Mc Recession

3. Mai 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Bankhaus Rott

Während die reale Ökonomie um die Schuldenkrücken bereinigt nur dahindümpelt, betrachten wir beeindruckt die Protagonisten des modernen ökonomischen Fünfkampfes. Dieser in den vergangenen Jahren wiederentdeckte Leistungssport der Kategorie „Irrungen, Wirrungen“ erlebt eine ungeahnte Renaissance.

Die Kategorien dieses ökonomischen Fünfkampfs (auch unter spontaner Langfristanalyse bekannt) sind:

  1. Leugnen der Möglichkeit wirtschaftlicher Probleme
  2. Schönreden der Situation
  3. Ausblenden offensichtlicher Fehlentwicklungen
  4. Beim Eintritt desaströser wirtschaftlicher Ereignisse: Auf deren Unvorhersehbarkeit hinweisen
  5. Laufend: Die Schuld bei anderen suchen

Nach einiger Zeit darf im ewigen Zyklus wieder bei 1 begonnen werden. In Zeiten finanzieller und wirtschaftlicher Großexperimente, wie wir sie derzeit erleben dürfen, kann die Handlung durchaus mehrere Stränge gleichzeitig aufweisen. Bezogen auf die Situation der Banken (siehe dazu einige eher peinlich anmutende Versuche von Kapitalerhöhungen in der BRD) befinden wir uns derzeit irgendwo zwischen Disziplin 4 und 5. Bezogen auf die mehr oder weniger reale Wirtschaft abseits der Finanzwelt ist die „Juchheißa“ Stimmung so wundervoll, wie dies oft im Stadium 1 der Fall ist.

Gut zu erkennen ist der beginnende state of denial, wenn wieder häufiger das unsägliche Sätzchen vom „Wachstumsmotor US-Wirtschaft“ aus den Lautsprechern trieft. Kaum zu fassen, auch nach mehr als zehn Jahren, die von einer Melange aus Rezession und massiver Verschuldung geprägt waren, sind die gleichen Papageien scheinbar noch im Amt. Vielleicht gehört diese Formulierung zum Prüfungsinhalt einer dubiosen Medienkammer für Nachrichtenvorleser. Journalismus wäre wohl ein wenig hoch gegriffen.

Unbemerkt kann der große Vorsitzende der Fed weiter heute dies und morgen das sagen. Einerseits geht er nach wie vor davon aus – und gibt dies auch unumwunden zu – die Aktienpreise stützen zu müssen. Andererseits hört sich das Mandat der Fed doch etwas anders an, wenn man beispielsweise in einen der regelmäßigen (nicht lesenswerten) Fed Berichte schaut. Auch in der letzten Ausgabe heißt es zum Mandat der Fed:

Consistent with its statutory mandate, the Committee seeks to foster maximum employment and price stability.  The unemployment rate remains elevated, and measures of underlying inflation continue to be somewhat low, relative to levels that the Committee judges to be consistent, over the longer run, with its dual mandate.

Das klappt ja prima, der Arbeitsmarkt ist desolat und die Preise steigen.

Der oben angesprochene Wachstumsmotor gerät unterdessen zunehmend ins Stocken, die letzten Ausläufer des unvermeidlichen dead cat bounce nach dem ersten Kollaps der Jahre 2008 und 2009 machen frischen Tiefausläufern Platz. Sehr schön verdeutlichen dies die Segmentdaten zum US BIP im ersten Quartal des laufenden Jahres. Von einer Erholung lässt sich bei deutlich sinkenden Wachstumsraten kaum sprechen, einen Anlass zum Jubeln sucht der Betrachter vergeblich.

