Mach Dich auf den Acker!

29. Mai 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die Preise von Agrarrohstoffen waren in den vergangenen Jahren massiv unter Druck. Mit Mais und Weizen war wenig zu verdienen, das gilt für Landwirte wie für die Long-Positionen der Futureshändler. Nicht nur inflationsbereinigt sind die Preise mittlerweile auf interessante Niveaus gefallen…

Wer sich für Aktien interessiert und nicht nur auf die Standardindizes schaut, sondern sich regelmäßig auch die Sektorcharts zu Gemüte führt, dem ist der Ausbruch bei den Agrarfirmen in den USA nicht entgangenen. Der Market Vectors Agribusiness etwa gönnte sich nach langer Seitwärtsphase einen Ausbruch nach oben. Blickt man auf die Kursverläufe inklusive der Dividenden, so zeigt sich ein neues Allzeithoch.

Weil Einflüsse der Stimmungslage an den Aktienmärkten auf einzelne Sektoren nicht zu leugnen sind, fällt unser Blick dieses Mal auf die Rohstoffe des Agrarsektors. Viele Preischarts zeigen im großen Bild nach unten. Weizen und Mais erreichten wieder die Tiefs von 2009 (? NACHSCHLAGEN), als es mit den Notierungen nicht nur beim Ackerbau rapide bergab ging.

Der folgende Chart zeigt den Verlauf der Spotpreise des GSCI Agricultural Index, also der täglich gehandelten Preise. Auf die Entwicklung der Futures gehen wir im Nachgang ein. Auf den scharfen Einbruch im Jahr 2008 folgte eine Erholung, die zu neuen Hochs führte. Danach ging es erneut um mehr als 40% bergab, so dass der Tiefpunkt von 2008 wieder erreicht wurde.

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Im ganz großen Bild sieht es aus wie folgt.

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Interessant ist die Betrachtung der inflationsbereinigten Kursverläufe der Spotpreise über einen längeren Zeitraum. Die bereinigten Preise lagen selten tiefer. Bemerkenswert ist der langfristige Abwärtstrend seit den 70er Jahren. Es ist schon interessant, wie laut das Geschrei um Lebensmittelspekulation und finstere Zocker anschwillt, sobald die Preise ein paar Wochen deutlich steigen. An diejenigen, die das Kraut zum Wachsen bringen, es am leben halten und später die Ernte einfahren denkt man dabei nicht. Es ist schon seltsam, wie oft eine Seite der gleichen Medaille vergessen wird und wie sehr in Vergessenheit gerät, dass unabhängig vom Fleiß und von der Arbeit ein großer Anteil des Einkommens vom Preis eines Gutes oder einer Dienstleistung abhängen. Fallende und sinkende Rohstoffpreise sorgen für Gewinner und Verlierer. Es ist wie beim Kurs der heimischen Währung.

Auf die langfristigen Preisverläufe schaut man vielerorts nicht. Das gilt auch für Nichtregierungsorganisationen – eine überaus nichtssagende Bezeichnung, die viele warum auch immer generell mit einer Mischung aus Heldenmut und Intelligenz gleichsetzen. An großen Klageliedern und guten Ratschägen herrscht oft kein Mangel, für einen Blick auf die langfristigen Zeitreihen bleibt oft keine Zeit. Vielleicht mangelt es auch am Interesse.

Die folgende Grafik zeigt die langfristige Preisentwicklung der Agrarrohstoffe, adjustiert mittels des allgemeinen Preisindex (CPI, Consumer Price Index).

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Die Kurse haben Niveaus erreicht, wie sie an den Tiefpunkten der Preisbewegungen der letzten Jahrzehnte zu beobachten waren. Im folgenden soll wie eingangs erwähnt der Verlauf der Futures-Verläufe dargestellt werden. Die Erträge aus einer Long-Position im Weizen Future hat langfristig nur bedingt Ähnlichkeit mit dem Verlauf des Spotpreises. Je nachdem, wie die Strukturkurve der Terminkontrakte sich im Zeitverlauf ändert, so ändern sich auch die Rahmenbedingungen für Anleger am Terminmarkt. Dies nicht zu beachten kann schnell zum finanziellen Fiasko führen, dass dann zwar nicht verstanden wird, aber dennoch oder gerade deshalb selbst verschuldet ist.

