Massenschläfrigkeit

4. Januar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Hurra, das leistungslose Einkommen ist da! Wer da sofort an das bedingungslose Grundeinkommen denkt ist schief gewickelt! Denn ausgerechnet am ach so effizienten Finanzmarkt soll der Bürger sein free lunch erhalten…

Es geht doch nichts über eine gesunde Inkonsistenz. In der Finanzbranche gibt es davon reichlich. So sind Märkte angeblich effizient, was niemanden daran hindert alle drei Tage eine Blase zu entdecken. Auch gibt es an den Märkten nichts geschenkt, gleichzeitig aber geht man von langfristig sicheren Renditen in bestimmten Anlageklassen auf. Aber warum sollte man es komplizierter machen als es ist: Liegt nicht nur die Einrichtung eines Dauerauftrags zwischen dem künftigen Anleger und der hohen Rendite? Wenn’s doch nur so einfach wäre …

Nicht einmal auf das was man kauft, muss man noch Acht geben. In den letzten Jahren hat die Euphorie bei den so genannten passiven Anlagen einen Gipfel nach dem anderen erklommen. Nur kurz unterbrochen von einigen Kleinigkeiten und Fragen was so alles mit synthetischen, also Swap-basierten Produkten oder Zertifikaten passieren kann, schritt die Karawane unbeirrt weiter.

Es gibt einen guten Grund, der für den Erwerb passiver Produkte spricht. Die niedrigen Kosten. Auf diese sollte aber jeder Fondskäufer und Kunde einer Vermögensverwaltung ohnehin achten. Es genügen, wie eigentlich fast immer im Leben, ein Zettel und ein Bleistift, um auszurechnen, wie schädlich sich ein Prozentpunkt höherere Gebühren über einen längeren Zeitraum auf eine Anlage auswirken. Wer bei den Gebühren sparen kann, der sollte das tun.

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Dennoch spricht gerade die aktuelle Phase, in der immer mehr Menschen nur passiv investieren wollen oder dahin gedrängt werden, für künftig immer bessere Chancen für aktive Manager. Wenn jemand, weil er passiv investiert, die Commerzbank Aktie in seinem Fonds von 300 Euro auf 7 Euro herunterbegleitet, nur weil sie dessen Vergleichsindex enthalten ist, dann darf man schon ins Grübeln kommen. Wenn dies immer mehr Leute tun, dann ergeben sich Chancen für die, die es anders sehen.

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Aktives Investieren ist vor allem durch viele angebotene Produkte in Verruf geraten, die zwar Gebühren verlangen wie ein echter aktiver Fonds, sich jedoch lediglich bei der Auswahl der Wertpapiere darauf beschränken die sprichwörtlichen 3 Telekom-Aktien mehr und 4 Siemens-Papiere weniger als der DAX zu halten. Diesen Blödsinn kann sich der Anleger getrost sparen.

Es ist wenig erstaunlich, wenn die Branche es offenbar zu vermeiden versucht, eine interessante Kennzahl wie das active share aus den Medien herauszuhalten. Diese Kennzahl zeigt an, wie stark ein Fonds von seinem Vergleichsindex abweicht. Generell ist, so scheint es jedenfalls, aber für viele Anleger die Beschäftigung mit Anlageprodukten meist uninteressant. Das Interesse sinkt erstaunlicherweise mit der geplanten Dauer und Bedeuttung einer Anlage. Die Entscheidung für die nächsten 30 Jahre möchten viele so schnell hinter sich bringen wie den Zahnarztbesuch. Anders ist es nicht zu erklären, welche Fonds sich am Markt halten können und wie viele Milliarden in den Gebührentöpfen der Anbieter landen.

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Haben Sie verstanden, warum Gebühren für aktive Aktienfonds höher sind als für aktive Rentenfonds, obwohl angesicht der desolaten Liquidität ein Rentenfonds in der Regel nicht einfacher sondern viel schwieriger zu steuern ist? Als Ausrede muss dann die höhere mögliche Rendite einer Aktienanlage herhalten, was offenbar viele Anleger klaglos schlucken. Das ist eine überaus blödsinnige Begründung. Eine zum Aufwand invers verlaufende Gebührenstruktur ist bizarr. Es ist so, als würde man zusätzlich zu den separat berechneten Materialkosten für das Einschrauben einer 100-Watt Glühlampe mehr Geld verlangen als für das Einschrauben von 2 Glühlampen mit 25 Watt, weil die eine Lampe schließlich heller leuchtet. Absurd? Ja, aber in der Finanzbranche real.

Wie bei Rohstoffprodukten ist aber nicht nur der Anbieter an der Enttäuschung manches Anlegers schuld. Oft kauft der Kunde irgendetwas, ohne genau zu schauen, was genau er da eigentlich erwirbt. Viele Käufer von Rohstoff-ETFs etwa haben sich noch nie die Terminkurven der Rohstoffe angeschaut, wettern dann aber bei einer im Vergleich zum Rohstoff-Spotpreis trostlosen Entwicklung ihres Fonds.

Auch bei passiven Ansätzen muss man aktiv eine Auswahl treffen. Dabei sollte man einfache Alternativen, die von den Großanbietern genre belächelt oder ignoriert werden, nicht außer acht lassen. Selbst einfachste Momentum-Ansätze können passive Anlagen langfristig auch nach Gebühren schlagen und manch negative Entwicklung abmildern. Für welchen Ansatz sie sich auch entscheiden, bleiben Sie dabei.

Wer zyklische Schwankungen aussitzen will und einen Value Ansatz verfolgt, der darf nicht bei Kursverlusten auf die Trendfolge wechseln und wenn die in der Konsolidierung verliert auf das nächste Pferd springen. Von ihrem Ansatz müssen Sie überzeugt sein, nicht ihr Bankverkäufer. Und wenn Sie schon so schön mit Kaffee und ohne Kekse zusammensitzen, dann lassen Sie sich doch einfach sämtliche Gebühren vor dem Abschluss auf einem separaten Zettel vorrechnen. Der übliche Hinweis, das könne man vorher nicht so genau sagen, lässt sich leicht mit dem Wunsch, in diesem Fall einfach das mögliche Maximum heranzuziehen, kontern. Wenn der Verkäufer das nicht will oder kann, gehen sie einfach zu einem anderen. An Bereitschaft mag es mangeln, an Verkäufern nicht.

P.S.: Unterschreiben Sie immer erst am nächsten Tag.

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