Marmelade a go go… Investieren in sich selbst

11. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

(von Frank Meyer) Krisenvorsorge ist modern geworden. Das nehme ich ernst, obwohl ich davon keine Ahnung habe. Vielleicht bin ich ja nur neugierig. Als alter Botaniker ist mir in der Natur ohnehin nichts heilig. Und so stöbert man da, was man früher mal gelernt hat, um es Gewinn-bringend und zeitraubend in die Tat umzusetzen und lernt nebenbei etwas über „Wertschätzung“. Oder wann haben Sie denn das letzte Mal Hagebuttenmarmelade gekocht? Sehen Sie?

Ja, ich lebe seit zwei Jahren wieder auf dem Land, in einer dörflichen Stadt, obwohl das richtige Stadtleben doch unglaubliche Vorteile hatte. Es ist so schön schmutzig, laut und nachts auch noch hell. Es ist so viel los, da stört die Ruhe nur. Diesen so köstlichen Flugzeuglärm über Frankfurt gibt es in keiner anderen Metropole Deutschlands. Hier auf dem Land werden die Bürgersteige zeitig hoch geklappt. Die Stadtleute hätten Angst vor diesem vielen Grün, was ja auch so eintönig ist und von daher verständlich erscheint.

Ich kenne hier die Pflanzen und weiß, was man aus ihnen machen kann, wenn es die Zeit zulässt. Erstaunlich! Der Nachbar weiß von allem nichts und sagt: „Gibt`s im Supermarkt!“ Welch Vorteil für mich! Hier ein paar geklaute Äpfel, dort ein paar abgerissene Kräuter. Drüben auf dem Feld werden gerade Zwiebeln geerntet. Nur die Größten davon landen im Laden. Die Kleineren bleiben auf dem Feld liegen, schmecken aber genauso gut wie die für 1,99 Euro das Kilo im Supermarkt.

Wo es das alles gibt? Vor der Tür. Aber das weiß selbst hier niemand auf dem Land. Überflüssiger „Abfall“ bleibt auf dem Acker liegen. Kartoffeln, Kohlrabi, Bohnen, Kürbisse… Die Ausschüsse aus den Sortiermaschinen der ansässigen Zwiebelbauern werden hängerweise an einer offenbar nur mir bekannten Stelle verkippt, um dann von der Natur zersetzt zu werden. Ich kann schweigen.

Ausschussware und Abfall… Nur das Beste wird geerntet und vermarktet. Das ist heute Ausdruck des modernen Konsums. Die Überschüsse an Waren sind so groß, dass es eines großen finanziellen Aufwands über Werbung bedarf, um noch mehr Interesse und noch größere Aufmerksamkeit für zusätzliche Umsätze zu erzeugen. Es gibt einfach zu viel. Sonst wäre ja die Werbung längst überflüssig geworden.

Und so sehen wir glückliche Menschen und intakte Familien auf der Suche nach dem Weekend-Feeling, wenn sie auf der Couch die neueste Joghurt-Kreation in sich hinein löffeln. Sich reich kaufen, sich besser fühlen. Geben Sie dem Kaufzwang nach, so ein Plakat von heute in Darmstadts Zentrum. Der Bedarf an Überfluss lässt auf eine chronische Unterversorgung vom Essentiellen schließen. Wie? 20 Uhr und nur noch die Auswahl von 15 statt 35 Brotsorten? Ich werde mich beschweren!

Und dennoch greift man in der Werbung auf gute alte Zeiten zurück, auf Großmütter mit Schürze und Kochlöffel – als aus den Küchen noch mehr kam als aufgetaute Tiefkühlkost bzw. zeitsparendes Convinience Food. Hand-made in Germany – oder hausgemacht (in Deutschland). Dabei hat nie eine einzige Hand eingegriffen oder gar etwas bewegt – sondern nur die Maschinen. Aber das verkauft sich besser.

Ja, es ist erstaunlich, mit welchen Blicken man bedacht wird, wenn man an einem Feldrain die Holunderbeeren oder Hagebutten pflückt. Jogger oder Radsportler schauen mitleidsvoll zu und die jungen Leute halten einen für einen Alien, obwohl man erst später so aussieht, denn…

Holunderbeeren als auch Hagebutten sind eine richtige Sauerei. Holunderbeeren lieben die Farbe lila und besonders aber mein T-Shirt. Und beim Entbeeren genießen sie es auch, sich an die anderen Dinge in der Küche und vor allem am Fußboden fest zu kleben. Von den lila Händen, die mich wirklich als Alien identifizieren könnten, ganz abgesehen. Nach dem Sammeln von Hagebutten hilft nicht mal Frau Tilly mit ihrem Palmolive. Und dann?