Alle Segmente ließen deutlich Federn. Obwohl die Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand noch nicht einmal annähernd in die Größenordnung fallen, die eine ernstzunehmende positive Wirkung auf das Budget hätten, sinken die Ausgaben des Staates. Der Beitrag zum BIP ist negativ. Der Beitrag der Nettoexporte ist kollabiert. Erinnern Sie sich noch an die Jubelarien auf den „wiedererwachten Exportriesen“? Wenig überraschend ist angesichts der schwachen Kapazitätsauslastung und der schwachen Absatzaussichten der Anteil der Investitionen. Die Daten zu den Investitionen, vor allem in den Betrieben mittlerer Größe, sind bedrückend und sprechen auf absehbare Zeit nicht für eine strukturelle Besserung der Situation… (—>Seite 2)

 

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12 Kommentare auf "Mc Recession"

  1. Hauki sagt:

    Lieber Herr Ponzi,

    wieder einmal ein ausgezeichneter Artikel! Und wieder die 1 Million-$-Frage (oder 1 Billion ?): Wann kracht das Ganze endlich zusammen?
    Die Aussagen werden (z.T.) deutlicher, wie in diesem Interview mit Ron Paul auf msnbc:

    http://www.youtube.com/watch?v=6VGkHynHB7w&feature=player_detailpage#t=277s

    Werden sie auch von der breiten Masse wahrgenommen? Anscheinend noch nicht genug …

    Beste Grüße, Hauki

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo zusammen!

      @Hauki

      Vielen Dank!

      Manchmal beschleicht uns das Gefühl, dass vieles von dem Irrsinn einer breiten Masse bewusst ist. So nimmt wohl kaum noch jemand die Aussagen so genannter Repräsentanten für bare Münze. Auf Grund einer leider dünnen (das ist sehr höflich formuliert) Aufbereitung der Sachverhalte in allgemeinen Medien kann sich allerdings ein anderer Eindruck einstellen. Wann es zu deutlicheren Unmutsbekundungen kommt, ist eine gute Frage. Sicher ist aber, dass wohl wenig darüber berichtet wird. Es sei in diesem Zusammenhang auf den ganztätigen Bericht des GEZ Universum über eine Hochzeit von Aristokraten hingewiesen. Vor nicht allzulanger Zeit gingen ebenfalls mehrere hunderttausend Menschen in London auf die Straße – nicht aus Freude sondern aus Unmut über die wirtschaftliche Situation und die Sozialisierung von Verlusten des Bankensystems. An den deutschen Nachrichtensendungen ist diese massive Demonstration scheinbar spurlos vorbeigegangen. Das ist schon bitter!

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott
      Zu London.

      PS: Auch bei der regelmäßigen Anhörung Bernankes durch den Kongress sind die berechtigten Fragen von Ron Paul immer ein Highlight

      • Hauki sagt:

        Zitat:
        „… dass vieles von dem Irrsinn einer breiten Masse bewusst ist.“

        Ehrlich gesagt, nicht mein Eindruck. Die Leute ahnen vielleicht, dass irgend etwas faul ist, aber was genau, wissen sie nicht. Und leider interessiert es die meisten auch nicht.

        Es gab mal ein Forum, in dem alle möglichen Dokumente gesammelt wurden, um die Vorgänge (oder wenn man so will, den Betrug) der vergangenen Jahre festzuhalten. Leider existiert es nicht mehr (gehostet von „Foren-City.de“, heute tot …)

        Angefangen von Simon Johnson (u.a. „The quiet coup“ – http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2009/05/the-quiet-coup/7364/ – oder deutsch –
        http://kuchentester.blogspot.com/2009/04/der-leise-staatsstreich.html), über eine Pressemitteilung von J.-H. Boslak (Rechtsanwalt) und T. M. Oehler (Diplom-Kaufmann) mit dem Titel „Staatlich gebilligte Bilanzfälschung – eine hausgemachte Finanzkrise – Deutschlands Unternehmen bilanzieren wie es ihnen beliebt“ ( http://www.2qia.de/pages/beitrag-vom-04.02.2010.php ) bis zu der Geschichte von „Brooksley Born“, dem Lehman-Betrug (Fuld & Co.), Goldman Sachs und Co., die Rolle der Medien usw.usf. …

        Die meisten Leute haben davon noch nie gehört …

        Was ich mich frage: Sehen die Verantwortlichen einfach nicht, was sie anrichten (und sei es auch angesichts eines „Krieges“, denn natürlich geht es darum, wer zuerst fällt …), oder nehmen sie es billigend in Kauf, oder ist ihnen schlichtweg alles sch … egal, außer die eigenen Pfründe? Sehen sie nicht, welche Konsequenzen das haben wird?

