Make Taxes small again! Wer braucht da noch Steueroasen

7. Dezember 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Kaum jemand hätte wohl damit gerechnet. Mit dem Beschluss des US-Senates steht Donald Trump seit dem 2. Dezember kurz vor der Umsetzung eines seiner zentralsten Wahlversprechen. Eine groß angelegte Steuersenkung, die vor allem auf Ebene der Unternehmen ansetzt…

Ab 2019 sollen diese lediglich mit 20% statt bisher 35% belastet werden. Nachdem unterschiedliche Entwürfe den Senat und den Kongress passiert haben, sind zwar die finalen Sätze noch nicht fixiert. Noch vor Weihnachten könnte der Präsident das neue Gesetz unterschreiben, sobald die den Kongress und den Senat durchlaufenen Entwürfe harmonisiert wurden. Klar ist jedoch bereits heute, dass die USA den Steuerwettbewerb deutlich aufmischen werden. Für nicht wenige europäische Politiker ist dies verständlicherweise besorgniserregend. Denn Wettbewerb beim „Allerheiligsten“, nämlich dem, was man den Bürgern aus der Tasche nimmt, fürchtet man hier wie der Teufel das Weihwasser. An der Börse sieht man dies freilich anders.

Dort feierte man die Nachricht bereits am Montag mit deutlichen Kursaufschlägen. Zu den größten Gewinnern zählen solche Unternehmen, die ihr Geschäft überwiegend in den USA betreiben, und daher nahezu den Höchstsatz bezahlen. Nach Schätzungen der UBS werden die Gewinne im S&P 500 mittelfristig um annähernd 10% steigen. Ein ganz besonderer Profiteur dürfte dabei unser Musterdepotwert Berkshire Hathaway* sein. Denn nicht nur die Gewinne der zum größten Teil in den USA angesiedelten Töchter des Unternehmens könnten nach Schätzungen von Analysten zukünftig bis zu 15% höher ausfallen, auch die aufgelaufenen Gewinne im Aktiendepot der Buffett-Holding werden weniger belastet.

Berkshire dürfte daher Steuerrückstellungen von bis zu 27 Mrd. USD auflösen und diese dem Eigenkapital hinzurechnen. Bereits im Smart Investor 6/2017 haben wir auf der S. 21 mehrere Szenarien zum Buchwert und den möglichen Rückkaufwert der Aktie vorgerechnet. Während in den USA also nach wie vor alles wie eitel Sonnenschein aussieht, stimmen uns die Charts einiger großkapitalisierter deutscher Aktien dagegen zuletzt vorsichtig.

Zu den Märkten

Beim DAX erleben wir in den letzten Tagen ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle. So richtig können sich die Marktteilnehmer derzeit nicht entscheiden, was sie den deutschen Blue Chips noch zutrauen. Anders gesagt: Sie entscheiden sich jeden Tag und jede Stunde aufs Neue. Tritt man einen Schritt zurück, dann sieht man deutlich, dass dieses Geschiebe derzeit um eine bedeutende Kursmarke herum stattfindet – diejenige von 13.000 Punkten (vgl. Abb., blaue Linie).

Die Marke war bereits im Oktober umkämpft, als der Kurs dann letztlich doch noch zum Gipfelsturm ansetzte (gelber Bereich, links). Nahezu Spiegelbildliches passiert nun auf der anderen Seite des Gipfels (gelber Bereich, rechts), jedoch mit zwei feinen Unterschieden: Die Volatilität ist nun deutlich angestiegen und die beiden Tage mit den größten Umsätzen (graue Markierung) waren Abwärtstage. Schon aus dieser Konstellation wäre tendenziell ein Ausbruch nach unten zu erwarten. Konsolidierungsformationen wie diese werden nämlich üblicherweise trendbestätigend verlassen. Während der linke Konsolidierungsbereich nach steigenden Kursen erreicht und mit steigenden Kursen verlassen wurde, wurde der aktuelle Konsolidierungsbereich mit fallenden Kursen erreicht und sollte entsprechend mit fallenden Kursen verlassen werden.

