Lügende Landschaften

13. Mai 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Als der damalige Bundeskanzler Kohl vor über 20 Jahren von blühenden Landschaften sprach, die nach der Wiedervereinigung im Osten entstehen würden, hatte man schnell realisieren müssen, dass man sich da ein wenig übernommen hatte. Aber man stellte den Fehler nüchtern fest, erklärte, dass es ein wenig länger dauern würde, suchte nach Lösungen und setzte sie um. Heute laufen die Dinge anders…

Als vor über drei Jahren nicht mehr zu vertuschen war, dass die damaligen Mahner bezüglich der Währungsunion innerhalb Europas recht hatten und es das oberflächlich so blühende Gefüge der Eurozone mit lautem Knall zerriss, tat man umgehend so, als sei ein unbarmherziges Schicksal schuld, suchte nach Schuldigen und unternahm nichts. Heute haben wir keine Perspektive für blühende Landschaften in der Eurozone, denn was wir vorfinden, sind „lügende Landschaften“. Wo man hinsieht, wird vom unmittelbar bevorstehenden Aufschwung gefaselt, ob in Brüssel, Madrid, Paris oder Berlin. Aber der steht schon seit zwei Jahren immer unmittelbar vor der Tür und kommt nicht. Und Tatsache ist, dass die eigentlichen Probleme, die in der Verschiedenheit der Strukturen der einzelnen Länder zu suchen sind und nicht mal eben im Vorbeigehen behoben werden können, gar nicht erst angegangen werden.

Die Bürger werden seit Jahren mit blumigen Sprüchen ruhig gestellt – was bislang zumindest auch in den weniger betroffenen Ländern wie Deutschland funktioniert, solange die Leute dort nur das Elend der anderen in den Nachrichten betrachten müssen und ihr eigener Job noch da ist. Wenn ein deutscher Finanzminister sagt, dass der Anstieg der Aktienmärkte ein Signal dafür sei, dass die Menschen der Eurozone wieder Vertrauen entgegenbringen, ist das entweder Hohn oder eine der Blüten aus den „lügenden Landschaften“ Europas. Denn es ist alleine der Mangel an Alternativen, der all diejenigen in die Aktienmärkte treibt, die sich das noch leisten können und/oder von den niedrigen Zinsen unmittelbar profitieren.

Aber Otto Normalverbraucher ist das nicht, der da profitiert. Bei dem kommt die Geldschwemme, die Politik, die jetzt nicht mehr die des billigen Geldes, sondern letzten Endes des „verschenkten Geldes“ ist, nicht an. Die Banken stoßen sich mit Gewinnspannen gesund, die selbst am Anleihemarkt noch spürbar sind, wenn man das Geld mehr oder weniger einfach in die Tasche gesteckt bekommt. Dass trotzdem dort hinter jeder Ecke eine Gletscherspalte lauert, in der binnen Stunden Milliarden verschwinden können, sollte den Menschen der Eurozone klarmachen, wie verfahren die Situation ist, deren Grundstein letzten Endes bereits vor vielen Jahren mit der Niedrigzins-Politik der USA gelegt wurde. Dumm nur, dass die Mehrheit dieser Menschen diese Problematik entweder nicht erfasst oder nicht erfassen will, weil es sich hier immer noch um ein Problem anderer Leute handelt.

Ein Problem beispielsweise der Griechen, der Spanier, der Menschen in Zypern oder Portugal. Offizielle Arbeitslosenraten über 25 % in Griechenland und Spanien, eine Jugendarbeitslosigkeit im Bereich von 60 % – das ist eine ausweglose Situation. Und wenngleich die Politik immer wieder betont, dass man sich sehr wohl darüber klar sei, dass diese Politik des verschenkten Geldes der Notenbanken nur Zeit erkauft und keine Probleme löst, so geht man sie dennoch weiterhin nicht an. Weder in Europa noch in den USA.

Die Perspektiven für die kommenden Jahre sind höchst unerfreulich. Wie immer unmittelbar vor Beginn einer großen Krise wird allgemein behauptet, dass bestehende Probleme regional begrenzt bleiben werden. Ich werde nie vergessen, wie der damalige Präsidentschaftskandidat Cheney immer wieder daherplapperte „the economy ist strong“. Und das 2008, während die Aktienmärkte und die Konjunktur bereits in die Knie gingen und der Crash unmittelbar vor der Tür stand. Auch heute bildet man sich ein, dass das soziale und wirtschaftliche Elend auf den südlichen Bereich der Eurozone beschränkt bleiben wird. Aber wie sollen die Auswirkungen dauerhaft von den noch top oder sehr gut gerateten Ländern ferngehalten werden, wenn die Rezessionen der notleidenden Länder hinsichtlich der fallenden Exporte dorthin nicht von anderen Regionen wie den USA oder Asien kompensiert werden können? (Seite 2)

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