Wenn man schon mal den Eimer voller Früchte hat, und damit unbeschadet zu Hause angekommen ist, sollte man sich für den restlichen Tag nichts weiter vornehmen. Man kann das alles natürlich ganz kompliziert anstellen, die Holunderbeeren einzeln abpflücken. Das machen aber nur die „Stadtmenschen“.

Am besten, man zieht sie mit einer Gabel ab oder wäscht sie zwischen den Händen unter Wasser vom Stiel trennen, sollten Sie das versuchen sollen. Ab in den Topf, aufgekocht, abgeseit und den Saft dann in Flaschen gefüllt. Mit Schweiß auf der Stirn und ein paar ungeschickten Handbewegungen ist die Küche dann sanierungsbedürftig. Aber das war es wert – diese Investition in sich selbst und für die Speisekammer.

Man kann auch Gelee kochen und mischt Apfelsaft unter, frisch aus der Zentrifuge. Das gibt es nicht zu kaufen, aber damit kann man gut angeben – gegenüber sich oder auch seinen Freunden. Erwarten Sie nicht zuviel. Kaum jemand wird den Aufwand für das Herstellen eines Glases Holundergelee einschätzen können. Wie sollten sie das auch?

Die nächste Verrücktheit ist die Suche nach passenden Gläsern zur Aufbewahrung. Ich habe welche für 1,29 Euro das Stück gefunden. Ein Glas mit Marmelade kostet im Supermarkt nur 89 Cents. Wozu sich eigentlich die Mühe machen? Es ist vollkommen ineffektiv. Ein Glas mit eingelegten Bohnen gibt es für 89 Cents. Ich hätte ja zehn Gläser Bohnen kaufen können, deren Inhalt in der Toilette entsorgen – und mich dann westlich preisbewusster ans Werk machen können, statt für ein Glas mit 350 Millilitern 1,29 Euro zu bezahlen. Das ist Marktwirtschaft. Sie hält die Leute davon ab, das richtige zu tun. Manche Einmachgläser kosten gar 3,50 Euro oder sieben Mark.

Ein gedankenverlorener Gang durch das Meer der Marmeladenauswahl hätte es auch getan. Aber ich wollte etwas verstehen. Über die Preise wird das verständlich – und auch über deren Zerrbilder.

Neulich hatte ich mich wieder mal gewundert, warum so viele Leute ihre Kreationen auf Facebook einstellen. Ist es mangelnde Aufmerksamkeit? Keine Freunde? Beides? Jede Torte, und jeder selbst gemachter Snack wird dort eingestellt. Die Rezepte gibt es auf Anfrage und ein „Gefällt mir“ – meist von Leuten, die das gerne selbst machen würden, wenn sie Zeit hätten, Ideen und sich Mühe machen würden.

Wo gibt es heute Marmelade mit Holunder, Zitronenschale und Zimt? Nicht mal bei der „Feinen Welt“ von REWE oder dem Laden, der längst pleite gegangen ist und Arcandor hieß – und, welch Heiterkeit, mit „Create to share Value“ warb. Das kann man selber, Value kreieren – sofern man mag und kann.

Lohnt sich das? Macht es die Welt besser? Ja! Für einen Moment. Der Tag hat 24 Stunden, um diese Welt besser zu machen – zum Beispiel für mich. Je mehr man Zeit und Kraft investiert, desto wertvoller wird das Produkt. Es hat etwas mit Wertschätzung zu tun – einen Wert schätzen zu können.

Am Ende eines Tages mit einem lila T-Shirt, Schweiß auf der Stirn und einer Küche, deren Urzustand sich nur mühevoll wieder herstellen lässt, merkt man, was Werschätzung bedeutet – das schätzen bzw. fühlen eines Wertes. Deshalb ist heute das meiste billig und auch oft wertlos.


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7 Kommentare auf "Marmelade a go go… Investieren in sich selbst"

  1. notme sagt:

    Eine gute Idee Holundermarmelade mit Zitronenschale und Zimt und Feldfrüchte direkt vom Acker. Bei uns gibts aber nur noch Energiemais – quadratkilometerweise. Und eine Biogasanlage frisst auch kleinste Reste … da bleibt für uns nichts übrig. Vielleicht wachsen ja bald um die neuen Windräder im Wald Holunderhecken …

  2. Austrian sagt:

    :-))

    Kennen Sie noch dieses kleine gemalte Büchlein aus der Kindheit, wo ein Bauernhäuschen mit Entlein und Teichlein und alles grün rundherum langsam aber sicher, Seite für Seite, mit Strassen, Kaufhäusern und Parkhäusern und Autobahnen zugebaut wird?