Das Kursgeschehen der letzten Wochen und Monate kann man zudem als eine Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation interpretieren (rote Markierungen). Sollte die Nackenlinie, die aktuell bei ca. 12.800 Punkten verläuft durchschlagen werden, dann wären rein charttechnisch weitere Kursverluste programmiert. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der DAX damit auch an der Marke von 13.000 Punkten gescheitert wäre. Es gibt also viele gute charttechnische Argumente, die derzeit auf eher fallende Kurse hindeuten. Ob dem Index ein Befreiungsschlag in Richtung Jahresendrally gelingt, ist mehr als fraglich.

Auch bei DAX-Schwergewicht SAP ist das Chartbild nicht mehr so eindeutig positiv wie bislang. Es begann damit, dass das Anfang November erreichte Allzeithoch nicht verteidigt werden konnte. Im Gegenteil, die Aktie fiel sogar wieder unter das Ausbruchsniveau bei rund 96,50 EUR (Abb., grüne Waagrechte) zurück. Auch hier zeigt sich übrigens eine kleine Schulter-Kopf-Schulter-Formation (rote Markierungen), deren Nackenlinie bereits durchschlagen wurde.

Als nächstes steht ein Test des steilen, zweijährigen Aufwärtstrends (blaue Linie) an. Bricht die Aktie unter diesen Trend aus, dann ist der nächste Halt erst der seit dem Jahr 2008 gültige Aufwärtstrend (schwarze Linie).

Einer der kleineren DAX-Werte, die Merck KGaA, zeigt, wohin so ein versagendes Allzeithoch letztlich führen kann. Der Titel stürmte bereits im Mai auf eine solche einsame Spitze, konnte sich dort aber nicht halten. Beim zweiten Versuch wurde nicht einmal mehr dieses Niveau erreicht (Abb., gelbe Markierung) – ein echtes Schwächezeichen.

Es folgte ein rascher Abverkauf, der zunächst unter die 200-Tage-Linie (grau) führte und dann mit einem Abwärts-Gap auch noch den Aufwärtstrend seit 2011 (blaue Linie) nach unten durchbrach. Was folgte, war eine geradezu klassische Pullback-Bewegung an diesen Aufwärtstrend. Unabhängig von eventuellen Gegenbewegungen ist der mittelfristige Trend hier erst einmal weiter abwärts gerichtet.

Möbeltraum geplatzt

Es passiert nicht häufig, dass ein MDAX-Titel, den wir erst vor wenigen Monaten im Heft als „Goodbye“ eingestuft haben, an einem einzigen Tag um mehr als 65% einbricht. Doch die Nachrichtenlage zu dem südafrikanisch-deutschen Möbelkonzern hat es in sich: Nach neuesten Informationen erhärtet sich der Verdacht von Bilanzungereimtheiten. Der CEO, Markus Jooste, sei deswegen zurückgetreten. Dessen Job wird temporär vom Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Christo Wiese übernommen. Die für morgen geplante Veröffentlichung der Zahlen für das Geschäftsjahr 2017/18 werde verschoben, „bis sich das Unternehmen dazu in der Lage sieht“.

Möglicherweise müssten auch die Zahlen für die Vorjahre angepasst werden. Kurioserweise warnt das Unternehmen selbst vor dem Handel in seiner eigenen Aktie. Bereits im Mai hatten wir im Smart Investor 5/2017 auf die bilanzielle Intransparenz der Blackbox Steinhoff hingewiesen. Die Realität sieht noch einmal dramatischer aus. Mit einer Meldung wie der heutigen wird nicht selten die Todesspirale eines Unternehmens in Bewegung gesetzt. Denn welche Bank, welcher Lieferant möchte schon mit einem Konzern zusammenarbeiten, dessen Zahlen man nicht trauen kann? Die Akte Steinhoff ist gleichzeitig ein Lehrstück darüber, wie lange eine Luftnummer an der Börse überleben kann. Dennoch lohnt es sich, den Finger in die Wunde zu legen, auch wenn man dabei manchmal langen Atem braucht.

Fazit

Obwohl die Saisonalität immer deutlicher für den DAX sprechen würde, tut sich der deutsche Leitindex schwer, das aktuelle Niveau zu verteidigen. Die nächsten Tage sollte man den Index daher genau beobachten, ob sich doch noch die traditionelle Jahresendrally einstellt.
© Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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