        Was mich wirklich umtreibt: Wie ungemütlich wird die Zukunft werden? Dass es einigermaßen glimpflich ablaufen wird, kann ich mir kaum vorstellen (hätte natürlich nichts dagegen …).
        Umso wichtiger Seiten wie „rottmeyer“! Vielleicht ginge es noch einen Tick schärfer? (Keine Kritik! – nur ein Gedanke).

        Und zuallerletzt vielleicht eine Einschätzung von ihnen: Wie lange kann dieses Spiel noch gehen?

        Beste Grüße, Hauki

  2. Kleine Presseschau vom 3. Mai 2011 | Die Börsenblogger sagt:

    […] Rott & Meyer: Mc Recession […]

  3. carsten_kai sagt:

    Man stelle sich eine im Wohnzimmer auf dem Bauch liegende Person vor, mit den Fäusten auf dem Teppich trommelnd, die Unterschenkel zappeln ulkig herum, das Gesicht von Tränen des Gelächters nass, kriegt kaum Luft vor Lachen, herrlich. Das nur wegen dieser Worte „Wachstumsmotor US-Wirtschaft“, die die Person unter fortwährendem Gelächter wiederholt. Was für ein entzückender Anblick 😉
    c

  4. zonenwachtel sagt:

    Ich schliesse mich den Worten meiner Vorredner an: ein ausgezeichneter Artikel, treffend, sarkastisch, bissig und voller Galgenhumor. Gut auch der Hinweis auf die Comba-Kapitalerhöhung und das Super-Krisen-Management des Staates bei den Vereinbarungen über die Rettung der überaus systemrelevanten Commerzbank 2009…

    Allerdings ahnt die breite Masse gar nichts. Angesichts des XXL-Wachstums, der sinkenden Arbeitslosigkeit (und der Reallöhne), der boomenden Konjunktur und Hausse an den Börsen muss jede RTL-CouchPotato von einer heilen Welt ausgehen. Den Rest besorgt Dieter B. mit seiner Sendung Deutschland-Sucht-Sein-Hirn.

    Ja, wo ist es? In der Arbeitsleistung eines jeden Einzelnen, der andererseits zu faul ist, selbst zu denken! Das ist die einzig werthaltige Aktiva der Staats-Bilanz. Und wollen wir auch mal ehrlich erwähnen: die 15% Körperschaftssteuer, die die grossen Konzerne aufgrund ihrer Steuerbilanz bezahlen, wird jedesmal mit Vertretern der Oberfinanzdirektion „ausgehandelt“. Es geht nämlich auch immer um Arbeitsplätze.

    Der Mittelstand (aus Arbeitnehmern und Gewerbetreibenden) wird ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Das ändert aber nichts daran, dass das System noch solange gut funktioniert, wie auf neue Schulden durch die o.g. Arbeitsleistung und Wachstum wenigstens die Zinsen gezahlt werden können. Leider darf die BRD keine Dollar drucken, und der € ist nicht die Leitwährung.

    Das ist unser Problem. Die USA sind pleite, aber hilft uns immerhin, vorher baden zu gehen. Ich schätze Ende 2012, Anfang 2013. Wenn´s nicht die Staatsfinanzen sind, dann irgendwelche abf***ten Banken, die den Stresstest mit Bravour bestanden haben.

    Manus manum lavat. Denn die Geretteten leihen ja den Staaten neues Geld, das diese zur Verfügung stellen…

  5. khaproperty sagt:

    Der vom Parlament der Fed umgehängte Gesetzesmantel sagt, sie müsse mit zwei widersprüchlichen Zielen zurecht kommen: Inflationsschutz und Förderung der Beschäftigung. Ben kann es sich also aussuchen, wie er gerade mal zu „argumentieren“ hat, um seine vielen Kritiker ruhig zu stellen. Allerdings mehren sich die Stimmen, welche einer Änderung der hier einschlägugen Gesetzgebung das Wort reden. Richtig wäre, die Fed allein auf die Inflationsbekämpfung festzulegen – wie einst bei Bundesbank und nun EZB. Die Verhältnisse wären klarer und jeder könnte sich darauf einstellen, was geschehen wird. Vor allem könnte kein Fed-Präsident mehr gemeinsame Sache machen mit Finanzakrobaten und all den lieben Kumpels aus der WallStreet-Szene, deren Wohlwollen auch nach der Amtszeit nicht versiegt sein sollte. Bernanke ist entweder strohdumm oder verkauft das eigene Land für ein paar Silberlinge. Vielleicht stimmt auch beides.

