Made in Japan: Neues aus dem Laboratorium des Dr. Frankenstein

22. September 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Inflation – Auf Teufel komm raus!

Innovation ist der Treiber der Wirtschaft. Warum, so dachte man wohl bei der Bank of Japan, sollte da die Geldpolitik eine Ausnahme machen – und wurde innovativ. Mit dem gerne kolportierten Selbstverständnis als „Währungshüter“ hat der Innovationswettlauf der Notenbanken allerdings nicht mehr viel zu tun.

Wer dachte mit Null-, na gut, Negativzinsen, wäre das Ende der Fahnenstange erreicht, der hat die Rechnung ohne den Einfallsreichtum der Geldhersteller gemacht. Die jüngste „Innovation“ stammt – wie angedeutet – aus Japan und es geht dabei ausdrücklich nicht um die Bewahrung des Geldwertes…

Im Gegenteil: Trotz aller Bemühungen und einer bisher schon ultralockeren Geldpolitik ist der Yen noch immer sehr viel wertstabiler, als es den Notenbankern lieb ist. Aus der ursprünglich einmal angestrebten Obergrenze (!) einer Geldentwertung von 2% p.a. ist inzwischen eine Zielmarke geworden. „Geldentwertung ist Stabilität“, hätte George Orwell wohl postuliert. … und Innovation führt zu Inflation, darf man heute ergänzen. Soll sie zumindest. Denn unter dem Ausbleiben von Inflation leiden vor allem die Schuldner, deren Verbindlichkeiten sich real aufwerten.

Das bewährte Geschäftsmodell, heute Kredit aufzunehmen, der in der Zukunft mit entwertetem Geld zurückbezahlt wird, funktioniert in einer deflationären Umgebung nicht. Die Staaten als größte Schuldner – Japans Staatsverschuldung liegt bei sportlichen über 240% des BIP – wären theoretisch am stärksten von einer Deflation betroffen. Praktisch sind sie es natürlich nicht in dem Maße, weil Staaten ihre Schulden ohnehin nicht zurückbezahlen. Wovon denn auch? Das aber will man so deutlich nicht sagen. Ein guter Geldpolitiker ist inzwischen vor allem auch ein guter Kosmetiker.

Flach wie ein Brett

Bislang reichten weder ein Strafzins von -0,1% p.a. noch Käufe von japanischen Regierungsanleihen (JGBs) durch die Bank of Japan in Höhe von jährlich 80 Billionen Yen (ca. 700 Mrd. EUR) aus, um dem Leichnam auch nur ein paar rosige Bäckchen zu schminken. In inflationäre Wallung geriet er ohnehin nicht mehr. Schlimmer noch: Langsam beginnt er zu stinken.

Knapp 40% der japanischen Staatsschuld besitzt inzwischen die japanische Notenbank selbst. Während so munter die Schulden, pardon, Reserven, oder was auch immer zwischen der linken und der rechten Tasche zirkulierten, wurde die Zinsstrukturkurve flach wie ein Brett. Natürlich lässt sich mit einem solchen „Flatliner“ durch Fristentransformation keine Marge mehr machen. Da muss sogar eine in der Leichenfledderei erfahrene Branche wie das Bankwesen kapitulieren.

Zum Glück gibt es aber Haruhiko Kuroda und seine Mannen von der Bank of Japan, die dem Leichnam – wie einst Dr. Frankenstein – nun wieder frisches Leben einhauchen wollen: Die Zinsstrukturkurve soll wieder steiler werden. Voraussichtlich wird auch das nicht funktionieren, aber man kann zumindest den Anschein erwecken: Entweder, in dem man den Kopf (langes Ende) anhebt – was ziemlich ausgeschlossen ist –, oder in dem man die Füße (kurzes Ende) weiter und weiter absenkt. Aufhören wird man damit nicht eher, bevor das Wasser bis zur Unterlippe steht – sofern die dunkelbraune Brühe in der man sich geldpolitisch bewegt, überhaupt Wasser ist. In der Sprache der Notenbanker klingt das etwas vornehmer: Die Geldpolitik wird „flexibler und nachhaltiger“. Na dann, Prost!