    Was haben Sie da gefühlt?

  3. topperhopper sagt:

    Manchmal wünsche ich mir, dass dieses degenerierte Konsum- und Überflußsystem in sich zusammenfällt. Leider zieht so ein Zusammenbruch auch viel Leid bei vielen Menschen nach sich…womit mein Wunsch dann etwas schal wird.

    Schlimm ist darüber hinaus, dass es so weiter gehen wird solange wir einem dauernden Wachstumszwang unterliegen und nichts an den Ursachen ändern.

    VG

  4. EuroTanic sagt:

    Ich wohne in einer kleineren Stadt mit ca 15tsd Einwohnern. Selbst da wird man als „Selbstversorger“ bestenfalls belächelt. Auf dem Gelände unserer Mehrfamilienwohnungen stehen Apfelbäume, die gut tragen. Die werden von den vorbeigehenden Bewohnern der Anlage aber ignoriert, auf dem Weg in den Supermarkt, wo es dann topmodische, einzelophierte Äpfel aus Neuseeland zu kaufen gibt. Ein Jammer.
    Die Menschen denken, ich würde meine Lebenszeit mit der Arbeit zum Einkochen verbringen, oder dem Anbau und Sammeln von Gemüse und Obst in meinem Schrebergarten. Aber meine Pflanzen wachsen so gut wie von alleine, dank mulchen. Und während ich meine frischen Bohnen und Äpfel pfücke, stehen die anderen an der Kasse für 3 Scheiben Käse, und 6 Äpfel Schlange, oder sind noch auf der Parkplatzsuche. Ich sonne mich derweil im Grünen. LOL

  5. Birgit Tersteegen sagt:

    ….sehr bildlich,Frank…ich konnte es mir guuut vorstellen mit lila Händen und dickem roten Fleck auf dem T-Shirt…

    In meinem Tagungshaus sind bei unseren Gästen -meist „Städter“-die selbstgemachten Marmeladen (u.a. die Holunderbeeren + Apfelsaft,die zum Gelee werden)der Renner….Gute Zutaten,die Aufmerksamkeit während des Herstellens und die ZEIT,die verwandt wurden ,lassen es zu etwas mit WERT werden!

    Und ich selbst geniesse das Brotbachken in immer neuen Variationen und das Erfinden passender Aufstriche dazu…ist ein bisschen meditativ und ein super Ausgleich zu Therapie + Börse..–und wer weiss,vielleicht irgendwann ein „must can“ wieder…nette Grüße…
    PS .“Gläser und Flaschen“,Berlin ist eine Adresse für das passende Equipment…

    • Stauffaberger sagt:

      Genauso ist es!

      Ich erlebe es auch immer wieder, wenn ich mit etwas selbstgemachtem als Gastgeschenk irgendwo hinkomme, dass die Leute erstaunt sind, dass es im Beruf stehende Menschen (sollte ich „Professional“ schreiben“) gibt, die auch noch was selber machen.

      Frank Meyer beschreibt das so koestlich, ich kann das richtig gut nachvollziehen.

      Besonders das mit den mitleidigen Blicken der Jogger und Spaziergaenger, wenn man Kraeuter oder Beeren in der Natur sammelt. Ich denke dann immer daran, dass ich vermutlich das drei- bis vierfache der meisten dieser Wichtigtuer verdiene und fett was auf der hohen Kante habe, ohne es wirklich zu brauchen, weil ich mit einem Bruchteil dessen auskomme, was ich verdiene.

      Wie Sie richtig sagen, dieses selbermachen hat was meditatives und es ist ein tolles Gefuehl, etwas selbstgemachtes zu geniessen.

      Zum Glueck denkt meine Frau genauso – dies schliesst dann aber nicht aus, dass wir uns oefters auch etwas schoenes goennen. Nur brauchen wir es nicht, um gluecklich zu sein.

      Diese Unabhaenigkeit ist fuer mich der wahre Luxus.

  6. tizian sagt:

    Und ich dachte schon, ich wäre der Einzige?
    Jau, so eine selbsteingemachte Aprikosenmarmelade aus 100% vollreifen Früchten (die gelieren von selbst) auf einem gut gebutterten Toast oder Brötchen. Zum Kaffee.
    Schmeckt unerhört gut…

    ..na, wenn das die Jogger und Radler wüssten!

    Noch besser: Erdbeeren aus eigenem Garten, Gelierzucker, halbe Stange Bourbon Vanille pro Glas und: eine Hand frische, grüne, gehackte Pistazien pro Glas.
    Das ist dermaßen Suchtbildend…aber es macht halt Arbeit!

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