutzschirm, Klimawandel, General Motors, Lehman Brothers, IKB, Konsum-Gutschein, Nacktscanner, „bildungsferne Schichten“, Patientenmanager, Rettungsplan, Gesundheitsfonds, Menschenrest, Morbiditätszuschlag, Rentnerdemokratie.

Hinter diesen Buchstaben wuchs der Berg der Probleme. Nach und nach wurden die Stimmen vor allem aus den unabhängigeren Analyseabteilungen lauter, die fast alle Daten zu Inflation, Wirtschaftsstimmung und Arbeitsmarkt in Zweifel zogen. Als Reaktion wurde die Musik in den oberen Etagen der Banken, Regierungen und Notenbanken lauter gedreht, aber die Platte hatte irgendwie einen Sprung: „Our economy is strong…! Bis – naja – der Lautsprecher durchbrannte. Erinnern Sie sich an Herrn McCain? „Our Fundamantals are strong…“
Hier das Video für die Nachwelt.

Das klang bei den Volkswirten, dem letzten Fels in der Brandung ähnlich, selbst als das Dach längst Feuer gefangen hatte. Als das Dach bei der IKB qualmte, gelang der Bundesregierung ein Meisterstück. Sie steckte knapp 10 Milliarden Euro Steuergeld in die Bank und verkaufte sie dann für etwas mehr als 100 Millionen Euro und garantierte im Dezember 5 Milliarden Euro aus dem gespannten Schutzschirm für die Finanzindustrie. Das nenne ich doch ein dickes Geschäft, vor allem für die texanische Heuschrecke Lone Star. Es gibt Tage, an denen ist man einfach sprachlos.

Apropos sprachlos: Einmal hat es mich an der Börse als Reporter erwischt, da hatte ich keine Worte, als der DAX über 11% auf 4000 Punkte einbrach. Meiner Kollegin Corinna Wohlfeil ging es nicht besser. Sie ging irgendwann Ende Oktober auf Sendung, hinter ihr wurde gerade die Börse vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac gestürmt, das die Entwaffnung der Finanzmärkte forderte. Hier das Video…

Erinnern Sie sich noch an die manchmal streikenden Bankautomaten? Da bissen ganze Marderschaften in einer offenbar geplanten und konzertierten Aktion die Datenkabel durch. Das war in den Monaten, als die Leute begannen zu diversifizieren. Ein Drittel Bargeld unter dem Kopfkissen, ein anderes unter der Diele und der Rest vergraben im Garten. Unsere Kanzlerin beendete den Spuk, indem sie alle Guthaben garantierte, bzw. wir garantieren unsere Einlagen. Die Marder verschwanden wieder.

Verschwunden sind auch die Gebrüder Lehman. Vor ein paar Jahren nannte jeder diesen Namen mit Ehrfurcht. Geblieben sind Spott und Häme, viele Milliarden Schulden und auch zerplatzte Träume von gutgläubigen Anlegern, denen Lehman-Zertifikaten als Sparbücher verscherbelt worden sind. Noch Stunden vor der Pleite wurde Lehman von unserer staatlichen KfW noch mit ein paar hundert Millionen Euro bedacht – aus Versehen natürlich.

Versehentlich haben auch die Landesbanken den Amerikanern ihren Giftmüll mit den lustigen bunten Buchstaben (ABS, CDO, MBS usw.) abgekauft. Aus „Schiffe versenken“ wurde das Spiel „Banken versenken“. Doch Moment! Sie leben ja noch. Sie laben sich jetzt an unserem Steuergeld. So lange wir leben, dürfen wir sie bezahlen – und darüber hinaus. Wie tröstlich…!

Ach ja, dann war doch dieses Licht am Ende des Tunnels. Es leuchte immer mal wieder hell auf wie der Heiligenschein der Investmentbanker. Doch was da hell entgegenkam, waren die Lichter eines Schnellzuges. Jetzt soll Obama es richten. Er wird als neuer Heiland gefeiert. Sicherlich weiß er, welchen Lumperladen er nach acht Jahren Bush & Co. übernimmt. Wünschen wir ihm und uns dabei viel Glück.

Der Ölpreis erreichte in diesem Jahr die Marke von 145 USD/Barrel. Zur gleichen Zeit wurde in den USA durchgesetzt, dass man in bislang geschützten Gebieten auch nach Öl bohren darf. Sicherlich nur ein Zufall.

In Erinnerung geblieben sind mir die Bilder vom Nordpol, als unser Umweltminister Sigmar Gabriel samt seiner Kollegen und mitgereisten Kamerateams vom erhitzten Nordpol grüßten, um vor der Klimakatastrophe zu warnen. Nein, sie hatten noch keine Badesache an. Mit ihren CO2-Schleudern ging es dann aber schnell weiter zu anderen diversen Gipfeln, auf denen nichts mir Bekanntes herauskam. Vielleicht hat man ja wenigstens nett gegessen. Das Klimapaket für saubere Luft musste dem Rettungspaket für stinkende Autos weichen. Und weil sie nicht wissen, was sie tun – reden sie. Sollten dieses Jahr Köln, Berlin und Stuttgart nicht Hansestadt werden?

Die Welt stand Kopf in diesem achten Jahr im dritten Millennium. Aus dieser Sicht bestaune ich die Welt auch 2009. Viel falsch machen kann man dabei nicht. Wenn die Neujahrsansprachen über die Bildschirme flimmern, habe ich mit einem CO2-neutralen Ventilator vorgesorgt, um den Rauch der aufschlagenden Nebelkerzen zu vertreiben. Man kann mir ja alles erzählen. Was ich davon glaube, ist mir ja (noch) freigestellt. Diese Freiheit nehme ich mir.

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