2012: Mallorca – wie es sinkt und kracht

22. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Alle Jahr wieder… Urlaubsbeginn auf Mallorca – auf einer Insel in Schwierigkeiten – zumindest rein wirtschaftlich gesehen – mit leichten Unterbrechungen in der Dynamik. Mallorca bietet nicht nur Sonne und gutes Essen, sondern auch Anschauungsunterricht über die Folgen eines Booms, der schon 2008 endete. Vielleicht macht der Teufel auf der Insel Urlaub? Es ist so heißt hier…

Der Urlaub beginnt schon im Ferienflieger. Die Sitze waren gut gebucht. Deutschland geht es (noch) gut. Ob der frühere Bahnchef und jetzige Air Berlin-Chef jemals in ein Brötchen seiner Airline gebissen hat? Freundlich serviert und kundennah geworfen von immer freundlichen, aber immer schlechter bezahlten Flugbegleitern? Vermutlich nicht, denn dann wüsste er, dass dieses Element aus Gummi oder aus was auch immer, mindestes fünf Tage den Magen blockiert und sich für eine Crash-Diät bestens eignet.

Apropos Crash… Ich bin wieder hier… Nicht dass die Lage der Insel mit mir etwas zu tun hat. Ich bin bloß neugierig. Hier schreitet eine überfällige Bereinigung voran, trotz aller staatlichen Eingriffe und der sinnlosen Versuchen der Gesundbetung der Lage aus der Presseabteilung zur Erhöhung des Wohlgefühls.

Auch die Natur ist wieder ein Stückchen vorangekommen und hat sich neue Plätze zurück erobert. Aber man lässt sie noch nicht richtig. Notenbanken, Regierungen, Inselräte und Experten stemmen sich gegen die Bereinigung, in der sich Schulden mit Guthaben auslöschen möchten. Mallorca hat in dieser Hinsicht schon viele Erfahrungen in der Geschichte aufzuweisen. Im Mittelalter kam es dreimal zu Bauernaufständen, die blutig nieder geschlagen wurden. Heute sind es nur ein paar „Politisch Motivierte“, die gegen die Sparpolitik der Regierung protestieren. So bezeichnet die Zeitung die Demonstranten. Politisch Motivierte…

Desaströse Zahlen

Spaniens Wirtschaft macht gerade eine Bauchlandung. Die Schulden sind im ersten Quartal 2012 um weitere 40 auf 775 Milliarden Euro gestiegen oder auf 72 Prozent der Wirtschaftsleistung. Fast neun Prozent der 1,75 Billionen (Billionen!) Euro an Krediten bei Banken sind in Verzug – umgerechnet 153 Milliarden Euro. Da die Immobilienpreise binnen eines Jahres um 11 Prozent gesunken sind, wird sich die Ausfallrate weiter erhöhen. Ein spanisches Häuschen? Die gibt’s es jetzt im Schnitt um ein Drittel billiger als zu besten Zeiten. Auf den Balearen sanken die Preise um sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Index fiel von 1864 auf 1441 Punkte seit dem Jahr 2008, also um 23 Prozent. Jetzt zugreifen? Warten Sie noch!

Kapitalflucht

Das Top-Thema auf der Insel ist die Kapitalflucht – trotz aller hübschen Plakate in den Bankfilialen mit glücklichen Menschen und lachenden Gesichtern. Spanier bringen ihr Geld in Sicherheit, sagen Freunde beim Abendessen. Die abgezogenen Gelder aus Spanien tauchen in den Target2-Salden der Bundesbank wieder auf. Der spanische Saldo liegt bei -345 Milliarden Euro. Dazu muss man wissen, dass es in Spanien gar nicht so einfach ist, sein Geld von der Bank zu holen bzw. an die Einlagen zu kommen.

Wie konnte es zu all dem kommen?