Für Anleger und solche, die es werden wollen, soll daher der (an den Terminmärkten überlebens-) wichtige Hinweis auf die Strukturkurve nicht fehlen. Manch ein Privatanleger entdeckt zufällig oder durch ein angenehm zu lesendes Buch die Rohstoffe für sich. Fleißig wird in der Folge zum Zertifikat, CFD oder auch zum Future gegriffen um sich als Baumwollspekulant oder kommender Mais-Tycoon zu versuchen. Das geht wie an anderen Stellen des Finanzmarktes oft in die Hose. Selten aber sind den gescheiterten Anlegern die Gründe für die Probleme so wenig bewusst wie am Rohstoffmarkt. Einen der Gründe für das Scheitern, der für Anfänger oft besonders schwer zu greifen ist, ist die Terminkurve. Sie gibt Auskunft darüber, wie die Preise bestimmter Rohstoffkontrakte in Abhängigkeit von der Fälligkeit des Kontrakts aussehen. Die folgende Tabelle zeigt dies beispielhaft an der aktuellen Kontrakttabelle des Weizen-Futures.

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Die Preise von weiter in der Zukunft liegenden Kontrakten notieren zunehmend höher als der aktuelle Spotpreis. Diese Struktur nennt man Contango, das Gegenteil ist die Backwardation. Ist die Kurve flach, heißt sie flach. Es muss halt nicht alles einen schlauen Namen tragen. Wichtiger als die Namen sind die Konsequenzen, die diese Kurve für Anleger hat. Beim Contango bezahlt (bzw. erhält im Falle einer Short-Position) man umso mehr für einen Kontrakt, je weiter dessen Fälligkeit in der Zukunft liegt.

Wer also wie in der Tabelle seinen Weizen zur Lieferung im Dezember 2015 kauft, der zahlt 527,25 cents. Wer es für den Dezember 2016 kauft zahlt 68,50 cents mehr. Dieser Preis ist mit dem Eingehen einer Long Position im Future fixiert. Angenommen der Spotpreis liegt bei 520 cents Bewegt sich nun der Weizenpreis am Spotmarkt, quasi an der Ladenkasse, nicht und bleibt bis in den Dezember 2016 stabil, dann verliert der Halter der Longposition die Differenz aus den bezahlten 595,75 Cents und dem Preis von 520 cents. Das ist eine Menge, immerhin 940 Dollar Verlust pro Kontrakt, ohne dass sich der Spotpreis verändert hat.



Wie man sieht steht ein Terminkontrakt zwar für ein lineares Risiko, hat aber dennoch seine Tücken. Die Essenz lautet: Wer einen Future long geht, verdient nicht zwangsläufig Geld, nur weil der Rohstoffpreis am Spotmarkt im Zeitverlauf anzieht. Das mag schwer verdaulich klingen, ist aber für das Verständnis von Rohstoffmärkten und auch Rohstoffpreischarts und vor allem langfristige Backtests elementar. Wer Handelssysteme mit nicht adjustierten Daten testet erhält möglicherweise hübsch aussehende Statistiken. Solche Backtests sind schlimmer als wertlos. Sie sind sachlich falsch und damit irreführend.

Die folgende Grafik zeigt den adjustierten Verlauf des Erdgas-Futures (Henry Hub), der ein schönes weil deutliches Beispiel abgibt. Die Grafik zeigt im oberen, wie es einem Futures-Käufer ergangenen wäre. Der nicht adjustierte Verlauf darunter wird leider viel zu oft von Anlegern auch für Backtests herangezogen.

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Bei derartigen Bewegungen geht es schnell um richtiges Geld. Bei nur einem Kontrakt macht der Unterschied 130.000 Dollar aus.

Der Spotpreis gibt interessante Einblicke in den Verlauf der tagesaktuellen Preise, hat aber mit dem Verlauf eines Futures-Investments nicht zu tun. Das gilt in gleichem Maße für Zertifikate, ETCs oder ähnliche Produkte, die auf Futures oder Futures-Indizes basieren. Damit ist der Großteil der Rohstoffanlagen betroffen, die für Privatanleger zur Verfügung stehen und von diesen auch fleißig genutzt werden.

Wem dies bereits zu kompliziert ist, und wer nicht ohnehin nur sehr kurzfristig agiert, der sollte sich vom Rohstoffmarkt besser fernhalten. Es ist auch wesentlich risikoärmer, beim Grillen einen Maiskolben aufs Rost zu legen.

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