Mathematisches Teufelszeug

7. Juli 2009 | Kategorie: Kommentare

von Manfred Gburek

Seit Beginn der jetzigen Weltwirtschaftskrise wissen wir, dass die Volkswirtschaftslehre mit ihren Verzweigungen bis zur Geldtheorie und Geldpolitik eine Pseudo-Wissenschaft ist. Handelsblatt-Korrespondent Norbert Häring beklagte neulich in einem lesenswerten Beitrag zur Geldpolitik sogar die „Abwesenheit jeglicher ernsthaften wissenschaftlichen Diskussion“ und schloss mit den goldenen Worten, die Zentralbanken seien „Interessenvertreter der Banken“. Warum mangelt es an der erforderlichen Diskussion? Offenbar, weil die so genannten Wirtschaftswissenschaften l’art pour l’art sind, ja weil ihnen ganz einfach die methodischen Grundlagen fehlen.

Wie kann das sein? Warum dürfen tausende Professoren auf Kosten von Steuerzahlern und Stiftungen Leere lehren? Ich habe mich das schon während des Studiums gefragt, dann aber mit dem Ziel Examen doch versucht, die Theorien von Erich Schneider nachzuvolliehen, dessen am Ende vierbändige „Einführung in die Wirtschaftstheorie“ vor einem halben Jahrhundert zu den Standardwerken gehörte. Ähnlich wie mir muss es später – allerdings von einer höheren Warte aus – August-Wilhelm Scheer gegangen sein, einem praktizierenden Professor (Gründer des Technologieunternehmens IDS Scheer). Er lehrte Investitionsrechnung, ein Fach mit unzähligen finanzmathematischen Modellen, und ließ sich von der Süddeutschen Zeitung kürzlich so zitieren: „Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, so ein Modell in meiner Firma anzuwenden.“

John Kenneth Galbraith, US-Amerikaner schottisch-kanadischer Abstammung mit vielen Stationen als Professor, außerdem Regierungsberater unter Kennedy und Johnson, ist in Deutschland besonders durch sein Buch über den Börsenkrach von  1929/32 bekannt geworden. Weniger bekannt ist, dass er über seine Kritik an den Exzessen der Marktwirtschaft hinaus auch kritische Töne über seine mathematisch orientierten Professorenkollegen losließ, die Fed für überflüssig hielt und an ihrem früheren Chef Alan Greenspan kein gutes Haar ließ. Günter Schmölders, der ebenso wie Galbraith das mathematische Teufelszeug verabscheute und uns Studenten beim Vortragen von Referaten zur freien Rede zwang, brachte sogar das Kunststück fertig, das Thema Geld unterhaltsam abzuhandeln. Galbraith und Schmölders kamen bei den Studenten gut an, während sie bei anderen Professoren zeitlebens als Außenseiter galten. Ähnlich geht es den heutigen Anti-Mathematikern: Ihre Kritiker von der pseudowissenschaftlichen mathematischen Fraktion beschimpfen sie als „post-autistisch“.

Diese und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich am 29. Juni die ZDF-Sendung Wiso verfolgte, die sich aus besonderem Anlass nur mit einem Thema beschäftigte: Wie Kunden den Banken und Sparkassen auf den Leim gehen. Oder anders herum: Wie die Institute mithilfe von viel Mathematik Leimruten auslegen und diese üble Tätigkeit auch noch als Beratung verkaufen, für die sie sich und ihre Mitarbeiter hoch verprovisionieren lassen. Als ich vor einem Jahr mein Buch über die dümmsten Bankersprüche schrieb (www.kopp-verlag.de), ging es mir vor allem darum, Anlegern Hilfe zur Selbsthilfe zu vermitteln und sie vor den schlimmsten Exzessen zu warnen: vor Formeln, unhaltbaren Versprechen, unsäglicher Werbung, vor komplexen Zertifikaten, überflüssigen Fonds und einer angeblichen Beratung, die diesen Namen nicht verdient.

