Mediale Qual mit der Wahl

6. November 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Man hört, das sei nun die engste Wahl aller Zeiten. Sieh an. Nach dem Kopf-an-Kopf-Rennen 2008, dem „too-close-to-call“ 2004 und der völlig offenen Wahl 2000 haben wir nun also eine völlig offene Wahl. Kann man überall sehen, hören und lesen. Aber sollte man sich des US-Wahlsystems gewärtig sein, würde man realisieren, dass jede Präsidentschaftswahl in den USA völlig offen ist…

Schließlich kann aufgrund des Wahlmänner-Systems grundsätzlich auch derjenige gewinnen, der über die Bevölkerung insgesamt gerechnet weniger Stimmen bekommen hat. Dazu müsste man bloß genug Staaten mit genug Wahlmännern hauchdünn gewinnen – dann kann man in allen anderen Staaten keine einzige Stimme bekommen und trotzdem Präsident werden. Aber das ist nicht das einzige. In den Medien wird insbesondere bezüglich der Börse so viel Blödsinn verzapft, dass ich ein paar Punkte aufgreifen möchte.

Es fing ja mit der allgemeinen Aussage an, dass die Aktienmärkte im Vorfeld der US-Wahlen fast immer zu steigen pflegen. Ich hatte das schon in einer Kolumne im September angesprochen: Wenn man sich dazu die letzten 30 Jahre ansieht, stellt man fest, dass das Quatsch ist. Nicht nur, dass wir in den letzten Wochen in den USA unübersehbar fallende Kurse hatten, das war auch 1984, 1992, 2000 und 2008 so. Gestiegen sind sie 1988, 1996 und 2004. 5:3 für fallende Kurse – und trotzdem stehen da Leute vor dem Mikrofon und reden von „fast immer steigenden Kursen“. Schämen die sich denn nicht? Kein bisschen? Nein.

Die Mehrheit solcher Menschen hat keinerlei Probleme damit, dummes Zeug zu reden oder gar zu lügen. Nur sollten wir das eigentlich spätestens seit der „Dot.Com-Blase“ wissen. Das wirklich furchtbare an diesem Zustand ist, dass dieses Volk damit immer und immer wieder unbeschadet davonkommt, weil so viele Anleger ein beeindruckend kurzes Gedächtnis haben … und das Vergessen wird dadurch zusätzlich gefördert, dass wir in Statements aller Art förmlich ersaufen. Ich kenne Typen, die haben keine Hemmungen, einfach das genaue Gegenteil dessen zu behaupten, was sie Wochen zuvor mit wichtiger Miene der Allgemeinheit vorausgesagt haben, wenn die Weissagung mal wieder in die Hose ging. Und das faszinierendste: Gerade solche Leute haben viele Fans.

Aber zurück zu dieser scheinbar so knappen Wahl. Mir fällt auf, dass viele angebliche Experten mit Prognosen hausieren gehen, welcher Wahlausgang am Aktienmarkt welche folgen haben wird und das historisch belegen. Ich habe mir mal alle Wahlen seit 1976 angesehen und festgestellt: Ja, das kann man wirklich. Denn egal, ob man bullish oder bearish oder neutral ist: Da ist für jeden ein Beispiel dabei, das er für seine Prophezeiungen herausgreifen und damit behaupten kann: Die Börse tut x, wenn Kandidat y gewinnt. Schon toll … ich meine: Wer mit so was daherkommt, belegt eigentlich sehr deutlich, dass er/sie keine Ahnung hat, wie die Börse wirklich funktioniert. Und die Zahl der Anhänger ebensolcher Spaßvögel ist so groß, dass man sich nicht wundern muss, warum beispielsweise vor einem großen Abwärtstrend immer Monate, manchmal Jahre lang die Realität in den Kursen keinen Widerhall findet: Die meisten Akteure realisieren sie einfach nicht. Wie sonst ist es möglich, dass eine Moderatorin auf Bloomberg am Montag mit tiefernster Miene erklärte, dass statistisch gesehen immer dann der Amtsinhaber wieder gewählt wird, wenn die Redskins, das Football-Team aus Washington, das vorherige Spiel gewinnt … und die Chancen für Obama daher schlecht stünden, da Washington am Wochenende verloren hat? Wie kann es sein, dass dieser Sender auch danach noch Zuschauer hat? Das ist ja noch dämlicher als der Superbowl-Indikator. Auch sehr hübsch:

Es wird heute Nacht angeblich auf die 18 (von insgesamt 538) Wahlmänner aus Ohio ankommen. Sicher, das ist ein Staat, der keine klare Tendenz hat. Bei vielen anderen ist von vornherein die Mehrheit klar, so z.B. in New York oder Kalifornien. Aber wie können diese 3,35 % aller Wahlmänner entscheidend sein … immerhin stand das Ergebnis 2008 am Ende 365 zu 173! Gar nicht. Aber es gibt eine Statistik, nach der kein Republikaner je Präsident wurde, wenn er nicht Ohio gewonnen hatte. Ja. Dumm nur: Das heißt schließlich nicht, dass jeder Republikaner Präsident wurde, wenn er Ohio gewann!

Auch nett ist die „Statistik“, nach der Obama deswegen sicher gewinnen muss, weil die Aktienmärkte seit seinem Amtsantritt gestiegen seien. Das würde man mit Erfolg gleichstellen und den Amtsinhaber wiederwählen. Wie einfach kann die Welt scheinbar sein … zumindest im Fernsehen… (Seite 2)

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