Manipulierte Zinsen

17. November 2013 | Kategorie: Gäste

von Prof. Thorsten Polleit

Dass die Kapitalmarktzinsen international auf Tiefständen verharren, kommt nicht von ungefähr: Die Zentralbanken manipulieren die Zinssätze künstlich herunter…

Das geschieht zum einen dadurch, dass sie die kurzfristigen Leitzinsen auf nahe null Prozent abgesenkt haben. Durch die „Zinsarbitrage“ werden auch die längerfristigen Zinssätze mit nach unten gezogen. Zum anderen kaufen die Zentralbanken mittlerweile auch Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten. Die zusätzliche Nachfrage nach diesen Papieren hebt deren Kurse an und senkt die Renditen herab.

Durch die Politik der tiefen Zinsen sollen, so die allgemeine Interpretation, Wachstum und Beschäftigung angeschoben werden. Das eigentliche Ziel dieser Politik ist jedoch, die Refinanzierungskosten strauchelnder Staaten und Banken zu verbilligen und deren Zahlungsunfähigkeit abzuwenden. Die Maßnahmen werden der Öffentlichkeit als „Rettungspolitiken“ verkauft und finden weitgehend Zustimmung – allein schon deswegen, weil Staats- und Bankpleiten, die ansonsten drohen, nicht gewollt sind.

Allerdings scheint es, dass dabei die schädlichen Nebenwirkungen der Zinsmanipulation weitgehend übersehen werden. Um diese Schäden zu erkennen, muss man sich zunächst die volkswirtschaftliche Bedeutung des Zinses vor Augen führen.

Zur Natur des Zinses

Heutzutage wird der Zins meist als politisches „Steuerungsinstrument“ gesehen, das je nach wirtschaftspolitischem Bedarfsfall beliebig zu verändern ist. Ein niedriger Zins wird dabei als förderlich für die Wirtschaft gesehen, ein hoher Zins als hinderlich. Folglich solle die Zentralbank den Zins so tief wie möglich setzen, um Produktion und Beschäftigung zu fördern. Das sei vor allem in einer Rezession nötig, denn nur so kann die Wirtschaft aus dem Tal geführt werden.

Ökonomisch betrachtet ist der Zins jedoch keine lästige Kostenhürde, die ein Hindernis auf dem Weg zur Prosperität ist. Diese Sichtweise ist falsch; sie atmet die Ideologie der weit verbreiteten „Zinsfeindschaft“. Der Zins ist vielmehr Ausdruck einer ökonomischen Gesetzmäßigkeit: dass nämlich die Befriedigung gegenwärtiger Bedürfnisse höher (wert)geschätzt wird als die künftiger Bedürfnisse. Der Zins ist Ausdruck der sogenannten „Zeitpräferenz“ der Menschen; er ist eine nicht wegzudenkende Kategorie des menschlichen Handelns.

Je niedriger die Zeitpräferenz der Marktakteure ist, desto mehr wird aus laufendem Einkommen gespart und kann produktiven Zwecken zugänglich gemacht werden. Am freien Markt bildet sich dabei der Zins aus dem Zusammenspiel des Sparmittelangebots (also dem Teil der laufenden Einkommen, der nicht konsumiert wird) mit der Nachfrage nach Sparmitteln für Investitionszwecke. Je höher zum Beispiel die Ersparnis bei gegebener Investitionsnachfrage ausfällt, desto niedriger ist der Zins.

Der Zins ist ein unverzichtbarer Kompass. Er macht eine zukunftsgewandte kapitalintensive Produktionsweise – der Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk (1850 – 1914) sprach in diesem Zusammenhang von „Umwegproduktion“ – überhaupt erst möglich. Mit quasi unsichtbarer Hand leitet der Zins den Aufbau des Kapitalstocks, und letzterer ist es, der die Produktivität und damit Realeinkommen und Wohlstand im Zeitablauf ansteigen lässt.

Aufgrund der unüberwindbaren Knappheit, der sich der handelnde Mensch ausgesetzt sieht, können nun einmal nicht alle wünschenswerten Investitionen durchgeführt werden. Der Zins stellt sicher, dass die drängendsten Investitionsprojekte realisiert werden, und dass gleichzeitig nur solche Projekte angegangen werden, für deren Realisierung auch genügend Ressourcen verfügbar sind… (Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Manipulierte Zinsen"

  1. Adam Smith sagt:

    Sehr Gut,
    mal wieder eine Stimme zu lesen, die die wirtschaftlichen „Naturgesetze“ aufzeigt.