Die Wiso-Sendung erinnerte mich wieder einmal daran, und ich fragte mich, warum als Kronzeuge gegen die Bankenwelt neben dem einen oder anderen Anwalt in erster Linie Arno Gottschalk von der Verbraucherzentrale Bremen fungierte. Bis es mir wie Schuppen von den Augen fiel: Anleger haben keine Lobby. Verbraucherzentralen sind chronisch überlastet und unterfinanziert; ihre Vertreter sind Idealisten mit eingeschränkter Wirkungskraft, weil das Geld fehlt. Und Anwälte, die dem Anlegerschutz dienen, können sich aus dem riesigen Füllhorn an Falschberatung und Kundenbetrug die Fälle aussuchen, die ihnen die größte Aufmerksamkeit der Medien garantieren und auf diese Weise mittelbar zusätzliche lukrative Mandate verschaffen. Normalanleger bleiben auf der Strecke.

Haben sie überhaupt keine Chance, gegen die Geldhäuser anzukommen? Doch, eine einzige: Indem sie zunächst keiner Empfehlung einer Bank oder Sparkasse folgen. Und wenn sie Sachfragen haben, die nur ihr Institut ihnen beantworten kann, etwa zur Rendite von Anleihen, zum Effektivzins von Baukrediten, zur Höhe von Provisionen oder zu den Einsatzmöglichkeiten von Kreditkarten? Dann sollten sie einfach Sachantworten einholen, aber die darauf folgende Entscheidung selbst treffen.

Das ergibt sich aus einer einfachen Überlegung: Banken und Sparkassen müssen Geld verdienen, haben den Kunden aber jahrzehntelang das Gefühl vermittelt, ein Großteil ihrer Leistungen sei gratis. Diese Zeit ging zu Ende, als einige Gewinnquellen versiegten und die Quersubventionierung von einer Sparte zur anderen keinen Sinn mehr machte. In der Folge wurden Angestellte erst vorzeitig aufs Altenteil geschickt und ihre Kollegen dann, als gar nichts mehr ging, gemobbt oder entlassen. In einem solchen Klima konnte natürlich keine Beratungskultur entstehen. Damit war aber das Wort Beratung längst noch nicht aus dem Vokabular der Geldhäuser gestrichen, sondern die Jagd auf Kunden mit dem perversen Argument eröffnet, sie bekämen eine Beratung. Deren Kosten wurden trickreich versteckt; und je mehr Mathematik zum Einsatz kam, desto weniger gelang es den Kunden, das Versteck zu finden.

Womit wir auf Umwegen wieder bei der Pseudo-Wirtschaftswissenschaft angelangt wären. Deren Vertreter, überwiegend beamtete und andere quasi unkündbare Professoren, brauchen nicht um ihren Job zu bangen. Und was ist mit den ausführenden Organen, den Bankern, die ihren Job schon losgeworden sind? Denen geht es offensichtlich gar nicht so schlecht, wie der Auszug aus einem früheren Bericht der Süddeutschen Zeitung zur Vernehmung von Georg Funke, Ex-Chef der Bank Hypo Real Estate, vor einem Berliner Untersuchungsausschuss zeigt: „Funke sorgte mit seinem Auftritt dennoch für Verärgerung bei vielen Abgeordneten, da er während der Sitzung wiederholt lachte und Grimassen schnitt.“ Am 3. Juli kommentierte die SZ eine weitere Ausschusssitzung so: „Ein wenig entsteht mittlerweile der Eindruck, dass alle Beteiligten langsam müde werden.“ Damit haben die für den ganzen Skandal Verantwortlichen ihr Ziel fast erreicht. Bananenrepblik Deutschland. Drei Mal dürfen Sie raten, wie Sie sich am besten vor deren Auswüchsen schützen.
 
Manfre Gburek, 3. Juli 2009

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