Mein Bericht aus Athen

17. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bill Bonner

„Es ist zu Ende. Der Euro am Ende. Griechenland am Ende.“ Mit diesem apokalyptischen Stenogramm beschrieb unser Taxifahrer die Situation in Athen.

Seit nunmehr mehr als zwei Wochen sind die Banken hier geschlossen. In dem Versuch das bröckelnde Finanzsystem zu stützen, hat die Regierung den Einwohnern – aber nicht den Touristen – eine Maximalgrenze für Abhebungen an Geldautomaten von 60 Euro pro Tag festgelegt.

Die große Neuigkeit dieser Tage ist, dass die Regierung und ihre Gläubiger einen Deal zusammengeschustert haben, um Griechenland in der Eurozone zu halten. Premierminister Alexis Tsipras hat den Forderungen der Gläubiger zu ökonomischen Reformen nachgegeben. Das Problem ist, dass seine Landsmänner im vergangenen Referendum eben gegen diesen Deal gestimmt haben.

Im Flieger nach Athen

Wie ein Sturmjäger sprang ich von London aus in den Flieger nach Athen, um den Tornado zu untersuchen, der durch Athen jagt. Ich dachte, es wäre lustig, all die Nichtigkeiten und Anmaßungen durch die Lüfte fliegen zu sehen. Und nicht zuletzt auch sehr lehrreich – ein nützliches Training für die Stürme, die von woanders kommen können. Doch nichts dergleichen passierte: keine Wirbelstürme, keine Zugunglücke, keine offene Panik in den Straßen.

Bei meiner Erkundung des historischen Stadtteils Plka – am Fuße der Akropolis – traf ich ausschließlich auf Touristen. Und sie schienen keine Ahnung davon zu haben, dass hier gerade eine finanzielle Krise herrscht. Gestern Abend ging ich zum Syntagma-Platz – der zentrale Platz der Stadt – auf der Suche nach dem Durcheinander und Chaos. Das einzige, was ich fand, waren eine Gruppe Polizisten, die in einem gepanzerten Bus dösten. Die Geldautomaten waren in Betrieb; ohne irgendwelche Schlangen davor. Die Restaurants waren gut besucht. Genauso wenig sah ich irgendwelche Anzeichen für extravagante oder leichtsinnige Ausgaben.

In Athen gibt es kein Gegenstück zum Arc De Triomphe. Kein Eiffelturm. Kein Louvre. Keine feschen Appartements. Keine strahlenden Bürogebäude. Zumindest nicht soweit ich sehen konnte… Die größten Werke hier wurden vor über 2000 Jahren vollendet. Man kann nur darüber Staunen, wie die antiken Griechen das geschafft haben.

Der Parthenon – ein Tempel, erbaut zu Ehren der Stadtgöttin Athena – hat große Investitionen und akribische Organisation erfordert. Er ist atemberaubend… ein architektonisches Meisterwerk. Heutzutage gibt es hier keine Zeichen für ein solches Potential. Stattdessen ist Athen eine verbrauchte, leicht trashige mediterrane Festung.

„Hey, kann ich Ihnen helfen?“ Ein verwahrlost wirkender Mann tauchte auf. Ich hatte keine Ahnung, was er anzubieten hatte, aber ich wollte auch nichts. „Nein, danke.“ Ich drehte mich um, um in die andere Richtung fortzugehen. Er kam nach.

„Hey… wonach suchen Sie? Ich kann Ihnen helfen, es zu finden.“

„Naja, ich suche nach Anzeichen des finanziellen Zusammenbruchs.“

„Oh, ich kann Ihnen helfen, an Drogen zu kommen…. Frauen… Glücksspiel. Aber über finanzielle Zusammenbrüche weiß ich nichts.“

Ich sagte erneut „Danke“ und ging weiter.


Wenn es hart auf hart kommt, ist Ihr Geld weg

von Bill Bonner

„Cash ist König.“ So sagte es das Wall Street Journal in einem Bericht über die Situation in Griechenland. Der Gebrauch von Bargeld in den alltäglichen Geschäften hat sich in den vergangen zwei Monaten um 44% erhöht.

Ein kurzes Update: am vergangenen Wochenende haben die Griechen gesprochen. „Nein“ haben sie gesagt. „Wir wollen die Kürzungen der Regierungsausgaben nicht, die von den Gläubigern gefordert werden.“ Der Finanzminister dankte ab und verließ die Szenerie auf seinem Motorrad. Nun berichtete die Financial Times darüber, dass die Griechen „eine letzte Chance bekommen, den Ausbruch aus einer einheitlichen Währung zu vermeiden“.

