Maximaler Schmerz

10. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor (Homepage)

Gelegentlich wird scherzhaft darauf verwiesen, dass Börsenprognosen etwa so zuverlässig seien, wie Wettervorhersagen. Das ist geschmeichelt. Tatsächlich dürften die „Marktpropheten“ im Vergleich zu den „Wetterfröschen“ sogar deutlich schlechter abschneiden…

Das liegt nicht nur daran, dass an der Börse ein Wust an Ideen und Methoden vorherrscht, während es in der Meteorologie Forschungsstandards und einen akzeptierten Wissenskanon gibt. Noch entscheidender ist: Im Gegensatz zur Börse reagiert das Wetter nicht auf die abgegebenen Prognosen. George Soros bezeichnete diesen Mechanismus des Einpreisens einmal als Reflexivität. Je mehr gute Argumente es für das Aufziehen einer Gewitterfront an den Märkten gibt, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sie kommt. Das ist nicht nur reflexiv, sondern für die Alltagslogik geradezu paradox.

Aktuell gibt es beispielsweise viele gute Argumente für einen Börsensturm. Neben der ungünstigen Saisonfigur häufen sich die Prognosen, dass es bald richtig hässlich an den Märkten werden könnte. Die Stimmung ist entsprechend schlecht. Bekanntlich erwartet der US-Prognostiker Martin Armstrong für Anfang Oktober einen Crash der Rentenmärkte. Hinzu kommt das Ende der sogenannten Schmitta – also des Sabbatjahres – zur Mitte des laufenden Monats, das in der Vergangenheit schon mehrfach von schweren Börsenturbulenzen begleitet war. Nähere Informationen hierzu finden Sie im aktuellen Smart Investor 9/2015.

Gewehr bei Fuß?

Die Geschwindigkeit des China-Crashs lässt zudem Zweifel daran aufkommen, ob „die Notenbanken“ wirklich immer Gewehr bei Fuß stehen, oder ob hier nicht auch der Wunsch sorgloser Aktionäre der Vater des Gedanken sein könnte. All diese Themen finden vor dem Hintergrund wachsender geopolitischer Spannungen und einer durch Massen billigen Geldes hervorgerufenen Überbewertungssituation statt, von der besonders die Rentenmärkte betroffen sind. Und genau in diesem Umfeld zündelt die Fed nun bereits seit Monaten mit einer möglichen Zinserhöhung. Soweit die zugegebenermaßen einseitige Darstellung der Situation.

Natürlich gibt es auch positive Aspekte – der Überragende ist schlicht der durch die Finanzielle Repression ausgelöste Anlagenotstand. Wie beschrieben verringert die negative Erwartungshaltung die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten negativer Ereignisse. Denn Marktteilnehmer warten nicht bis zu einem prognostizierten Crash, sondern disponieren bereits im Vorfeld. Daher fehlt bei einer derart miesen Stimmung auch an der wesentlichen Zutat jedes Zusammenbruchs – dem Überraschungsmoment.

Da die fundamentalen Bedenken bestehen bleiben, ist die Crashgefahr – insbesondere an den Rentenmärkten – aber keineswegs gebannt. Jedoch neigen Märkte dazu, maximalen Schmerz bzw. Schaden anzurichten. Das muss schon deshalb so sein, weil die Mehrheit an den Märkten nicht auf Dauer gewinnen kann. Wer würde sonst deren Gewinne bezahlen? Den maximalen Schaden würden die Märkte aktuell anrichten, wenn sie jetzt, da viele sich durchaus rational nachvollziehbar auf einen Einbruch vorbereiten, nicht fallen, sondern sogar noch einmal steigen. Wähnen sich die Marktteilnehmer dann wieder außer Gefahr und kehren zurück, schlägt „Mr. Market“ umso härter zu.

Belastungsprobe

Drei mögliche Termine, dreimal die Chance auf die Bekanntgabe einer erste Zinserhöhung in den USA gibt es in diesem Jahr noch. Anleger sollten sich diese Termine dick in ihren Kalendern markieren, denn am 17. September, am 28. Oktober oder am 16. Dezember dieses Jahres könnte Historisches anstehen.