    ABER: was ist, wenn wir nicht in einer freien Wirtschaft leben, wenn also der Markt mit Störungen durchzogen wird, wenn der Wettbewerb nur noch zwischen Taxlern (Ken Galbraith in den 70ern) stattfindet? Ein persönliches Beispiel bringt mich zur Überlegung des second best: vielleicht werden hierdurch im Bereich der Marktstörungen doch sinnvolle Investitionen losgetreten … und der Bereich der Marktstörungen wächst in einer stagnierenden Wirtschaft (70er: stagflation bei deficit spending) rasant an. Die sicheren Positionen, die zur Verkrustung der Märkte führen, werden erst bei Wachstum wieder aufgebrochen!

    Mein persönliches Beispiel: seit Ausbruch der Krise habe ich 5 von 6 Heizungsanlagen in Vermietungsobjekten erneuert einschließlich Neubau von Solarthermieanlagen. Eigentlich ein Projekt, das keinen wirklichen Anreiz hat, da die Nebenkosten kein Entscheidungsgrund für Mieter ist. Dieser Markt hat mit die stärksten politisch induzierten Marktstörungen. Dennoch ist das Projekt ökologisch und ökonomisch sinnvoll: 30 % weniger Heizkosten und das Auftragsvolumen weit über 100 t€.
    Ohne die sensationell niedrigen Zinsen unter 2% hätte ich es nicht in Angriff genommen. Und jetzt kommt der Clou: sehr viele handeln wie ich: die letzte Modernisierung wurde in 10/2012 beauftragt, die Ausführung erfolgt ab der ersten Dezemberwoche. Der Klempner hat einen Auftragsvorlauf von 13 Monaten!!! Bei den Elektrikern das gleiche: Auftrag im Mai erteilt, letzte Woche Arbeitsbeginn. Hoffentlich regeln die Herren Handwerker das Knappheitsproblem nicht marktwirtschaftlich!

    Ihr Adam Smith

    • Michael sagt:

      Auf einer anderen Ebene sieht man selbst an ihrem Beispiel die Wirkung.

      Zerstörung des Angebots von günstigem Wohnraum durch die öffentl. Hand. In einem Satz gesagt was passiert ist. Lange lebe der Sozialismus. Es ist ja nicht jeder Vermieter potentiell ein Verbrecher … das wird gerne vergessen. Heute vermietet privat keiner mehr, der die Wahl hat. Unser Haus stammt aus 1905. Die Geschichte der Republik in Österreich hat sich das Haus mitgemacht. Ich kann auf jeden Fall und nicht nur auf Basis von unserm Haus die Vernichtung des Wohnraums bestätigen. Jeder, ich vermute in .de ist es nicht anderes, der sich über teuren Wohnraum beschwert, der möge sich an die Verwaltung der Öffentl. wenden.

      Reaktion der Handwerker. Das ist der Boom. Wenn der Markt wirklich reagieren würde, dann blühten immer mehr Handwerksunternehmen auf. Das passiert allein nicht mehr, da der Boom kurzlebiger ist.

      Ich lasse meine Schuhe beim Schuster machen. Das kommt auf Dauer am günstigsten, halten am längsten. Vor 20 Jahren ging meine Mutter (lernte Schuhverkäuferin in den 50ern, das Fachwissen ist unbeschreiblich) und fand noch den ein oder anderen noch guten Schuh. Heute ist das alles Müll. Genauso wie der Rest den wir kaufen. Es gibt ganz selten wirklich noch gute Produkte. Das ist ganz bestimmt, dem von Herrn Polleit beschriebenen günstigen Geld zuzuschreiben. Heute ist Reparatur BIP und sogar Sustain, da das Klumpert regelmäßig hin wird. Serviceindustrie ist ja nichts anderes als das Betreuen von qualitativ niederwertigen Produkten – Finanzdienstleistung z. B., IT Services, Reparaturservices,… wie bei den Autos zu guten Zeit zu denen die Hersteller ihre Serviceinfrastruktur hoch leben ließen. Ein Auto in der Cloud gibt es halt noch nicht :). Aber möglw. fahren bald in Kalifornien unbemannte Elektroautos planlos herum, damit die Autoindustrie als Aushängeschild der U.S. weiter kann subventioniert werden.

      Allein bei den Abflüssen sind schon solche Böcke in den Häusern eingebaut, bei den Neuen, dass man große Teile der Miete für die Reparatur muss bereitstellen, aber dann sind Mieter und Möbel drinnen. Das ist Erfahrung aus erster Hand von den Handwerken – leichte Montage ist immer leicht – bezogen auf den Abfluss (Hauptstrang und Nebenstränge). Fast in jedem Eck bei neuen Bauten in allen Gebieten- Wegwerfhäuser – die gehören nach 20 Jahren generalsaniert. Unser Haus 1905 gebaut hat nach 60 Jahren, trotz Bombenkrater im Hof, erstmals saniert werden ‚müssen‘, aber nach 2 Großbaustellen, links und rechts von unserem Grundstück, mittlerweile 3mal in 20 Jahren.

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