  6. wolfswurt sagt:

    Die Frage „Wann kommt der Crash“ wird aus biologischer Sicht von Menschen gestellt, deren Psyche nicht in der Lage ist die massiven Verwirrungen der Gegenwart auszuhalten.

    Oder anders ausgedrückt: das Gesunde muß sich den Vorwurf gefallen lassen nicht normal zu sein im Sinne von Normal=Mehrheit.

    Eines sei jenen Ungeduldigen mit auf den Weg gegeben: es wird kein „Übernachtcrash und alles ist wieder gut“ stattfinden.
    Der Aufstieg einer Kultur bis zur Zivilisation ist unendlich länger als deren Abstieg der täglich unaufhaltsam vonstatten geht.

    Insofern gibt es eigentlich nichts zu tun…

  7. zonenwachtel sagt:

    @wolfswurt:

    ein toller Beitrag. Erklärst du ihn mir? Bin ich jetzt psychisch krank, weil ich die „massiven Verwirrungen der Gegenwart“ nicht aushalte?

    Die Mehrheit ist bekloppt, sonst hätte sie sowas nicht wieder zur Kanzlerin gewählt und einer Klientelpartei 14,6% gegeben, wovon der harte Kern aus 4% immer noch auf Steuererleichterungen hofft…ach, nee, der zahlt ja keine!

    Priol hat es gestern gut gesagt: als FDP-Vorsitzender kann WW die Partei nicht ausreichend vertreten. Unser Land schon.

    Das Gesunde an dieser Kultur und/oder Zivilisation ist doch nur, dass die einen den Knall gehört haben und der Rest taub ist.

    • wolfswurt sagt:

      @zonenwachtel

      Du brauchst Dir über Deinen Zustand der Psyche wenig Sorgen machen, denn ein unter den Verwirrungen der Zeit Leidender stellt sich nicht die Frage ob mit seiner Psyche etwas nicht stimmen könnte. Er ist im Gegensatz zum klar Denkenden von der völligen Gesundheit seines Geistes fest überzeugt und Zweifel kämen ihm nie in den Sinn.

      Beispiel: äußert ein Vor -und Nachdenkender Zweifel an den Darstellungen der Regierungen einem Gläubigen der offiziellen Meinung gegenüber, so wird Dieser den Zweifelnden für bekloppt erklären.

      Über die Ursache dieser Umstände, sprich Auswirkungen, in der heutigen Zeit möchte ich auf Grund des Umfangs nicht eingehen.

  8. samy sagt:

    Soll ich jetzt lachen oder weinen?

    http://www.godmode-trader.de/nachricht/Fed-Rosengren-gegen-Leitzinserhoehung-wegen-gestiegener-Energie-und-Nahrungsmittelpreise-DOW-Jones-Industrial-Average-Index,a2531717,b2.html

    Hier steht u.a.:
    „Nach den Worten von Eric Rosengren, dem Präsidenten der Federal Reserve Bank of Boston, würde die US-Notenbank Fed die Dinge zum Schlechteren wenden, wenn sie in Reaktion auf die gestiegenen Energie- und Nahrungsmittelpreise den Leitzins anheben würde….“

    Aha! Liquidität der Märkte und so … etwa nicht Preistreibend?

    „Bei der Schwäche auf dem Arbeitsmarkt, den stabilen Inflationserwartungen, einer Kerninflation deutlich unter unserem Langfristziel sehe ich gegenwärtig keine Notwendigkeit, die Wirtschaft durch eine Erhöhung des Leitzinses abzubremsen“

    Ähm? Kerninflation ist doch die berühmte Core-Inflation, oder?
    Aber die lässt doch die Energie- und Lebensmittelpreise aussen vor und … Also, moment mal jetzt? Das ist doch Besch…!

    Sachen gibt es 🙁

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