Falsche Anreize für Kredite? Falsche Politik? Falsche Führung? Falsche Strategie oder eine Mischung aus allem? Vermutlich. Zu niedrige Zinsen haben aus Mallorca eine Blase gemacht, Überkapazitäten geschaffen und Verwerfungen produziert. Die EZB trug mit ihrer Einheits-Zinspolitik entscheidend zu den jetzigen Schwierigkeiten bei. Und irgendwann endet das, ohne dass sich die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft ziehen lassen müssen.

Mallorca unterm Schirm

Inzwischen sind den spanischen Banken 100 Milliarden Euro aus irgend einem dieser Rettungsmonster zugesagt worden. Für Einheimische werden keine Schirme gespannt. Sie spannen höchstens Regenschirme auf, aber es regnet wenig im Sommer. Man muss genauer hinsehen. Und dann erkennt man, dass diese Schirme immer verkehrt herum gehalten werden, so dass das Geld der verbliebenen europäischen Steuerzahler sich in ihnen sammelt.

Der Rettungsschirm für spanische Banken wäre eine gute Nachricht, schreibt das Mallorca-Magazin. Die Banken können dann wieder Kredite vergeben. Aber an wen? Haben Sie eine Idee?

Optimierter Optimismus

Wie jedes Jahr bricht im Frühjahr eine große Euphorie über die Touristenzahl los, welche auch niemals abebbt, selbst wenn es in den Straßen schon leer geworden ist. Die Presse und die angeschlossenen Organe zur Verbreitung von schön geschriebenen Pressemitteilungen funktioniert tadellos. Im Februar hieß es, die Besucherzahlen 2012 werden um zehn Prozent steigen. In Afrika ist es zu gefährlich. Auf griechischen Inseln möchte im Moment niemand Urlaub machen – vor allem nicht die Deutschen. Eine Prognose aus Hoffnung und Glaube, die immer wieder korrigiert wird weil sie falsch war.

Diese Schlagzeile gefällt mir am allerbesten – Mallorca setzt konsequent auf den Straßenbau. Trotz aller Sparzwänge wird investiert. 165 Millionen € gibt man für Beton und Asphalt aus. Der Etat der Insel beträgt in diesem Jahr 1,3 Milliarden Euro. Mit mehr Autobahnen wird jede Zukunft besser. Garantiert.

Es sieht aber so aus, als ob nur die Deutschen der Insel die Treue halten. Die Buchungszahlen der Spanier liegen dagegen mit 20 Prozent unter dem Vorjahr und auch den Briten fehlt das Geld, um ihre weißen Bäuche in der balearischen Sonne krebsrot färben zu lassen. Doch die Zahlen erschrecken niemanden, vor allem nicht die Abteilung zur Umlenkung von verwirrten Kometen und zur Erheiterung geneigter Leser.

Im Moment setzt man gerade auf Last Minute Buchungen. Die kommen garantiert. Alle auf einmal. In großer Zahl mit einer noch größeren Dynamik. Die Frage ist bloß wann? 2017? Und im Herbst wird man feststellen, dass 2012 wieder ein verlorenes Jahr war, während die gefeierten neuen Jobs auslaufen.

Inzwischen wurde die Frühjahrsprognose kassiert wie das Frühjahrs-schlecht-achten der deutschen Wirtschaftsweisen. Wenn es keinen Mangel gibt, dann in Sachen Sonnenscheindauer, leer stehender Wohnungen und ökonomisch verdorbenen Hirnschmalz. Laut der Balearenregierung soll die Wirtschaftskrise Ende 2013 ausklingen. Diese Meldung hört man täglich. Die eiserne Sparpolitik soll der Grund für den Aufschwung sein. Wie das funktionieren soll, verstehe ich nicht. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um gute Nachrichten in täglicher Wiederholung – übrigens schon seit 2008.

Präsidenten kommen und gehen auch auf der Insel. Ihre Botschaften sind immer die Gleichen. Wahrscheinlich werden sie auf dem Kopierer vervielfältigt.