„Japanisches Roulette“

Zwar gab es sogar in der Bankenwelt kritische Anmerkungen zur neuen Nachhaltigkeit à la Kuroda – die Commerzbank sprach von „Japanischem Roulette“ –, an den Märkten überwog aber die positive Aufnahme. Der Nikkei-Index schloss fest und auch die deutschen Aktien drehten deutlich ins Plus. Da auch Edelmetalle zulegen konnten, dürften die Aufwärtsbewegungen weniger der Begeisterung über die neueste Kreation der Fiat-Money-Alchemisten geschuldet sein, sondern eher eine Flucht aus dem japanischen und allen anderen Geldlaboratorien darstellen. Wir sehen bekanntlich in solchen Fluchtbewegungen – raus aus dem Geld und rein in die Sachwerte – lupenreine Erscheinungsformen eines Crack-up-Booms.

Ein Thema, das uns in der nächsten Zeit sicher noch öfter beschäftigen wird. Der neue Smart Investor, der zum Wochenende erscheint, steht – wie traditionell in der Oktober-Ausgabe – im Zeichen des Kapitalschutzes. In unserem großen Kapitalschutzreport 2016 analysieren wir die aktuellen Rahmenbedungen und geben konkrete Handlungsempfehlungen. Auch beschäftigen wir uns mit möglichen Szenarien der Makroentwicklung, auf die sich Anleger schon jetzt vorbereiten sollten.

Zu den Märkten

Nahtlos nahmen die Anleger die Vorgaben aus der japanischen Notenbank auf und trieben Aktien und Edelmetalle nach oben. Nachdem zunächst noch das Motto „Geht Butter, geht Käse“ vorherrschte, verlief die Bewegung im weiteren Tagesverlauf differenzierter. Während der DAX einen Teil seiner Gewinne wieder abgeben musste, zogen die Edelmetalle weiter an. Auch auf dieser Ebene scheint sich unser Eindruck also zu bestätigen, dass wir hier keine originäre Stärke der Dividendentitel sondern eine Fluchtbewegung aus den Fiat-Money-Systemen sehen.

Unabhängig davon, was die konkreten Überlegungen der Marktteilnehmer gewesen sein mögen, bilden die verbreiteten Crash-Ängste zurzeit jene „Mauer der Angst“, an der die Kurse genügend Halt finden, um daran emporzuklettern.

2016_09_21-dax

Mit dem heutigen Tag sind wir einer positiven Auflösung der aktuellen DAX-Situation wieder ein Stückchen näher gekommen (vgl. Abb.). Entscheidend ist, dass nun auch die wichtige Chartmarke von 10.500 DAX-Punkten zügig zurückerobert wird. Wenig Begeisterung ist dagegen nach wie vor an der Kursentwicklung der Deutschen Bank abzulesen. Sie stürzte gestern gefährlich nahe an ihr bisheriges Verlaufstief heran und konnte sich auch heute nicht überzeugend davon lösen. Auch daran ist wieder ein Dilemma des staatlichen Interventionismus zu sehen – er wirkt selten da, wo seine Wirkung am dringendsten benötigt würde.

Fazit

Mit der Bank of Japan zeigte sich erneut eine Notenbank „innovativ“ – jetzt soll die Zinsstrukturkurve manipuliert bzw. modelliert werden. Wenn in diesen Kreisen von „Innovation“ gesprochen wird, dann ist Inflation gemeint. Zumindest eines muss man den in bester Frankenstein-Manier agierenden Notenbankern zugestehen – ja, sie können Monster erschaffen.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

 

Ein Kommentar auf "Made in Japan: Neues aus dem Laboratorium des Dr. Frankenstein"

  1. Aristide sagt:

    „Japanisches Roulette“, ich dachte das heißt „Seppuku“?! Egal, beides liefert wohl das gleiche Ergebnis. 😉

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