Mehr Geld und künstlich gesenkte Zinsen schaffen keine Prosperität

6. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit – Degussa Goldhandel

Die Geldpolitiken der Zentralbanken nützen den Volkswirtschaften nicht, sie schaden ihnen vielmehr.

In allen bedeutenden Volkswirtschaften der Welt haben die Zentralbanken die Leitzinsen auf (zuweilen sogar historisch) niedrige Niveaus geschleust, und gleichzeitig haben sie auch die Basisgeldmengen drastisch ausgeweitet. In der Öffentlichkeit werden diese Geldpolitiken mehrheitlich als „richtig“ und „notwendig“ angesehen, um die Finanzmärkte zu stabilisieren und die Volkswirtschaften (angesichts der Folgen der Krise von 2008/2009) zurück auf den Wachstumspfad zu bringen.

Doch ein kritisches Überdenken dieser Einschätzung kommt zu einem anderen, einem gegenteiligen Ergebnis. Wenn eine Zentralbank die Geldmenge ausweitet, so bekommen nicht etwa alle Menschen in der Volkswirtschaft etwas davon ab. Vielmehr sind es einige wenige, die das neue Geld auf ihre Konten überwiesen bekommen. Damit können sie dann Güter (wie Aktien, Häuser, Grundstücke und Anleihen, aber auch Maschinen und Rohstoffe) kaufen, und zwar zu den herrschenden Marktpreisen. Wenn das Geld nachfolgend von Hand zu Hand weitergereicht wird (sich in der Volkswirtschaft ausbreitet), steigen die Güterpreise. [Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Güterpreise fallen dadurch in jedem Falle höher aus, als sie ausfallen würden, wenn es keine Geldmengenausweitung gegeben hätte.]

Doch nicht ein Produktionsgut, wie zum Beispiel Nägel, Schaufeln, Backsteine oder Baugerüste, ist durch die Geldmengenausweitung geschaffen worden. Die Folge der Geldmengenausweitung ist, dass den Erst- beziehungsweise Frühempfängern des neuen Geldes eine Erhöhung ihrer Kaufkraft gewährt wird. Dadurch werden sie in die Lage versetzt, Güter zu kaufen, die sie ohne die Geldmengenausweitung nicht hätten kaufen können. Die Geldmengenausweitung führt folglich zu einer Umverteilung vorhandener Güter. Wer sind die Begünstigten? Es sind die Kreditnehmer – ob Unternehmer, der Staat oder private Häuslebauer und Konsumenten, die auf Pump leben. Sie erhalten das neue („aus dem Nichts“ geschaffene) Geld als erste. Zumindest war es bislang so. Seit kurzem zählen zu den Profiteuren der Geldmengenausweitung aber vor allem auch diejenigen Sparer und Investoren, deren Schuldpapiere von den Zentralbanken aufgekauft werden (und zwar zu Marktpreisen, die höher sind, als wenn die Zentralbanken die Papiere nicht kaufen würden). Festzuhalten bleibt an dieser Stelle: Die Geldpolitik der Geldmengenvermehrung sorgt für Gewinner und Verlierer. Die Verlierer sind diejenigen, die von der neuen Geldmenge nichts abbekommen, oder die nur verspätet etwas von ihr abbekommen. Die Spätempfänger können mit dem neu erhaltenen Geld nur noch Güter kaufen, deren Preise höher sind als in dem Falle, in dem die Geldmenge nicht erhöht worden wäre.