Sieben Jahre lang gab es in den USA keinen Zinsschritt, seit Dezember 2008 – kurz nach der Insolvenz und dem Zusammenbruch von Lehman Brothers – liegen diese in den USA zwischen 0,00 und 0,25%. Behutsam und doch relativ bestimmt hat Janet Yellen und ihre Kollegen aus dem FOMC (Federal Federal Open Market Committee) der US-Zentralbank nun jedoch seit Monaten die Märkte auf eine erste Zinserhöhung eingestimmt, so deutlich, dass bis in den Sommer hinein eine Anhebung um 0,25% als praktisch unvermeidlich galt.

All dies war jedoch vor der Zuspitzung des Aktiencrashs in China, dem sogenannten „Black Monday“ an den Weltbörsen und dem weiteren ungebremsten Verfall des Ölpreises. Die zuvor für sicher gehaltene Zinserhöhung rückt nun plötzlich wieder in die Ferne. Einige Investoren erwarten für dieses Jahr nun überhaupt keinen Zinsschritt mehr, so unter anderem auch Marc Faber. China ist für ihn in den Augen der Fed die ideale Ausrede, um von der lang angekündigten Normalisierung der Geldpolitik abzuweichen. Wobei von Normalisierung ohnehin nicht die Rede hätte sein können – denn kaum ein Marktbeobachter hätte größere Zinssprünge als das erwartete Viertel-Prozent auf dem Schirm gehabt.

Langfristig wäre es wohl ohnehin nur zu einer symbolischen Zinserhöhung gekommen, so die Denke vieler Investoren. Dies sieht auch Dr. Jan Ehrhardt von der DJE Kapital AG (siehe Smart Investor 9/2015) so, der in diesem Jahr nun nicht mehr mit einer Zinserhöhung rechnet. Sollte diese wider Erwarten dennoch kommen, würde sie mit der klaren Botschaft verkündet werden, dass dies vorerst die letzte Erhöhung sein wird. Und dennoch: Selbst diese Symbolik könnte angesichts der Gesamtgemengelage an den Märkten nun auch nach hinten losgehen. Auch bei den Zinsen könnte also der „maximale Schmerz“ zuschlagen, den die Märke immer wieder für die Anleger bereithalten. Vielleicht auch gerade daher, weil die Fed die „Belastungsprobe“ für die Märkte bewusst ausprobieren möchte – an Märkten, die möglicherweise deutlich weniger stabil sind als es die Notenbanker glauben.

Zu den Märkten

Der DAX befindet sich weiter im Korrekturmodus. Von den Paniktiefs des 25. August konnte er sich bereits um mehr als 1.000 Punkte erholen. So beeindruckend diese Zahl klingt, muss sie doch relativiert werden. Erstens fand diese Bewegung bislang vollständig unterhalb des Ausbruchsniveaus bei ca. 10.650 Punkten statt (vgl. Abb., blaue Linie).

2015-09-09_DAX

Zweitens zeigen die vielen Kursüberlappungen den korrektiven Charakter der Bewegung (vgl. Abb., Kursentwicklung zwischen den grünen Linien) – ein deutlicher Gegensatz zum vorangegangenen impulshaften Abwärtsschub. Solange das Ausbruchsniveau nicht zurückerobert wird, befinden wir uns charttechnisch weiter im Baissemodus.

In Anlehnung an die Dow-Theorie benötigen wir für einen neuen Aufwärtstrend ohnehin steigende Tief- und Hochpunkte. Während ein im Vergleich zum 25. August höheres Tief – nach Abschluss der Korrekturbewegung – durchaus im Rahmen des Wahrscheinlichen liegt, wäre ein solcher höherer Hochpunkt – wiederum nach der Korrekturformation – erst im Bereich von 11.670 Punkten gegeben (vgl. Abb., gelbe Markierung). Zu dieser rund 1.200 Punkte entfernt liegenden Marke ist es also noch ein sehr weiter und äußerst steiniger Weg, den wir uns erst einmal nicht vorstellen können.

Fazit
Märkte diskontieren die Zukunft, aber sie lieben keine Trittbrettfahrer. Deswegen müssen diese erstmal „abgeschüttelt“ werden, bevor die Reise losgehen kann.

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