Hupen und anderer Krach

Doch es gibt noch andere Neuigkeiten. Inzwischen gibt es fast täglich Demonstrationen auf den Straßen. In der Presse nennt man diese Leute „Politisch Motivierte“. Gestern weigerten sie sich Tickets im Bus zu bezahlen. Die Polizei rückte an. Ruhestörung. Letzte Woche gab es Hupkonzerte auf den Straßen. “Hupe, wenn du dich von den Banken ausgeraubt fühlst.” , so ihr Motto. Am Samstag löste diese Aktion ein Hupkonzert auf den Avenidas in Palma aus. Auch in Barcelona finden regelmäßig ähnliche Proteste statt. Hupkonzerte und Topfschlagen gegen die Sparpolitik von „Politisch Motivierten“. Was für ein seltsamer Begriff für eine Gruppe von Leute in wirtschaftlicher Not und dem Verlangen nach Aufmerksamkeit für ihre missliche Lage.

Anfang Juni gab es übrigens 370 Millionen Euro für Unternehmen. Der Inselrat hatte mit einem Schlag zahlreiche Verbindlichkeiten gegenüber seinen Gläubigern aus den letzten Jahren beglichen. Die Balearen-Regierung darf in diesem Jahr 842 Millionen Euro neue Schulden machen, um 245.000 offene Rechnungen zu begleichen. Die Schuldenlast steigt damit auf 5,3 Milliarden Euro.

Der Redakteur der Abteilung zu Beglückung missbrauchten Papiers schrieb:

„Das rettet konkret Arbeitsplätze, da nun Löhne und Gehälter ausbezahlt und Betriebskosten gedeckt werden können.“

Vielleicht ist man unter der Kathedrale in Palma auf eine Goldmine gestoßen? Es kommt nur darauf an, eine Nachricht so gut wie möglich zu verkaufen. Ich rate dem Produzenten solcher Kommentare das Öffnen der Fenster und viel frische Luft – und begebe mich an selbige. Sollte es nach Schwefel riechen, vielleicht macht der Teufel hier gerade auch Urlaub. Zu Studienzwecken oder gibt Nachhilfe. Ich liebe Schwefeldampf. Er kündet von der Zukunft.


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5 Kommentare auf "2012: Mallorca – wie es sinkt und kracht"

  1. schlussstrich sagt:

    Passt dazu: Auf den Kanaren wurde gestern der IGIC-Steuersatz von 5% auf 7% erhöht

  2. Karl Napp sagt:

    Wie kommt man denn da unter, Hotel oder besser Apartement mieten?

  3. Avantgarde sagt:

    „Mit mehr Autobahnen wird jede Zukunft besser. Das war jetzt vielleicht politisch unkorrekt.“

    …und am deutschen Wesen soll bekanntlich ja die Welt genesen 🙂

    Beides ging irgendwie noch nie gut.

    • schlussstrich sagt:

      Sicher wird mit Autobahnen die Zukunft besser: Die Urlauber kommen schneller von Lokal zu Lokal und geben dem entsprechend mehr aus 🙂 Ist doch logisch!
      Noch logischer auf Gran Kanaria: Dort wird zur Zeit an einer Schnellbahn gebaut, für schlappe 40 km Strecke, mit nem Tunnel von ca. 15 km Länge. Wer bezahlt das wohl? Oder wird das doch in Ermangelung von Papier ein Industriedenkmal?
      Politisch gewollt, aber was soll’s? Ist der Ruf erst ruiniert – lebt es sich ganz ungeniert! Die paar EU-Euro.

      • Avantgarde sagt:

        Die Entwicklung der letzten 10-15 ist auf all diesen Urlaubsinseln – egal ob Kanaren, Balearen, Madeira… durchaus imposant.
        Wobei es für mich dadurch doch auch leider sehr an Reiz verloren hat.
        Ich mag den Massentourismus halt nicht sonderlich – ich fand es früher einfach schöner.


        Frank Meyers bezug auf die Autobahnen war allerdings wohl etwas anders gemeint 🙂

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