Mehr als nur ein Boxenstopp

26. Februar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott

Der strukturelle Wandel der europäischen Automobilwelt bricht sich weiter Bahn. Während die Absätze mittlerweile auch in den so genannten Kernländern einbrechen, läuft im Hintergrund die Verlagerung der Produktion in andere Länder. Auch in Deutschland sollte man sich auf harte Einschnitte in der Branche einstellen…

Die Automobilabsätze im Januar des laufenden Jahres markierten einen neuen Tiefpunkt. So einen schlechten Jänner hat die Branche in der EU nicht einmal im Jahr 2009 erlebt. Da mittlerweile auch die Märkte in Deutschland, Frankreich und Holland unter die Räder kommen, fiel der Absatz im vergangenen Monat EU-weit um rund 30% unter den mittleren Absatz der Jahre 2003 bis 2007. Misst man den Niedergang in absoluten Zahlen, so entspricht die Zahl der im Januar 2013 im Vergleich zu 2008 in der EU weniger abgesetzten Autos der doppelten Jahreskapazität des GM-Werkes in Bochum.

Insgesamt liegt trotz bereits erfolgter Werksschließungen die gesamte Überkapazität des Sektors in Europa laut einer pwc-Studie bei 5,5 Millionen Fahrzeugen jährlich. Das entspricht etwa 20 bis 25 Standorten, wobei die Zahl mit Sicherheit nicht als worst-case-Schätzung einzustufen ist.

Neben der Produktion selbst bereitet der anhaltende Margendruck den Herstellern Kopfzerbrechen. Der Kampf um den verbliebenen Absatz wird zumeist über den Preis ausgetragen, mal in bunt angekündigten Sonderaktionen, meist jedoch im direkten Verhandlungsgespräch mit dem Händler. So mag man das eine oder andere Auto mehr verkaufen, ob man am Verkauf noch etwas verdient, steht auf einem anderen Blatt.

Solche Sachverhalte werden von Gewerkschaftern, Politikern und so manchem „Wirtschafts“-Redakteur leider selten wahrgenommen. Diese Nichtbeachtung ändert jedoch nichts an den dramatischen Folgen eines solchen Strukturwandels. Ein klarer Fall von Karies-Syndrom. Nur weil man nicht zum Zahnarzt geht, verschwindet der Karies nicht von selbst.

Möglicherweise geben sich aber auch viele noch dem Traume hin, in den kommenden Jahren würden in Deutschland die Autos produziert, die dann in Wuhan an den Mann gebracht werden. Das wird nicht funktionieren, daher wiegt es umso schwerer, dass mit dem europäischen Markt eine Hochpreisregion im Krankenbett liegt…(Seite 2)

 

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5 Kommentare auf "Mehr als nur ein Boxenstopp"

  1. gilga sagt:

    Wie immer ein schöner Beitrag des Bankhaus Rott. Vielen Dank dafür (nach Österreich?)!

    Noch ein kleiner Nachschlag dazu:
    Renault fischt inzwischen im dt. Tagesgeld-Markt nach frischem Geld:
    http://www.renault-bank-direkt.de/

    Natürlich mit stabiler franz. Einlagensicherung (empfehlenswerter Link: http://www.finanzen.net/nachricht/aktien/Island-gewinnt-Rechtsstreit-um-Entschaedigung-von-Bankkunden-2243896).

    Das besonders im Tagesgeld viele niederländische Banken vertreten sind und insb. in Deutschland massiv um Kunden werben sollte ebenfalls nicht verwundern.

    Die deutsche Industrie generell und auch die dt. Autobauer horten Cash: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/02/25/angst-vor-dem-crash-europas-konzerne-horten-cash/

    Und trotz rückläufiger Absatzzahlen in Europa, soll bei den Produktionskapazitäten lieber noch ne Schippe nachgelegt werden:
    http://www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/0,2828,885369,00.html

    Zum Thema franz. Autobauer und Asien wissen wir sicher genug. Insbesondere zum Wegbruch des Segments „Luxusautos“:
    http://www.manager-magazin.de/unternehmen/industrie/0,2828,875511,00.html

    Wem das noch nicht reich, der schaut nach Japan und dem massiv abwertendem Yen (>20% seit November 2012).

    Und was Exportieren die aus Japan so? Richtig: Elektronik und Autos (Mazda, Toyota usw.). Wer im „Greisenland“ Japan noch Auto fährt hat daran dank Rekordpreisen beim Öl/Benzin sicher seine Freude…

    Mancher zieht da (auch aus anderen Gründen) schon mal die Reißleine: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/hohe-belastung-viele-japaner-bringen-sich-wegen-druck-im-job-um/6852064.html

  2. Lickneeson sagt:

    Ein schöner Trendwendeindikator.Abgesehen von Immobilien sind Neuwagen wohl als teuerste Langfristanschaffung anzusehen.Wenn die Absätze nun ausgerechnet in den verbliebenen „starken“ Eurostaaten derart wegbrechen dürften auch den debilsten Politikern die Haare zu Berge stehen.Über die Zulieferbetriebe hängen nochmals tausende Arbeitsplätze an der Branche.

    Weder mit „Abwrack- u. anderen Zaubertricks“ dürfte dieser Strukturwandel, wie Sie zurecht sagen, aufzuhalten sein.Aber auch die Industrie setzt auf das falsche Pferd, wenn sie glaubt durch Abwanderung an Billigstandorte an dem Elend mittelfristig etwas zu ändern.Denn was nützen günstiger produzierte Autos die niemand kaufen mag.

    Hier steht die gesamte globale Produktions u. Konsumkette auf dem Prüfstand.Wer nix hat – kauft nix.Im Gegensatz zu den Politikern und diversen Hochglanzkreisen ist das finanzielle Elend längst in grossen Teilen der Bevölkerung zum Alltag geworden.Zudem ist das Vertrauen in die Volksvertreter mit ihren Phrasen der Selbstdarstellung, dem ewigen Wahlkampf und den zahlreichen Garantieversprechen zur Finanzkrise ebenso rückläufig wie der Autoabsatz.

    Der Bürger, gerade der deutsche, schaltet 3 Konsumgänge zurück und sorgt sich um seine Ersparnisse.

    MfG

  3. DukeNukem sagt:

    Wird auch langsam Zeit dass man mal zur Normalität zurückkehrt und sich nicht alle 2 Jahre ein neues Plastikauto zu überzogenen Preisen kauft!

  4. MARKT sagt:

    Wie meldete ein bekannter Nachrtichtensender heute morgen:
    Der GFK-Konsumklimaindex steigt erneut.
    „Die Deutschen“ haben erkannt, dass es aufgrund der niedrigen Zinsen keinen Sinn macht zu sparen und investieren ihr Geld lieber in WERTHALTIGE Dinge wie Immobilien, AUTOS und MÖBEL.
    Und ich bin mir sicher, dass nicht Oldtimer und Antiquitäten gemeint waren.

  5. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo Markt,

    ja der GFK ist immer für einen Lacher gut. Von seinem Tiefpunkt im Jahre 2008 hat er sich knapp vervierfacht. Die deutschen Einzelhandelsumsätze fielen seither um 3,5%.

    Ein in der Tat werthaltiger Index, der durch nichts kleinzukriegen ist!

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

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