Auf unerforschtem Gebiet

29. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

November und Dezember sind traditionell die beiden Monate mit den meisten Börsenprognosen. Also begab ich mich auf die Suche und landete beim Dollar, weil die Vorhersagen zu ihm besonders auseinander gingen. Erst habe ich vernommen, dass die DZ Bank das Verhältnis Dollar zu Euro bis Ende 2016 bei 1,04 erwartet, also recht nahe am aktuellen Stand. Dann staunte ich über den Mut von Goldman Sachs: 0,95. Und erst recht über den der Deutschen Bank: 0,90.

Dieses Ergebnis machte mich neugierig auf die übrigen Deutsche Bank-Prognosen. Die jedoch fallen im Großen und Ganzen moderater aus: Dax 11.700 Punkte, Rendite zehnjähriger Bundesanleihen 1,0 Prozent, die der zehnjährigen amerikanischen Treasuries 2,25 Prozent, Rohölpreis der Sorte Brent 59 Dollar je Barrel (159 Liter), Gold 1085 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm, die international übliche Maßeinheit). Im Großen und Ganzen, das bedeutet jedoch nicht im Detail. Um nur zwei Beispiele herauszugreifen: Wertet der Euro, wie von der Deutschen Bank prognostiziert, von derzeit zirka 1,06 bis Ende 2016 auf 0,90 Dollar ab, sind das 15 Prozent Miese. Oder auf die Preise von Öl und Gold bezogen: Sie steigen in Euro entsprechend viel höher.

Letzteres liegt primär an der extrem lockeren Geldpolitik der EZB. Was uns zu einigen Thesen der Deutschbanker bringt: Wechselkurse als Performancetreiber, Sorgen um Europa, Ruhe in den USA, Geldpolitik der Notenbanker auf unerforschtem Gebiet, viel Ärger um wenig Anleihenrendite, weiter hohe Aktienbewertungen, Rohstoffe im Schatten von Dollar und Angebot – „und zu Risken fragen Sie den Notenbanker Ihres Vertrauens“. Dieser Tipp passt natürlich gut zur These, dass Notenbanker jetzt auf unerforschtem Gebiet tätig sind.

Was lernen wir daraus? Eine ganze Menge. Das hat gerade Thomas Mayer, Vordenker der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch, in einem Interview für die Internetseite finanzen.net zusammengetragen. Deshalb folgen hier einige seiner Thesen:

„In einem Umfeld, in dem die Zentralbanken Geld drucken, um Staatsanleihen zu kaufen, gibt es keine wirklichen Anreize für Staaten, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen. Wenn jetzt die Inflation unkontrollierbar zurückkommt, weil der technische Fortschritt möglicherweise nicht mehr so produktivitätssteigernd ist oder weil die Rohstoffpreise (siehe oben) wieder steigen und die Arbeitsmärkte weniger flexibel werden, dann stehen die Zentralbanken ziemlich machtlos da.“

Mayer schließt sein Interview mit interessanten Anmerkungen zum Gold:

„Ich betrachte Gold als Versicherung für den Fall des Zusammenbruchs unseres Geldsystems. Es sieht so aus, als gäbe es ein Wunder der kostenlosen Staatsfinanzierung. Das kann aber natürlich auf Dauer nicht gut gehen. Sobald die Inflation wieder steigt, werden sich die Anleger an Gold erinnern.“

Misstrauen in die sogenannten Papierwährungen kann man ebenso wenig messen wie Vertrauen in Gold. Beide stauen sich auf, ohne dass dieser Vorgang zunächst auf irgendeiner Kurstafel oder Internetseite sichtbar wird. Werten Währungen wie der Dollar – oder wie zuletzt in geringerem Umfang der Euro – gegen Gold auf, handelt es sich jeweils um zyklische Bewegungen, die möglicherweise durch Vertrauen oder Misstrauen in homöopathischen Dosen ausgelöst werden, aber mehr nicht. Erst wenn das Vertrauen umfangreich in Misstrauen übergeht, kippt ein Trend.

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Das kann sukzessive oder abrupt geschehen. Beispiele für beide Varianten liefert besonders der Goldpreis. Bis er 1970 zu steigen begann, waren viele Jahre vergangen, in denen der sogenannte Goldpool der Zentralbanken ihn bei 35 Dollar aufzuhalten versuchte – vergeblich, wie wir wissen. Anders 1999/2001: erst abrupter Anstieg an nur zwei Tagen Ende September 1999, danach eineinhalb Jahre leichter Rückgang, schließlich vom Frühjahr 2001 bis zum Sommer 2011 Anstieg um das Siebenfache. Und danach bis heute? Noch streiten sich die sukzessive und die abrupte Variante um die Vorherrschaft. Doch je länger der Goldpreis auf dem jetzigen Niveau verharrt, desto abrupter wird die Wende nach oben sein.

Die hier und in meinen anderen Kolumnen immer wieder angemahnte Geduld mit Gold wird sich auszahlen. Das lange Warten ist gewiss nicht angenehm, zumal gleichzeitig die Aktienkurse und Immobilienpreise steigen. Aber eine bessere Versicherung gegen den Zusammenbruch des Geldsystem gibt es nicht, und der wird nun mal kommen, sukzessive oder abrupt.
Manfred Gburek – Homepage

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