Griechenlands Output ist auf den Tiefgang. Den Banken gehen die Gelder aus. Und die Griechen stehen in Schlangen vor den Geldautomaten. Die Regierung gewährt ihnen eine maximale Auszahlung von lausigen 60 Euro pro Tag. Das ist es, was passiert: wenn es hart auf hart kommt, nimmt die Regierung Ihr Geld. Und das ist der Grund, wieso Cash König ist.

Ein wichtiger Durchbruch

Ein faszinierender Artikel berichtete kürzlich darüber, dass die Fahrgemeinschafts-App Uber „das Hauptproblem des Kapitalismus gelöst“ hat. Was dieses Problem ist? – Vertrauen. Es gibt Millionen von Autos auf den Straßen. Die meisten von ihnen haben vier Sitze, doch gewöhnlich ist nur einer der Sitze besetzt. Und viele dieser Fahrer würden sich freuen, andere dort hin zu bringen, wo sie hin wollen und das für weniger, als ein Taxi kosten würde. Doch man steigt nicht in diese Autos ein.

Schon als Kind wird einem eingebläut, niemals zu Fremden in das Auto zu steigen. Man weiß nie, wem man trauen kann, dass er einen wirklich auch hin bringt, wohin man möchte. Die schwarzen Taxen in London lösen dieses Vertrauensproblem durch charakteristisches Design und Vorschriften. Die Fahrer müssen den legendären Übungskurs und die „Wissensprüfung“ der Stadt machen, um eine Lizenz zu bekommen.

Wenn man in London in ein Taxi steigt, kann man mit einem großen Maß an Sicherheit davon ausgehen, auf professionelle Weise zu seinem Zielort zu gelangen. Uber löst das Vertrauensproblem andere Weise – mit einem internetbasiertem Rating-System. Die Mitfahrer bewerten die Fahrer, in dem sie ihnen bis zu fünf Sternen geben. Und die Fahrer bewerten ihre Mitfahrer auf die gleiche Weise. So können beide Seiten Leute mit schwachen Ratings umgehen.

Doch der Kapitalismus brachte vor Tausenden von Jahren einen wesentlich größeren Durchbruch an der Vertrauensfront: das Geld wurde erfunden. Vor dem modernen Geld, basierten Transaktionen nicht auf Tauschhandel, wie allgemein angenommen. Stattdessen basierten sie auf einem System von rudimentären Krediten. Ohne Bargeld konnte man nur innerhalb kleiner Gruppen handeln. Und man musste sich auf sein Gedächtnis verlassen, um sich zu erinnern, wer nun wem was schuldet.

Mit der Ankunft von Münzgeld, konnte man nun mit völlig fremden Menschen Handel betreiben. Man muss etwas aufgeben. Und im Gegenzug erhält man etwas – Geld. Und das Geld konnte man dann nutzen, um später wieder mit etwas zu handeln.

Diese Erfindung – Geld, das üblicherweise auf Gold und Silber basiert – war ein solcher Durchbruch, der unsere heutige ausgeklügelte Marktwirtschaft ermöglicht hat.




Quelle: Kapitalschutz Akte
Wenn es hart auf hart kommt, ist Ihr Geld weg (von Bill Bonner)
Mein Bericht aus Athen (von Bill Bonner)
Weitere Informationen: Investor Verlag

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2 Kommentare auf "Mein Bericht aus Athen"

  1. Bobo sagt:

    60,00 € am Tag sind 1800,00 im Monat. 1800,00 € netto cash nach Abzug von Miete, Strom, Telefon, sämtlicher Steuern und Versicherungen, eventueller Kredite, überhaupt sämtlicher Ausgaben die vom Girokonto abgehen können sich in Deutschland nur wenige leisten. Besonders hart kommt mir das nicht vor.

  2. Skyjumper sagt:

    „Die Regierung gewährt ihnen eine maximale Auszahlung von lausigen 60 Euro pro Tag. Das ist es, was passiert: wenn es hart auf hart kommt, nimmt die Regierung Ihr Geld.“

    Ich schätze ja die Beiträge von Mr. Bonner. Sie sind so herrlich erfrischend. Der oben zitierte Satz jedoch ist so falsch wie nur etwas falsch sein kann. Nein. Die Regierung nimmt den Griechen im beschriebene Szenario keinesfalls die mühsam angesparten Euronnen weg. Die Realität ist viel schlimmer.

    Die Regierung verhindert durch die Maßnahmen (Kapitalverkehrskontrollen) das offenbart wird, dass es das Geld gar nicht gibt. Und das trifft nicht nur in Griechenland zu, sondern weltweit. Würden wir alle das Geld, von dem wir glauben dass wir der Eigentümer sind, nach Hause tragen wollen um es auch zu besitzen ………….. dann würden wir feststellen müssen dass das Geld lang lang alle ist bevor wir auch nur zu Bruchteilen bedient wurden.

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