Verzerrte Marktzinsen

Zentralbanken weiten die Geldmenge aus, indem sie sie der Volkswirtschaft auf dem Kreditwege bereitstellen. Dadurch drücken sie die Marktzinsen künstlich herab – und zwar unter das Niveau, das sich einstellen würde, wenn die Geldmengen nicht per Kredit ausgeweitet worden wären. Das hat weitreichende Folgen. Die gedrückten Zinsen entmutigen das Sparen, befördern den Konsum und regen zusätzliche Investitionen an. Wohlgemerkt: Das alles wird in Gang gesetzt, obwohl die Ressourcen der Volkswirtschaft nicht zugenommen haben. Es kommt daher zu einer Überdehnung: Die mit Geld ausgeübte Nachfrage übersteigt die verfügbaren Güter, die nachgefragt werden, um den gesteigerten Konsum und die erhöhten Investitionen zu realisieren. Anfänglich gibt es einen künstlichen Aufschwung („Boom“). Früher oder später merken jedoch die Unternehmer, dass sie ihre angefangenen Investitionen nicht wie geplant fertigstellen können: Die Preise der dafür erforderlichen Güter fallen höher aus als ursprünglich geplant. Investitionsprojekte entpuppen sich als unrentabel und werden beendet. Arbeitskräfte, die zuvor angeworben wurden, werden wieder entlassen. Arbeitnehmer verlieren ihr Einkommen. Sie schränken ihren Konsum ein und erhöhen ihr Sparen. (Sie kehren wieder zurück zum Spar-Konsum-Verhältnis, das vorgeherrscht hat, bevor die Zinsen künstlich abgesenkt worden wären.) Der Boom kippt in einen Abschwung (einen „Bust“) um.

Um das aufzuhalten, muss die Zentralbank die Zinsen noch weiter absenken und den Kredit- und Geldmengenzustrom in die Volkswirtschaft aufrechterhalten. So kann eine „Bereinigungskrise“ – die eigentlich notwendig ist, um die durch die Zinssenkungen zuvor angerichteten Fehlentwicklungen zu übertünchen – abgewendet werden. Fehlentwicklungen werden dadurch aber „erhalten“, und zusätzlich kommt es zu weiteren Fehlentwicklungen, die zu einer (Schein-)Expansion der Wirtschaft beitragen. Doch auch der neue Boom ist zum Scheitern verurteilt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein Ausweiten der Geldmenge die Volkswirtschaft nicht reicher macht, sondern einige (wenige) auf Kosten (vieler) anderer besserstellt. Wird die Geldmenge auf dem Kreditweg geschaffen, verursacht das eine Fehlausrichtung der Produktion und leitet einen Boom-und-Bust-Zyklus ein. Er bringt Verschwendung, und nachfolgend steht die Volkswirtschaft schlechter da, als sie dastehen könnte, wenn die Produktion nicht durch die Zinsverzerrungen, für die das Schaffen von Geld per Kredit sorgt, in die Irre geführt worden wäre.

Irgendwann ist Schluss

Doch unendlich lässt sich solch eine Konjunkturbelebung nicht fortführen. Und zwar aus (mindestens) drei Gründen nicht.

(1) Irgendwann landen die Zinsen auf der Nulllinie, beziehungsweise die Sparzinsen werden in realer Rechnung negativ. Das Sparen hört dann auf und es wird nur noch konsumiert. Investitionen können nur noch durch die Ausgabe von neu („aus dem Nichts“) geschaffenem Geld finanziert werden.

(2) Sind die Zinsen derart niedrig, werden irgendwann auch Kreditgeber aufhören, neue Kredite zu vergeben, beziehungsweise sie werden sich weigern, fällige Kredite durch neue Kredite zu ersetzen. „Dauerschuldner“ geraten in arge Schwierigkeiten.

(3) Im Scheingeldsystem wachsen die Schuldenlasten immer weiter an, so dass Schuldner nicht mehr Willens und/oder in der Lage sind, neue Schulden aufzunehmen, und/oder die Kreditnehmer auf die Rückzahlung der von ihnen gewährten Kredite pochen und nicht mehr bereit sind, neue Kredite zu vergeben. Doch wo zeitlich gesehen tatsächlich Schluss mit dem Scheingeldsystem ist, lässt sich vorab nicht mit hinreichender Gewissheit sagen.

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